Die „Relocation“

Wie die republikanische USA den Indianer-Krieg auf bürokratischer Ebene weiterführte. Teil vier der Reihe von Wolfgang Mayr.

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Verwaltungsgebäude des Indianerreservats der Brulé-Lakota 

Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Rolf Blauert Dk4hb/Wikicommons

Die republikanischen Nachkriegs-Präsidenten Truman und Eisenhower säuberten nach ihrem Amtsantritt die USA von ihrem Vorgänger. Der Demokrat Franklin D. Roosevelt und sein sozialdemokratischer New Deal nervten die konservativen Republikaner. Sie hatten sich auch auf den Indian New Deal eingeschossen, den der BIA-Chef John Collier auf den Weg gebracht hatte. Collier versuchte mit seiner IRA-Politik die Schäden des General Allotment Acts einzudämmen, wiedergutzumachen.

Truman war ein bekennender Anhänger der Assimilierung der Überlebenden der militärisch besiegten indianischen Stämme und deren Nachfahren. Eisenhower wurden von den Republikanern in den westlichen US-Staaten dazu gedrängt, das von Präsident Truman verfolgte Ziel der „Termination“ umzusetzen. Farmer, Bergbaugesellschaften, Stromproduzenten und andere Landhungrige hatten es auf das Reservatsland abgesehen. Für sie wurde die HCR 108 verabschiedet.

Warum? Damals befanden sich mehr als ein Viertel aller Energiequellen auf Reservatsland, im 19. Jahrhundert galten diese Landstriche gut genug, dort die dezimierten Stämme zusammenzupferchen. Plötzlich wurde auf diesem wertlosen Land, meist wüstenhaft, trostlose Prärie, wildnishafte Einöde, abgelegen und schwer erreichbar, Kohle, Öl, Erdgas und Uran entdeckt - auf indianischem Land in Oklahoma, Montana, Arizona, New Mexico, Colorado, Kalifornien, Alaska, North Dakota, South Dakota und anderen Staaten mit indianischer Bevölkerung.

Plötzlich wurde auf diesem wertlosen Land, meist wüstenhaft, trostlose Prärie, wildnishafte Einöde, abgelegen und schwer erreichbar, Kohle, Öl, Erdgas und Uran entdeckt - auf indianischem Land.

Die weiße Wähler*innenschaft in diesen Regionen kreuzten immer die Republikaner an, ihre Landgelüste waren immens. Besonders auf nur extensiv genutztes Reservatsland. Sie drängten die republikanischen Regierungen, die mit dem General Allotmet Act begonnene Politik der Enteignung fortzusetzen. Die Umsiedlung der Reservatsbewohner, die Umschreibung für Vertreibung, setzte der neue BIA-Chef um, Dillon S. Myer. Er führte den Old Deal durch, den der Eroberung und Vertreibung. Die Vorgaben waren klar formuliert. In HCR 108 heißt es, für die Angehörigen der verschiedenen Stämme sollen dieselben Gesetze gelten wir für den Rest der Bevölkerung, mit den gleichen Rechten und Pflichten. Das setzte aber voraus, dass die Indianerinnen und Indianer ihren vertraglichen Status als Schutzbefohlene der Vereinigten Staaten verlieren.

HCR 108 sah deshalb vor, alle Indianerstämme und ihre Angehörigen in Kalifornien, Florida, New York und Texas von der Aufsicht und Kontrolle des Bundes befreit werden. Hinzu kamen noch die Flathead – die Salish - in Montana, die Klamath in Oregon, die Menominee in Wisconsin, die Potawatomie in Kansas und Nebraska sowie die Chippewa auf dem Turtle Mountain Reservat in North Dakota. Diese Auflösung beschrieben die Gesetzesmacher als eine Befreiung von den Behinderungen und Einschränkungen, die das BIA den Reservatsbevölkerungen auferlegt hatte. Deshalb sollten auch alle Büros des Bureau of Indian Affairs geschlossen werden. Die HCR 108 war ein konzertierter Angriff auf das restliche Indian Country, auf indianisches Leben, auf indianische Sprache und Kultur.

Dillon S. Myer wurde nicht zufällig an die Spitze des BIA berufen, das er letztendlich abwickeln sollte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Myer von Präsident Truman beauftragt, 120.000 japanischstämmige US-Bürger*innen in Internierungslager einzupferchen. Sie galten als fünfte Kolonne des japanischen Kriegsgegners. „Er wusste also wie derlei Dinge geregelt gehörten, denn er hatte Übung darin“, schreibt Louise Erdrich in ihrem Roman „Der Nachtwächter“.

Manche freiwillig, viele unter Druck.

Myer griff auf die Kriegspolitik zurück, auf die ersten Aussiedlungsprogramme. Er forcierte diese Programme, deshalb verließen zwischen 1950 und 1967 mehr als 61.000 Bewohner ihre Reservate und zogen in urbane Gebiete. Manche freiwillig, viele unter Druck. Myer drängte bereits 1952 mit einem Gesetzesentwurf darauf, dass der Bund sich aus der Treuhand für die indianische Bevölkerung zurückzieht. Auch mit diesem Instrument operierte Myer, bis 1962 terminierte er eine Reihe meist kleinerer 120 Stämme. Sie waren in ihrer gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung genügend fortgeschritten, um in die US-Gesellschaft „integriert“ zu werden.

