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The Others

Die Angst der Hazara vor den Taliban

Die paschtunisch dominierten Taliban sind auch Teil eines ethnischen Konflikts. Sie bedrohen die übrigen Nationalitäten in Afghanistan.

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Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Karla K. Marshall/flickr

Die eine Hälfte der Bevölkerung – Mädchen und Frauen – wird einfach wieder weggesperrt. Wie damals schon, vor 20 Jahren, als die Taliban Afghanistan „regierten“, blutig beherrschten. Beruhigend für den Westen kündigten die Islamisten an, Frauen zu respektieren. Aber, die Einschränkung hinterhergeschoben, innerhalb der islamischen Scharia. Also Hausarrest für Mädchen und Frauen.

Die Taliban, Angehörige der Mehrheitsnation der sunnitischen Paschtunen, misstrauen zutiefst ihren Nachbarn. Die Hazara, die Tadschiken, die Usbeken, gelten als Feinde, weil oft andersgläubig, schiitisch, weil persischer oder turkmenischer Nationalität.

Schon in der ersten „Amtsperiode“ der Taliban Ende der 90er Jahre im letzten Jahrhundert waren die Hazara im tödlichen Visier der Taliban. Fünfzehn Prozent der 35 Millionen Afghanen gehören zur Minderheit der schiitischen Hazara. Ihr Siedlungsgebiet liegt im Zentrum des Landes. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind sie immer wieder Opfer ethnischer und religiöser Übergriffe.

Krieg gegen „Ungläubige”                                                                                                                                                                                                

Die Angst unter den Hazara vor der auferstanden Macht der Taliban ist groß. Zu frisch sind noch immer die Erinnerungen an die Taliban-Herrschaft vor zwei Jahrzehnten. Damals ermordeten Taliban Hunderte Hazara-Männer kurz nach der Eroberung der abgelegenen Hochlandregion in Zentralafghanistan.

Mehr als 3.000 Hazara sind damals umgebracht worden. Das bestätigte 1998 die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in ihrem Report. Der Bericht von HRW beruht vor allem auf den Aussagen von Flüchtlingen aus Mazar-e Scharif. Danach wurden vor allem männliche Hazara unterschiedlichen Alters Opfer von Massakern. Gouverneur Mullah Manon Niazi bezeichnete die Hazara-Schiiten öffentlich als „Kafir" (Ungläubige) und hat deshalb zur Gewaltanwendung gegen sie aufgerufen.

Die Hazara wurden aufgrund ihrer leicht erkennbaren mongolischen Gesichtszüge und ihres persischen Dialekts seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als der paschtunische König Abdur Rahman Afghanistan mit Gewalt einte, abwechselnd blutig verfolgt und diskriminiert.

Die Taliban haben in den von ihnen kontrollierten Gebieten die öffentliche Ausübung des schiitischen Glaubens bei Strafe untersagt. Betroffen davon waren die Hazara, die z.B. in der afghanischen Hauptstadt Kabul schätzungsweise mehr als 30 Prozent der Bevölkerung stellen.

„Kennzeichnung“ für Nicht-Muslime                                                        

Im Oktober 1998 verordneten die Taliban, daß alle Nicht-Muslime in Afghanistan ein gelbes Stück Stoff als Kennzeichen tragen sollen. Von dieser diskriminierenden Regelung besonders betroffen waren 50 Hindu-Familien, die vor allem noch im südafghanischen Kandahar, der Hochburg der Taliban, siedeln, fließend Paschtu sprechen und afghanische Pässe besitzen. Am Vorabend der sowjetischen Invasion hatten in Afghanistan noch 20.000 Hindus und 15.000 Sikhs gelebt, deren Vorfahren sich im 17. Jahrhundert dort angesiedelt hatten.

Die Angehörigen dieser kleinen Minderheiten waren meist Händler. Mit ihren Turbanen, mit den bunten Stoffen und den wohlriechenden Gewürzen, die sie verkauften, bereicherten sie die großen Basare. In den letzten 20 Jahren haben die meisten von ihnen Afghanistan in Richtung Indien oder Europa verlassen. Die wenigen Verbliebenen müssen jetzt, da sie noch leichter erkannt werden, vermehrt Übergriffe fürchten.

