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Poetry Slam-Meister Moritz Anrater

Der Newcomer

Der siebzehnjährige Moritz Anrater ist Südtirols Poetry Slam-Landesmeister 2021. Mit seinem poetischen Rap-Text „Was hinter uns liegt“ wurde er zum Sieger gekürt.

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Poetry Slam-Landesmeister Moritz Anrater und Initiatorin Lene Morgenstern (rechts).

Bild: Lene Morgenstern/SAAV

Am Abend des 29. März 2021 fand auf „Südtirol 1“ das Finale der Poetry Slam Landesmeisterschaften 2021 statt. Poetry Slam, die Kunst des Dichtens und Vortragens, gewann in den letzten Jahren auch in Südtirol an Popularität. Die Finalistinnen Eva Prunner, Vale Gander, Theresa Künig und die Landesmeisterin 2020 Eeva Aichner konkurrierten mit Moritz Anrater um den Titel. Vorgegeben war ein Text, welcher die Worte „Hirschgeweih“, „Kleeblatt“ und „chillig“ beinhielt und welcher den zeitlichen Rahmen von drei Minuten und 30 Sekunden nicht sprengen durfte. Der Hobby-Kickboxer Moritz Anrater konnte mit seinem poetischen Rap Text, einer Mischung aus Poetry Slam und Rap, den Sieg davontragen.    

Wie lange schreibst du schon Poetry Slams?
Eigentlich schreibe ich Rap-Texte und das schon seit etwas mehr als drei Jahren. Poetry Slams selbst schreibe ich erst seit kurzem, ungefähr seit zwei Monaten. Tatsächlich bin ich als Poetry Slammer das erste Mal bei den Landesmeisterschaften aufgetreten. Rap und Poetry Slam unterscheiden sich darin, dass beim Poetry Slam kein musikalischer Takt eingehalten werden muss. Die Erfahrung war somit absolut neu.

Warum hast du Genre gewechselt?
Ich wollte mich einfach ein wenig ausprobieren, brauchte mal etwas Neues. Normalerweise schreibe ich Texte zu Beats, nehme diese auf und veröffentliche es dann auf meinem YouTube-Kanal und auf meinem Instagram-Profil. Noch ist das alles sehr amateurhaft. Ich stehe aber auch noch am Anfang.

So jung und dazu noch eine Art Quereinsteiger: Moritz Anrater hat mit dem Sieg nicht gerechnet.

Bild: Moritz Anrater/privat
Wie kam es, dass du dich bei den Landesmeisterschaften im Poetry Slam beworben hast?
Meine Mutter hat mir von den Poetry Slam-Landesmeisterschaften erzählt. Später hat mich auch ein Mitschüler darauf angesprochen. Da der nächste Lockdown anstand, sehnte ich mich nach ein wenig Abwechslung und etwas Neuem. Also habe ich mich angemeldet. Da diese Erfahrung für mich absolut neu war, dachte ich zu Anfang auch, dass es nach der ersten Vorrunde vorbei sei. Ich wusste nichts über den Ablauf oder die Konkurrenz und bin ohne Erwartungen angetreten. Meine Konkurrentinnen der ersten Runde hatten schon wesentlich mehr Erfahrungen im Poetry Slam gesammelt. Als Oberschüler, der zuhause ein paar Texte schreibt, hatte ich schon großen Respekt. Das Wichtigste war für mich jedoch immer der Spaß an der Sache.

