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der kaser

Meran nannte er ein „bundesdeutsches Altersheim“, den Tiroler Adler wollte er „rupfen wie einen Gigger“. Norbert C. Kaser hat provoziert. Dafür geliebt wird der Schriftsteller erst heute.

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Bild: Klaus Gasperi

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben mir gerade mal die Namen Zoderer und Gatterer was gesagt. Zugegeben, ich habe mich um Literatur aus Südtirol wenig geschert. Woran das liegen mag? An meiner Ignoranz wohl. Wohl aber auch ein bisschen daran, dass mir in den dreizehn Jahren, die ich in Südtirol zur Schule gegangen bin, kein einziges Mal ein Südtiroler Autor untergekommen ist. Eine kleine Umfrage in meinem Freundeskreis hat gezeigt, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin.

BARFUSS möchte daran etwas ändern und stellt seiner Leserschaft in den nächsten Wochen in einer Reihe Südtiroler Autorinnen und Autoren vor – verstorbene und lebende. Den Anfang macht der Brunecker Autor Norbert C. Kaser. Drei Bände umfasst das Lebenswerk des Pusterers, der 1979 im Alter von nur 31 Jahren gestorben ist. Zwar habe er, wie sein Weggefährte Klaus Gasperi sagt, Zeit seines Lebens auf eine Publikation in Buchform hingearbeitet, gekommen ist es dazu aber erst nach seinem Tod. Zu Lebzeiten veröffentlichte Kaser seine Texte vor allem in Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem in der mittlerweile eingestellten Südtiroler Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur „die Brücke“.

„da ich ein religiöser mensch bin trete ich aus der katholischen kirche aus“

Einen guten Einstieg in Kasers Werk und Leben bietet „Das Kaser-Lesebuch“. Darin hat der Herausgeber Hans Haider eine Auswahl aus Gedichten, Prosatexten und Briefen zusammengestellt. Schon beim losen Durchblättern zeigt sich: Kasers Biographie schimmert immer wieder durch. Themen wie Geldsorgen, der Alkoholismus, der ihn ins Grab gebracht hat oder sein Verhältnis zu Kirche und Politik wiederholen sich in allen Textgattungen. So kommt man nicht umhin, sich auch um den Menschen hinter den Texten zu kümmern. Spannender kann man eine Biographie kaum unterjubeln. Oder wie es Herbert Rosendorfer 2009 in der ff etwas unfreundlicher beschreibt: „Bei beiden (Anm. Kaser und Hubert Mumelter) ist das, was sie waren, interessanter als das, was sie schrieben.”

Provozierter Provokateur

„mein politischer schwung ist etwas abgeklungen aber beileibe nicht verschwunden das ginge gar nicht weil die volkspartei einfach zuviel mist zusammenbaut als daß man tatenlos zusehen koennte wie land & leute verschaukelt werden.“
Dieser Satz (oder sind es zwei Sätze?) stammt nicht etwa aus einem der Internetforen, in denen sich Wutbürger über zu hohe Politikerrenten auslassen. Diesen Satz formulierte Norbert C. Kaser vor über 30 Jahren in einem Brief an seine Mutter. Sei es in Briefen oder Gedichten, die gesellschaftspolitischen Zustände haben Kaser provoziert und ihn veranlasst, mit seinen Mitteln zurückzugeben. Freunde hat er sich damit, wie er in einem Brief an den Illustrator Paul Flora schreibt, nicht gemacht: „im jänner dann kriegen meine geliebten landsleute ein paar manuskripte zu fressen & mit gusto bin ich mir des einen schon sicher dass keine silbe davon in suedtirol gedruckt wird.“

Entgegen den anonymen Leserbriefschreibern in Internetforen, entschied sich Kaser in allen seinen Texten bewusst dazu, auf Groß– und Kleinschreibung ebenso zu verzichten wie auf Interpunktion, Trennregeln und Umlaute. Benedikt Sauer, Autor der Biographie Kasers, huldigt dem Schriftsteller, indem er den Namen Kasers auf den 244 Seiten konsequent klein schreibt.

