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BARFUSS im Vergnügungspark

Buntes Vagabundenleben

Wer sind die Menschen, die einmal im Jahr mit dem Luna Park in die nächstgrößere Stadt kommen? Drei Schausteller erzählen uns von ihrem Nomadenleben.

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Bild: Michael Pezzei

Es regnet schon seit dem späten Vormittag, auf dem Parkplatz vor der Sterzinger Eishalle stehen ein paar bunte Konstruktionen. Die Autoscooter und Schießbuden des Sterzinger Luna Parks verstecken sich an diesem Montagnachmittag noch vor dem Nieselregen. Nur aus der sala giochi dringen Musikbässe und Kinderstimmen. Maurizio Orlando begrüßt uns freundlich, als wir seine kleine Spielhalle betreten, seine Frau sitzt hinter der Kassa, an den Videospielen drängt sich eine Handvoll Jugendlicher. So wie die Besitzer der anderen Fahrgeschäfte am Luna Park, ist auch Maurizio Orlando ein Einpersonenunternehmer. „Italienweit gibt es etwa 7.000 solche Firmen, nur etwa ein Viertel davon beschäftigt Angestellte“, erzählt Orlando. Die meisten Schausteller, wie die Betreiber von Tagada und Co. genannt werden, bestreiten ihren Lebensunterhalt mit einem einzigen Fahrgeschäft. 

Maurizio Orlando (54) und seine Frau touren mit ihrer Spielhalle durch Norditalien.

Bild: Michael Pezzei

Romantisiertes Nomadenleben

Seit seiner Kindheit ist Maurizio Orlando mit dem Luna Park unterwegs: als kleines Kind noch mit seinem Vater, später mit seiner eigenen Familie und jetzt zieht er noch mit seiner Frau von Stadt zu Stadt. Bis auf zwei Wochen im November und zwei Wochen im Februar ist das Ehepaar Orlando das ganze Jahr unterwegs. Zehn Mal wechseln sie den Ort, mal bleiben sie für zwei Wochen, mal ganze drei Monate. „Wenn du immer unterwegs bist, lernst du viele Leute kennen. Das ist ein Leben, das mir sehr gut gefällt, das ich auch nicht ändern möchte“, erklärt Orlando die Vorzüge des Nomadenlebens. Schwieriger wird es, wenn Kinder dabei sind. „Meine Töchter haben die Grundschule in Brixen besucht, die Mittelschule aber zu Hause in Treviso“, sagt Orlando. Die Schwierigkeiten des Herumziehens wollte Orlando seinen Kindern irgendwann ersparen und so brachte er seine Töchter zur Mittelschulzeit montags um fünf Uhr in der Früh nach Treviso und holte sie am Samstagnachmittag wieder ab. 

Häufige Schulwechsel kennt auch Fabio. Er ist mit dem Tagada, einem Boxautomaten und einem Fischbecken nach Sterzing gekommen. Bis auf einen Winter, den er zu Hause in Bibione verbracht hat, zieht er seit seiner Kindheit von Luna Park zu Luna Park. Genauso oft wie er mit seinem Vater die Stadt gewechselt hat, haben auch die Schulen gewechselt: 16 Volksschulen und 8 Mittelschulen hat Fabio in seiner Schulkarriere abgeklappert. „Man muss sich immer an die verschiedenen Lebensstile anpassen, dadurch entwickelt man einen anpassungsfähigen Charakter und ist weniger anfällig für Vorurteile“, beschreibt Fabio die Vorteile des Wanderlebens. Das Umherziehen, Wohnen in Wohnwagen, die bunte Welt der giostre – bei großen Teilen der Gesellschaft sorgt dieser Lebensstil immer noch für Verwirrung. „Wir werden oft als Zigeuner beschimpft. In Südtirol kommt das aber nicht vor“, erzählt Alessandro, der einen „Miniautoscooter“ betreibt. Sesshaft zu werden, eine feste Anstellung zu haben, kann sich der 29-Jährige nicht vorstellen. Einmal habe er es mit einem Job in einer Fabrik probiert. Die Vorstellung für immer dort zu bleiben, hat ihm aber nicht gefallen und so ist er zurückgekehrt zu den spettacoli viaggianti.

Einzelkämpfer am gesättigten Markt

Die Legende vom aufregenden Vagabundenleben stimmt aber nur zum Teil. Mit nur einem Fahrgeschäft zu überleben, wie es bei den meisten Schaustellern am Luna Park der Fall ist, ist schwieriger geworden. „Früher waren wir noch mit 50 Fahrgeschäften in Brixen, dieses Jahr waren es noch 17", beschreibt Maurizio Orlando das knapper werdende Geschäft. „Die Menschen müssen mehr sparen und verzichten zuerst auf Unterhaltung“, erklärt Fabio. Als Betreiber von drei Attraktionen muss aber auch er schauen, wie er seine Familie durchbringt. „Der Markt ist gesättigt.“ Als Einzelunternehmer sind die Schausteller auf sich alleine gestellt. Für jedes der Fahrgeschäfte muss eine eigene Genehmigung bei der Gemeindeverwaltung geholt werden, um den Transport und Aufbau muss sich ebenfalls jeder selbst kümmern. „Die Spesen für Müll, Strom, Versicherung, Werbung, Wartung etc. belaufen sich auf ungefähr 250 bis 500 Euro pro Woche“, rechnet Fabio vor.

Fabio (links) und Alessandro (rechts) sind schon seit ihrer Kindheit mit dem Luna Park unterwegs.

Bild: Michael Pezzei

Ob sie die Kosten wieder hereinholen, hängt nicht nur vom schönen Wetter und gut gelaunter Kundschaft ab, entscheidend ist auch der Standort. Besonders gut wirtschafte es sich in der Nähe von Messen und Märkten. Schwieriger werde es, wenn die Gemeinden den Luna Park in die Peripherie der Städte abschieben. Warum sie das tun, versteht Fabio nicht: „Die Fahrgeschäfte sind ein Benefit für die Städte und sollten deshalb im Zentrum stehen dürfen". Dabei ist ist der Sinn und Zweck von Luna Parks gesetzlich festgeschreiben. Im entsprechenden Gesetz aus dem Jahr 1968 heißt es: „Lo Stato riconosce la funzione sociale dei circhi equestri e dello spettacolo viaggiante. Pertanto sostiene il consolidamento e lo sviluppo del settore."

Langsam lässt der Nieselregen nach, die Gruppe junger Buben kommt aus der Spielhalle und möchte jetzt eine Runde Tagada fahren. „Das Tagada könnte er schneller laufen lassen", beklagt sich ein etwa 14-Jähriger nach dem Ritt auf der bunten Drehscheibe, die ohne Frage die Hauptattraktion auf dem überschaubaren Luna Park in Sterzing ist. Wo am besten Kasse zu machen ist, hängt auch von den Vorlieben der Kundschaft vor Ort ab. „So gut wie in Südtirol wird das Tagada nicht überall angenommen", sagt Fabio, „vor allem in den Touristenorten an der Adria kommt die sala giochi weit besser an." Die einzelnen Schausteller richten ihre Tourroute verständlicherweise auch daran. Für den Spielhallenbetreiber Maurizio Orlando geht es deshalb im Juni nach Jesolo. Dort bleibt er dann den Sommer über. Drei Monate am selben Ort.


Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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