Die Hazara befürchten, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. Sie misstrauen den Taliban zutiefst.

In der Tat setzen die Taliban nach ihrem Siegeszug ihre „Tradition“ der Zerstörung fort. Vor einigen Tagen sprengten sie die Statue des Hazara-Politikers Abdul Ali Mazari in Bamiyan, „anknüpfend“ an die Zerstörung der Bamiyan-Buddhas während ihrer früheren Herrschaft. Mazari war 1995 von den Taliban hingerichtet worden. Hazara-Quellen haben außerdem bestätigt, dass Salima Mazari, eine der wenigen weiblichen Distriktgouverneure des Landes, verhaftet wurde.

Amnesty International dokumentiert derweil das erste Massaker an Hazara und konnte belegen, dass Taliban-Kämpfer nach der Übernahme der Provinz Ghazni im vergangenen Monat Hazara-Männer getötet haben. Amnesty International erklärte, dass die brutalen Tötungen wahrscheinlich nur einen „winzigen Bruchteil der von den Taliban bisher insgesamt verursachten Todesopfer“ ausmachen, da sie in vielen kürzlich eroberten Gebiete die Mobiltelefonie unterbrochen haben, um die Weitergabe von Fotos und Videos zu unterbinden.

Widerstand in Pandschir

Doch nicht überall im Land herrscht Hoffnungslosigkeit. Nordöstlich von Kabul formiert sich angeblich Widerstand. Als einer der Köpfe gilt Ahmad Massoud. In einem Artikel der Washington Post kündigt er Widerstand an.

Ahmad Massoud ist der Sohn des am 9. September 2001 von Al-Qaida in Afghanistan ermordeten Ahmad Schah Massoud. Er leitete die Nord-Allianz der Tadschiken, Usbeken und Hazara. Ahmad Massourd schreibt: „1998, als ich 9 Jahre alt war, versammelte mein Vater, seine Soldaten im Pandschir-Tal im Norden Afghanistans. Sie saßen da und hörten zu, als der Freund meines Vaters, der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy, sie ansprach. „Wenn du für deine Freiheit kämpfst“, sagte Lévy, „kämpfst du auch für unsere Freiheit.“

Massoud will nach dem Siegeszug der Taliban das Erbe seines Vaters fortführen, Widerstand leisten. Es gibt genügend Munition und Waffen, Soldaten der ehemaligen regulären afghanischen Armee schließen sich der neuen Nord-Allianz an, beschreibt Massoud die Entwicklung.

„Wir wissen jedoch, dass unsere Streitkräfte und unsere Logistik nicht ausreichen werden. Sie werden schnell erschöpft sein, es sei denn, unsere Freunde im Westen finden einen Weg, uns unverzüglich zu versorgen,“ appelliert Massoud an die ehemaligen westlichen Verbündeten. Er hofft auf die Unterstützung der Freunde Afghanistans, dass sie in Washington und in New York, beim Kongress und bei der Biden-Regierung Hilfe für die Nordallianz organisieren.

Die offene Gesellschaft ist und bleibt sein Ziel, bekennt sich Massoud zu Freiheit und Demokratie. „Wir haben so lange für eine offene Gesellschaft gekämpft, in der Mädchen Ärztinnen werden konnten, unsere Presse frei berichten konnte, unsere Jugendlichen tanzen und Musik hören oder Fußballspiele in den Stadien besuchen konnten, die einst von den Taliban öffentlich genutzt wurden für Hinrichtungen – und vielleicht bald wieder,“ warnt Massoud vor einer Verharmlosung der Taliban.

Die Menschen in Pandschir wollen ihre Freiheit verteidigen, ist sich Massoud sicher. Notwendig dafür sind aber mehr Waffen und Munition, damit die Widerstandskämpfer am Hindukusch die Freiheit verteidigen können, bittet Massoud unverblümt um militärische Hilfe.

Doch auch die Kriegsherren der damaligen Nordallianz – die berüchtigten warlords – machten sich schuldig. Die Gesellschaft für bedrohte Völker dokumentierte zahlreiche Kriegsverbrechen der Nord-Allianz. Diese Massaker waren es, die einen Neustart in einem von den Taliban befreiten Afghanistan schon einmal erschwert haben.

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