Die Hassliebe zu seiner Heimat treibt Norbert C. Kaser immer wieder nach Südtirol – egal ob auf Reisen oder nach dem abgebrochenen Kunstgeschichtestudium in Wien, regelmäßig kehrt er in die engen Täler zurück. Richtig glücklich wird Kaser erst, als er in Bergschulen unterrichtet. In der Arbeit mit den Volksschulkindern hat er seine Bestimmung gefunden. Viele seiner Gedichte und Prosatexte hat er für seine Schüler geschrieben. Und das, obwohl er selbst mit Schule keine besonders guten Erfahrungen gemacht hat: zwei Mal ist er durch die Matura gerasselt. Geschafft hat er sie erst, als er ins Kapuzinerkloster in Bruneck eingetreten ist.
Lange hat er es dort nicht ausgehalten, nach nur einem Tag schreibt er in einem Brief: „ich werde verrueckt bei dem vielen gebete nicht schlappmachen norbert”. Nur ein halbes Jahr später tritt er aus dem Orden wieder aus und kehrt der Kirche mit den Worten „da ich ein religiöser mensch bin trete ich aus der katholischen kirche aus” ganz den Rücken. 

„So, und jetzt gehen wir ins Puff!“

Klaus Gasperi, enger Freund von Kaser und heute Direktor des Brunecker Stadttheaters, erinnert sich noch genau an seine erste persönliche Begegnung mit dem Schriftsteller. „Das war eine ganz komische Situation“. Zusammen mit den Südtiroler Künstlern Markus Vallazza und Robert Scherer ist der damals 16-jährige Gasperi zu einer ersten gemeinsame Lesung von Nord- und Südtiroler Autoren nach Innsbruck gefahren. Auch Kaser, damals noch Kapuzinerpater, sollte seine Gedichte vortragen. „Kaser ist in Begleitung einer Freundin im Minirock gekommen, er hatte seine Paterkutte an. Dann hat er so richtig drauflosgeplodert, seine erotischsten Gedichte hat er vorgelesen. Seine Lesung, erzählt Gasperi, beendete er damals mit der Aufforderung: „So, und jetzt gehen wir ins Puff!“

Kasers Briefe

Kasers Briefe sind mehr als Alltagskommunikation: Darin schildert er Alltagsbeobachtungen, schreibt Reiseberichte nieder oder gibt Einblicke in die Nervenheilanstalt, wo er ein halbes Jahr verbrachte. Mit seinen treffenden Formulierungen hat er es geschafft, Beobachtungen in wenigen Wörtern auf den Punkt zu bringen. Wichtiger als die Antwort seines Gegenübers war ihm dabei, dass die Briefe aufbewahrt wurden. So kam es auch vor, dass er am selben Tag zwei Briefe an dieselbe Person schrieb. Zur Sicherheit fertigte er auf seiner Schreibmaschine mit Hilfe von Durchschlagpapier Kopien davon an, wohl im Hinblick auf eine spätere Publikation. Kurz vor seinem Tod übergab er all das Klaus Gasperi. „Er hat mir die Briefe alle per Post geschickt, obwohl wir in Bruneck waren und fast nebeneinander gewohnt haben. Da war er schon sehr konsequent, absurd manchmal“.

Vieles, was Norbert C. Kaser vor über 40 Jahren geschrieben hat, könnte heute noch so gesagt werden. Was er uns heute noch zu sagen hätte, wäre spannend zu wissen. Er täte es wohl mit der gleichen Ironie und Bissigkeit wie damals.

Brief von Norbert C. Kaser an seinen Freund Klaus Gasperi

Bild: Klaus Gasperi

 

 

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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BARFUSS spürt schon verstorbenen und gegenwärtigen Südtiroler Schriftstellern und ihren Werken nach: Wie aktuell sind ihre zum Teil jahrzehntealten Texte noch? Und welche Themen beschäftigen Autoren von heute?

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