Dein poetischer Rap Text „Was hinter uns liegt“ wurde zum Siegertext gekürt. Warum hast Du dich für einen poetischen Rap Text entschieden?
Im Rap kenne ich mich aus. Den Text mit diesem Genre zu verbinden, brachte mir eine Art Vorteil. Ich habe mich vorher aber mit Lene Morgenstern abgesprochen. Als diese mir zugesagt hat, dass meine Idee willkommen sei, dachte ich mir: Dann machen wir das so. Trotzdem ist mein poetischer Rap-Text ganz anders als die Rap-Texte, die ich sonst schreibe: Allein die Betonung und die Pausensetzung unterscheiden sich stark. Im Rap muss die Länge der Sprechzeit in den Takt der Musik passen. Beim Poetry Slam ist man in dieser Hinsicht sehr viel freier. Ich wollte auch keinen bereits geschriebenen Rap- Text verwenden. Den hätte ich ansonsten nur herunterleiern müssen. Das hätte meinen Ansprüchen nicht entsprochen. Ich habe also einen neuen Text geschrieben, etwas mit Pausen gespielt usw.

Wovon erzählt dein Siegertext „Was hinter uns liegt“?
Jede und jeder von uns hat schon Dinge getan, die er oder sie im Nachhinein bereut hat und genau davon handelt dieser Text. In erster Linie ist er auf mich bezogen. Ich glaube aber, dass dieser Text jeden Menschen zum Reflektieren bringen kann. Es geht auch darum, die gemachten Fehler zu akzeptieren, weil man ohne diese Fehler nicht die Person wäre, die man heute ist. Es ist wichtig, Fehler nicht immer zu bereuen oder sogar daran kaputt zu gehen, sondern sie hinzunehmen und zu analysieren, um daran zu wachsen. Das alles wollte ich mit diesem Text zum Ausdruck bringen. Am Anfang des Textes bin ich gegenüber dem Thema noch relativ negativ eingestellt. Erst zum Ende hin komme ich zu dem Punkt, dass es wichtig ist, die Fehler zu akzeptieren.

Wer oder was inspiriert dich?
Wenn ich etwas schreibe, möchte ich, dass es von mir kommt und von meinem Leben, von meinen Erfahrungen erzählt. Meine Inspiration ist das, was ich erlebt habe. Das Erlebte spielt automatisch im Hintergrund mit. Mir ist selbst aufgefallen, dass sich deshalb bestimmte Themen manchmal wiederholen. Eigentlich schreibe ich das nieder, was mir in den Sinn kommt. Es ist wie ein roter Faden, der sich durch meine Texte zieht. Interessanterweise kann ich nur an meinem Schreibtisch schreiben. Am besten werden meine Texte, wenn es draußen schon dunkel ist, mich nichts ablenken oder niemand unterbrechen kann. Ich schreibe täglich um die zwei bis drei Stunden, wobei nicht immer viel herauskommt. Ich bin Perfektionist.

Als Künstler oder Künstlerin ist man auf eine Fangemeinde angewiesen. 

Muss man viel erlebt haben, damit die Texte irgendwann nicht langweilig werden?
Ja und nein… Es kommt auch darauf an, wie man etwas formuliert: Man kann jemand sein, der noch nicht so viel erlebt hat, dafür aber einen guten Wortschatz und etwas Fantasie besitzt. Auch so lassen sich einfache Dinge bewegend und spannend erzählen. Ich möchte nicht sagen, dass ich weiß Gott wie viel erlebt habe. Ich halte mich lediglich gerne an das, was ich erlebt habe und mache daraus etwas. Das finde ich echter.

Was inspiriert dich in abwechslungsarmen Zeiten wie dem vergangenen Corona-Jahr?
Die ersten neun Monate der Pandemie hatte ich eine Schreibblockade. Es ist mir sehr schwergefallen, etwas zu Papier zu bringen. Kurz vor den Landesmeisterschaften habe ich wieder etwas mehr mit dem Schreiben begonnen. Erst vor kurzem habe ich ein Lied über die Corona-Situation und speziell meine Lage aufgenommen. Primär schreibe ich aber noch über die Zeit davor. Dazu ist zu sagen, dass man in dieser Zeit auch einiges erlebt hat, was man miteinfließen lassen kann.