Von der ersten Welle der Termination betroffen waren drei Prozent der indianischen Bevölkerung, besonders an der Westküste. Sie verloren ihren autonomen Sonderstatus. Sie mussten – nach dem Entfall des Treuhandverhältnisses und der Privatisierung ihres Landes – Steuern zahlen und erhielten keine staatliche Unterstützung mehr. Die einst vertraglich garantierten Entschädigungszahlungen, die dürftige Gegenleistung für den Landraub, liefen aus. Die Bewohner in den Reservaten und die in die Städte umgesiedelten Stammes-Angehörigen mussten Sozialhilfe in Anspruch nehmen.

Ein krasses Beispiel dafür sind die Menominee in Wisconsin, die in der BIA-Ära von John Collier wirtschaftlich unabhängig wurden. Die Termination degradierte sie innerhalb von zehn Jahren zu Wohlfahrtsempfängern. Die Klamath in Oregon verloren durch den zwangsweisen Verkauf von Nutzholz 32 Millionen Dollar. Damit beglichen sie die angehäuften Steuerschulden, beschreibt Claus Biegert an zwei Beispielen die tiefgreifende Auswirkung der Termination. Die Stämme verloren ihre Kontrolle über die Reservate, über ihr Land.

 

Aufgelöst wurden insgesamt 179 Stämme. Sie kämpfen heute – meist recht erfolglos – für ihre bundesstaatliche Anerkennung.

Zwischen 1953 und 1957 der Termination gingen weitere 1,8 Millionen acres (7.300 km²) Reservatsland verloren. Bis zum Ende der Terminationspolitik betrug der Landverlust mehr als 2,4 Millionen acres (9700 km²). BIA-Chef Myers zog seine Politik konsequent durch, die Zustimmung der Stämme interessierte ihn keineswegs.

Aufgelöst wurden insgesamt 179 Stämme. Sie kämpfen heute – meist recht erfolglos – für ihre bundesstaatliche Anerkennung. Die pan-indianische Solidarität in dieser Frage scheint eher dürftig zu sein.

Dillon Myers erhöhte den Druck, er griff auf das erprobte Instrument der „Relocation“, der Umsiedlung, aus den späten 1940er-Jahren zurück. Die Claims Commission bot Stammesangehörigen Geld an, wenn sie ihre Reservate und Familien verließen. Ein Gratisticket, nur für die Hinfahrt. Die Abwanderungswilligen konnten Berufsbildungskurse besuchen. Für Billig-Jobs in den Metropolen, die damals noch als „Schmelztiegel“ funktionierten. 1960 propagierte Präsident Eisenhower die Relocation, die Umsiedlung in die Städte. Bis 1972 übersiedelten 78.000 Angehörige verschiedener Stämme von den Reservaten in die Städte. Mehr als die Hälfte davon fanden Jobs, aufgrund der Perspektivenlosigkeit zog ein Drittel der Betroffenen wieder in die Reservate zurück.

Das BIA wurde unter der Leitung von Myers zum „deep state“, zum „big government“, das sich in das indianische Leben hineinzwängte, vielfach auch zerstörte. Dieser Krieg war erfolgreich mit gravierenden Veränderungen des Indian Country. Die wenigsten Umgesiedelten kamen in ihrer neuen Heimat in den Städten zurecht. Die grassierende Verarmung zwang letztendlich die US-Regierung, die soziale Hilfe aufzustocken. Tausende Ausgesiedelte mussten finanziell unterstützt werden. 1971 stellte die Regierung mehr als 600 Millionen Dollar für die medizinische Versorgung, Ausbildung, Sozialhilfe, ökonomische Programme und Hausbau zur Verfügung.

Bis 1972 übersiedelten 78.000 Angehörige verschiedener Stämme von den Reservaten in die Städte.

Zwar untersagte schon 1958 Innenminister Fred Andrew Seaton die Auflösung von Stämmen ohne deren Zustimmung. Das BIA hielt aber trotzdem an der Termination und an der Relocation fest. Erst 1972 erklärte der Sioux-Mohawk Louis R. Bruce, der von Präsident Nixon ernannte BIA-Chef, die Termination für beendet.

Die anti-indianische Politik der Regierungen Truman und Eisenhower war verheerend für das Indian Country, für die einzelnen Stammes-Angehörigen und ihre Familien. Eine nach den Kriegen im 19. Jahrhundert mühevoll wieder zusammengefügte indianische Welt wurde abermals auseinandergerissen.

Ironie der Geschichte, in den indianischen Ghettos der Metropolen entstanden im Zuge der Bürgerrechtsbewegungen in den 1960er Jahren die ersten militanten Red Power-Organisationen. Die Aus- und Umgesiedelten, die Vertriebenen, forderten laut und unmissverständlich Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht, Autonomie und Selbstbestimmung.

 

 

 

 

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Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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