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Die Blogger verstummen

Was war das für ein Hype: Vor wenigen Jahren hatte jeder, der etwas auf sich hält, einen Blog. Heute verändert sich die Szene immer mehr.

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Bild: Flickr, dobrych
Wie Pilze sind sie in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen, die Logbücher im Web, die Weblogs oder kurz Blogs. Das sind Webseiten, die regelmäßig und meist mit persönlichen Beiträgen gefüllt werden. Mehr als 170 Millionen dieser digitalen Tagebücher soll es derzeit weltweit geben. Ob Foodblogs, Modeblogs, Reiseblogs, Wissenschaftsblogs, Strickblogs – es gibt nichts, was es nicht gibt in der so genannten Blogosphäre. 
 
Südtirol ist da keine Ausnahme. Auch hierzulande bloggen Leute über die Berge, über Technik, über Politik, über das Kochen und über alles ein bisschen. Allerdings war es immer eine kleine Szene, die seit einigen Jahren noch kleiner wird. Denn der große Boom rund um die Blogs ist vorbei. „Der Blog ist praktisch tot“, sagt Tanja, eine ehemalige Bloggerin und eine, die Südtirols Blogger-Szene kennt. „Heute bloggen die Leute nicht mehr, sondern twittern oder teilen das, was sie gut finden auf Facebook." Viele Südtiroler, die bis vor vier oder fünf Jahren einen eigenen Blog betrieben hätten, seien heute ziemlich aktiv auf Twitter. Es habe sich verlagert, sagt sie. 
 
Die Krise der Blogger
 
Auch in anderen Ländern spricht man mittlerweile von einer Krise der Blogger-Szene. Eric Kubitz, Journalist und Autor aus Deutschland, untersuchte die Entwicklung genauer. Demnach hätten tatsächlich soziale Netzwerke die Blogs teilweise abgelöst. Andererseits hätten aber wohl einige Blogger gemerkt, dass das Bloggen eben kein Geschäftsmodell sei, sagt Kubitz. Zudem weist er darauf hin, dass Google einen neuen Algorithmus eingeführt hat, der Blogs schlechter wertet als andere Seiten. Das heißt, sie sind weniger gut zu finden als noch vor zwei Jahren. 
 
Auf der Suche nach Südtiroler Blogs tauchen mehrere Webseiten auf, die verwaist zu sein scheinen, die letzten Einträge liegen oft Jahre zurück. Andere wurden komplett gelöscht und sind gar nicht mehr zu finden. Genaue Zahlen zu den derzeit aktiven Bloggern gibt es nicht, sie lassen sich aber wohl an wenigen Händen abzählen, schätzt Tanja. Sie selbst hat ihren Blog vor etwa fünf Jahren eingestellt – in der Zeit, als Facebook und Twitter immer beliebter geworden sind. „Bei sozialen Netzwerken kann ich auch von unterwegs schnell mal was posten“, sagt sie. Deshalb seien sicher auch die Smartphones ein Grund dafür, dass es immer weniger Blogs gibt. Auf dem Weg zur Arbeit oder beim Stadtbummel schreibe man auf seinem Smartphone keine langen Blogeinträge. Aber eben mal was teilen, das gehe immer.
 
Der Blog verändert sich
 
Ganz aussterben wird der Blog aber trotzdem nicht. Zum einen trennt sich nach dem großen Hype die Spreu vom Weizen, überleben werden nur die wirklich guten Blogs. Und üben dann auch Einfluss aus, wie die großen Modeblogger, die bei den Modeschauen mittlerweile in der ersten Reihe sitzen. Andererseits entwickeln sich die Blogs weiter und werden etwa zu Marketingzwecken eingesetzt. Unter den aktiven Südtiroler Blogs befinden sich auffallend viele Wanderblogs und Blogs rund um das Land und seine Vorzüge. Betrieben werden solche Weblogs meist von Hoteliers und Touristikern. „Der Blog als Marketinginstrument ist recht effizient“, sagt Tanja, die auch in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war. Tatsächlich werden Blogs heute vielfach zu Werbezwecken eingesetzt, auch von der Südtirol Marketing Gesellschaft (SMG). Die SMG lud erst kürzlich eine der bekanntesten Food-Bloggerinnen Deutschlands zu einer viertägigen kulinarischen Reise nach Südtirol ein. Der Beitrag auf ihrem Blog mit den vielen Fotos, inszeniert Land und Leute und eben die Küche als persönliches Erlebnis. Die Werbebotschaft dahinter könnte wohl auch ein Werbeprospekt nicht besser rüberbringen. 
 
Dass Blogs aber auch Millionen einbringen können, zeigt das Beispiel der „Huffington Post". Im Jahr 2005 als einfacher Blog gestartet, ist es heute eine globale Onlinezeitung. Die meisten Beiträge für den Polit-Weblog werden von unbezahlten Freiwilligen verfasst. Viele davon sind kurze Zusammenfassungen von Artikeln anderer Medien. Daneben gibt es fast täglich Kolumnen von eigenen Journalisten, sowie Beiträge von Prominenten aus Politik, Journalismus, Wirtschaft und Unterhaltung. Ein Konzept, das Kritik hervorruft. „Spiegel Online" bezeichnet die „Huffington Post" dennoch als das einflussreichste Alternativmedium der USA. Immerhin soll die Seite – nach eigenen Angaben – rund 70 Millionen Besucher im Monat haben. Die Gewinne sollen sich in Millionenhöhe bewegen. Also wird das vielversprechende Konzept im In- und Ausland kopiert, bis sich in der virtuellen Welt wieder neue Pilze entwickeln, die dann zuhauf aus dem digitalen Boden sprießen. 
 
Einige der noch aktiven Blogger Südtirols, stellen wir ab Montag in einer Serie vor. 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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