Sind Schreiben und Auftreten für dich „nur“ eine Leidenschaft oder möchtest du es zum Beruf machen?
Ich glaube, Leidenschaft und Beruf gehen in einer gewissen Weise Hand in Hand: Sobald etwas eine Leidenschaft ist, arbeitet man automatisch darauf hin. Optimalerweise kann man dann von dieser Leidenschaft leben. Als Künstler oder Künstlerin ist man auf eine Fangemeinde angewiesen. Druck und Stress steigen, weil man diese Menschen zufriedenstellen möchte. Für mich ist es in erster Linie eine Leidenschaft, aber es ist auf jeden Fall noch viel machbar. Ich weiß auch noch nicht, ob ich an weiteren Poetry Slam-Wettbewerben teilnehmen werde. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber festlegen möchte ich mich noch nicht.

Der Siegertext von Moritz Anrater:

Ich hab bis heute nie dem Himmel verziehen
dass uns Gott nur sehen lässt, was schon hinter uns liegt
Und klar, is chillig, ich mag es, hilflos nach hinten zu schauen
ganz ohne Gegenwehr immer die selben Sünden zu kauen, bis ich kotze
Was glauben die denn überhaupt, ich wär betroffen
wenn die Männchen in meinem Kopf, die immer gleichen kleinen, unscheinbaren, schwerwiegenden Worte vorlesen und einem die Chance auf `nem Silbertablett servieren und mir sagen, ich hätt gekonnt?
Ich hätt gekonnt, was solls
Muss ich deswegen jeden Tag über mich ergehen lassen, was war, anstatt zu sehen was kommt?

Eine Demonstration an Dickköpfigkeit, weil ich nicht änder’ wie ich bin, will nicht nur irgendwie sein
Nicht nur das Produkt meiner Fehler, ein zu vorsichtiges Kleinkind,
das das Risiko eingeht, dass sein Leben an ihm vorbeizieht
Kam viel zu oft von meinem Weg ab, heute halt ich mich am Wegrand
denn jedes Mal, wenn ich nach Glück suchte, fehlte mir ein Kleeblatt
Wenn ich zurückschau, bleibt nicht viel außer Asche und Schutt
Ein, zwei gebrochene Herzen und der Verlust an Vernunft
Hab übertrieben und geschwiegen, lang gewartet, mich verliebt
nur um dann klar zu machen, dass mir die Person einfach nichts gibt
Bin über Stränge geschlagen, hab mich mit Händen geschlagen
mit Füßen getreten und niemals nach ‘nem Ende gefragt, was solls
Ich hab lang schon draus gelernt, weil’s mir schon lang nichts mehr gibt
Frag ich mich, warum lässt mich all das Vergangene nicht in Frieden

Ego und falscher Stolz fühlte sich immer schon wie Gift an  
Bis ich fehlgeleitet von falschen Werten kurz vor dem Nichts stand
Bevor ich zugegeben hätt, dass ich leider einfach nichts einseh
hab ich lieber weiter mein falsches Hirschgeweih verteidigt
Mit dem Kopf durch die Wand, wer nicht stehen bleibt, ist schwach
wer sich was gesteht, der ist schwach, wer zuerst geht, der ist schwach
Was ich befolgt hab, weil ich dachte, ich wär frei dadurch, machte sich dann halt eben bezahlt
ich war in ‘nem Käfig gefangen - was solls
Ich werd müde davon, schleich mich mit Lügen davon,
Kann nichts dafür, denn sonst ginge noch meine Würde verlorn. Oder?

Hab ich bis heute nie dem Himmel verziehen,
weil es uns ausmacht und wir sind, was hinter uns liegt
Was schon passierte wie ‘ne Warnung, eingebrannt in das Gehirn,
und lässt man kurz mal alles schleifen, läuft man Gefahr den ganzen Fortschritt all der Jahre zu verliern
verdammt, ich schreib’s mir auf die Stirn, weil ich mich selbst daran erinnern will
Wer, warum, wo und vor allem, dass ich bin

 

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