Anzeige

Der schwierige Weg

In seinem Buch „Mamaskatch“ beschreibt der Indianer Darrel McLeod seine Suche nach seiner Cree-Identität.

Bildschirmfoto 2022-02-24 um 09.17.37.jpg

Bild: Ilja Herb/Milkweed Editions

„Mamaskatch“, ausgezeichnet mit dem renommierten „Governor General’s Award“, entspricht nicht den Klischees der „Indianerliteratur“, schreibt Monika Seiller auf der Seite des Arbeitskreises Indianer Nordamerika. „Vielmehr ist es die Emanzipationsgeschichte eines jungen Cree, der im heutigen Kanada mit den Dämonen der Vergangenheit und Gegenwart kämpfen muss, um seine eigene Identität zu finden,“ fasst Seiller den Inhalt von „Mamaskatch“ kurz und bündig zusammen.  

„Gerade diese indigenen Autoren (wie Darrel McLeod) und ihre Geschichten haben es schwer, auf dem deutschen Buchmarkt zu bestehen, denn in vielen Köpfen spuken noch verzerrte Klischees von Winnentou & Co. herum. Oft sind es gerade die „Indianerfans“, die sich solchen Erzählungen verweigern, da sie einen schonungslosen Blick auf die indigene Gegenwart werfen und dabei ihre Charaktere als Menschen mit allen Vorzügen und Fehlern offenbaren,“ empfiehlt Seiller die Biografie von McLeod.

Er wendet sich mit seinen Memoiren an indigene Leser, „denen er mit seiner eigenen Lebensgeschichte Mut machen und Hoffnung geben will, sowie an nicht-indigene Leser, denen er die Augen öffnen will für den Kolonialismus, der in Kanada rasant und brutal verlief,“ erklärt Seiller die thematische Spannbreite. In nur einer Generation wurde das Leben der Ureinwohner total umgekrempelt, begleitet vom Verlust von Kultur, Sprache und Traditionen.

Die Überlebenden des Kolonialismus und der Assimilation durch Kirche und Schule leiden unter einem generationenüberschreitenden Trauma. 

Die Überlebenden des Kolonialismus und der Assimilation durch Kirche und Schule leiden unter einem generationenüberschreitenden Trauma. „Ziel dieser Zwangsmaßnahmen war nicht weniger als die genozidale Zerstörung der indigenen Identität. Darrel McLeod verdeutlicht diese Auswirkungen am Beispiel der Verheerungen innerhalb seiner eigenen Familie und insbesondere am Schicksal seiner Mutter Bertha, um die sein Leben kreist – hin- und hergerissen zwischen Liebe und Zurückweisung von beiden Seiten.“

Das Leben von Mutter Bertha und ihre Geschichte färben auf ihren Sohn Darrel ab. „Wer die Sprache zerstört, zerstört das Fundament dieser Kultur und damit die Identität der Indigenen. Wie viele Überlebende der Residential Schools verbot auch Bertha ihren Kindern, Cree zu sprechen, denn sie wollte sie vor der „Hölle“ bewahren. Obwohl sie selbst an Sprache und Traditionen festhielt, war die Gehirnwäsche erfolgreich genug, um die Entwurzelung auf die nächste Generation zu übertragen. Mit dem Auslaufen des Internatssystems war das Schreckenssystem noch nicht ans Ende gelangt – was folgte war der „Sixties Scoop“, mit dem gezielt indigene Kinder aus ihren Familien geholt und zumeist weißen Pflegefamilien gegeben wurden.“ Es war ein Krieg mit anderen Mitteln.

Darrell McLeod beschreibt seine Suche nach der eigenen, aber unterdrückten und deshalb verdrängten Cree-Identität, „als schwuler Indigener, umgeben von häuslicher Gewalt und gesellschaftlicher Marginalisierung. Nicht ohne Eitelkeit entfaltet er seinen erstaunlichen Werdegang innerhalb der weißen Gesellschaft”, so Seiller.

Darrell McLeod beschreibt seine Suche nach der eigenen, aber unterdrückten und deshalb verdrängten Cree-Identität als schwuler Indigener, umgeben von häuslicher Gewalt und gesellschaftlicher Marginalisierung.

Und: “Gerade in Darrels Generation gibt es einige, die diesen Weg in die Mehrheitsgesellschaft beschritten haben. Trotz der Erfahrungen ihrer Eltern in den Internatsschulen haben sie für sich erkannt, dass Institutionen nicht ihr Feind sein müssen und dass sie dort gar auf Förderer ihres Talents treffen, die sie in ihrer Entwicklung bestärken und unterstützen. Sie haben verstanden, dass Schule und Bildung auch ein Angebot sind, das ihnen einen Ausweg aus dem vermeintlich vorgezeichneten Schicksal von Alkohol, Drogenmissbrauch oder Suizid bietet,“ skizziert Monika Seiller den Kampf McLeods für einen aufrechten Gang.

Die Musik ist für Darrell McLeod zu einem Mittel der Heilung und Selbstbehauptung geworden. McLeod machte das Eingangszitat von Sartre „Freiheit ist das, was wir mit dem tun, was uns angetan wird“ zu seinem Leitmotiv.

Anzeige

The Others

Geschichten und Erzählungen aus der anderen Welt

In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Partner

Vögel im Untergrund

„Aus Sicherheitsgründen mussten einige Namen der mitwirkenden Schauspieler:innen geändert werden“, schreiben die Vereinigten Bühnen Bozen über ihr neues Stück. BARFUSS hat sich angesehen, was dahintersteckt.
0    
 | 
Nein zur Atomkraft

„Lasst das Uran in der Erde“

Anna Rondon von den Dineh wirbt für eine atomkraftfreie Zukunft. Wie schon vor 30 Jahren auf dem World Uranium Hearing in Salzburg.
0    
 | 
Podcast zu Atomenergie

„30 Jahre danach und wieder brennend aktuell“

Der Münchner Journalist und Menschenrechtler Claus Biegert erinnert an das Anti-AKW-Engagement des World Uranium Hearings in Salzburg.
0    
Auszug aus dem Buch von Paul Rösch

Alles Theater oder was?

Paul Rösch war für fünf Jahre Bürgermeister von Meran - als absoluter Politik-Neuling. In einem Buch stellt er sich nun kritischen Fragen. BARFUSS bringt einen Auszug und zwar das Kapitel „Politik und Wahrheit“.
0    

Im Preschtlkostüm

In Alpbach wird jährlich über die Gegenwart und Zukunft diskutiert. Im Rahmen eines Filmworkshops haben Teilnehmende Menschen in und um Alpbach abseits des Europäischen Forums interviewt und ihnen Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen entlockt. Herausgekommen ist eine Art Improvisation.
Anzeige
Anzeige