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Das Haus am „See“

Wie Spießbürger sich inmitten der Urbanität ihre heile Welt schaffen.

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Bild: flickr/Alex Barth

Zugegeben: Von „inmitten der Urbanität“ zu sprechen ist doch leicht übertrieben. Aber es gibt in Wien dort, wo Großstadtbewohner ihre Gartenhäuschen mit dicken Hecken vor neugierigen Blicken schützen, auch U-Bahnen, Straßenbahnen, Fahrradwege und Hochhäuser. In einem Bauernmädchen wie mir, lösten die perfekt gemähten Rasenflächen eher Befremden aus, bis ich selbst eine dieser Gartenparzellen betreten habe. Seit die U2 vor fünf Jahren verlängert wurde, überqueren drei U-Bahnlinien die Donau. In 10 Minuten kann man den engen Gassen der Wiener Innenstadt entfliehen. Nimmt man eine der drei Linien bis zur „Alten Donau“, dort wo vor der Flussregulierung die Donau entlang floss, fühlt es sich wie eine Urlaubsfahrt an – nur sitzt man in einer U-Bahn und nicht im Zug an die Adria. Die gesamte Uferlänge entlang reihen sich Kleingartensiedlungen, die sich „Klein-Brasilien“, „Siedlung Mexiko“ oder „Sonnheim“ nennen.

Seit die Kleingärtner hier winterfeste Häuser bauen dürfen, sind winzige Holzhütten mit geblümten Vorhängen und geschindelten Fassaden rar geworden. Warum sollte man nur im Sommer hier wohnen, wenn man jetzt auch im Winter dem Rummel der Stadt entfliehen kann? Dafür braucht es ein anständiges Haus. Manchen reicht ein Fertighaus, andere lassen sich von Architekten ihren Traum aus Ziegel und Verputz basteln. Davor parken teure Autos. Den Charme einer Schrebergartensiedlung, die als Sommerresidenz für Großstädter gedacht war, sieht man den Häusern nicht mehr an.

Dieses eine Haus, das ich im Sommer betreten habe, hat diesen Charme noch. Es ist ein weißes Häuschen aus Pressspannplatten, umgeben von einem Garten, in dem wächst, worauf Mutter Natur gerade Lust hat. An den Fenstern hängen geblümte Vorhänge. Eine Wohnküche, ein winziges Badezimmer und ein kleiner Vorraum mit Couch reichen, um hier den Sommer zu verbringen. Viel Zeit verbringt man ohnehin nicht im Haus, kann man doch im Garten sitzen, in der Alten Donau baden, mit Freunden grillen oder einfach nur ein Bier trinken und mit der richtigen Musik der Sonne beim Untergehen zuschauen. Die argwöhnischen Blicke des Nachbarn (der mit dem Rollrasen im Garten) auf das eigenwillige Ensemble aus Wildwuchs und Möbeln, die eigentlich in ein Haus und nicht davor gehören, tragen zur spießbürgerlichen Folklore bei.

Viele Stadtmenschen bringen mit einem eigenen Garten und Haus Unabhängigkeit und Freiheit in Verbindung. Das mag zum Teil auch auf mich zutreffen, immerhin gibt es an vielen Badeplätzen an der Alten Donau keinen Badeschluss. Wenn die Badewaschtln (Wienerisch für Bademeister) vom Gänsehäufel am anderen Ufer die Badegäste am späten Nachmittag zur Heimreise auffordern, kann man hier drüben noch in Ruhe seine Runden ziehen. Wenn man will auch die ganze Nacht hindurch. Andererseits hat auch das Zurückziehen in eine kleinbürgerliche Welt, zwischen Familien und Pensionisten, seinen Reiz. Weg vom Gefühl ständig auf Achse sein zu müssen, und möglichst kein Event auszulassen.

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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