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Buntes Klassenzimmer

Die Diskussion um die „Ausländerschule“ wird leiser. BARFUSS hat trotzdem recherchiert, wie schulische Integration derzeit schon umgesetzt wird.

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Bild: Landespresseamt Bozen
Innerhalb der vergangenen fünf Jahre ist der Ausländeranteil an Südtirols Schulen um 50 Prozent gestiegen, 8.906 Kinder ohne italienische Staatsbürgerschaft waren es im vergangenen Jahr. Für die neuen Schwierigkeiten, die sich im Klassenzimmer dabei ergeben, braucht es Lösungen. Die Politik hat sich kürzlich über die Sinnhaftigkeit von eigenen Schulen für Einwanderer-Kinder gestritten, wie sieht es aber eigentlich mit der derzeitigen Praxis der Integration in Südtirols Schulen aus?
 
 „Natürlich ist es eine Herausforderung für die Lehrpersonen, wenn ein neues Kind in die Klasse kommt, das die Unterrichtssprache noch nicht beherrscht. Viele sind zu Beginn verunsichert“, sagt Waltraud Plagg vom Sprachenzentrum Schlanders. Genau in solchen Situationen kommt dann sie oder eine ihrer Kolleginnen der sechs Sprachenzentren Südtirols zum Einsatz. Die Zentren sind Anlaufstellen für alle Fragen zu Schülern mit Migrationshintergrund. Deren Aufgabe ist neben dem Verleih von Lehrmaterialien und der Beratung der Lehrpersonen auch die Vermittlung zwischen den Lehrpersonen und den Eltern des Kindes. 
 
„Ein Schreiben mit Stempel bedeutet Unheil“
 

Waltraud Plagg vom Sprachenzentrum Schlanders

Bild: Julia Tapfer
„Nicht immer ist die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern einfach“, so Plagg, die seit den Anfängen des Sprachenzentrums im Jahr 2007 mit dabei ist. Die Sprachbarrieren führten oft zu Missverständnissen, aber auch die kulturellen Unterschiede seien zu beachten. Wenn es in der Schule den Anschein hat, die Eltern eines Kindes mit Migrationshintergrund interessieren sich überhaupt nicht für dessen schulischen Fortschritt, kann das auch ganz andere Hintergründe haben, erläutert Plagg an einem Beispiel. Eine Frau aus Pakistan habe ihr erzählt, was in ihrer Familie los war, als ein Brief aus der Schule ankam: „Du kannst dir nicht vorstellen, welche Angst wir hatten. In Pakistan bedeutet ein amtliches Schreiben mit einem Stempel darauf meistens Unheil“, habe ihr die Frau erklärt. Solche Missverständnisse, die auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen sind, könne man gut mit sogenannten Mediatoren vermeiden. Das sind Personen aus dem Herkunftsland der Familie, die schon länger in Südtirol leben und auch die Landessprachen beherrschen. Sie haben eine Art Brückenfunktion und können bei Konflikten zwischen Lehrpersonen und Eltern weiterhelfen. 
„Nur wer sich wohlfühlt, kann lernen“
 
In der Klasse kann es oft sehr hilfreich sein, wenn sich „Paten“ für die neuen Mitschüler finden, die zum Beispiel nachfragen, ob sie wichtige Informationen auch mitbekommen hätten. Diese soziale Integration sei neben der sprachlichen Förderung, die die Kinder durch Sprachunterricht während und auch außerhalb der Schulzeit erhalten, von großer Bedeutung – „nur wer sich in einem Umfeld auch wohlfühlt, kann auch gut lernen“, sagt die freigestellte Lehrerin.
Der Idee des Landeshauptmannes, eine eigene Schule für Einwanderer-Kinder einzurichten, gewinnt die Koordinatorin des Sprachenzentrums Schlanders nichts ab. Es sei schlichtweg ein Wunschdenken, wenn man glaubt, die Kinder würden auf diese Weise in einem halben Jahr die Sprache so gut erlernen, dass sie dann dem Unterricht folgen könnten. In solchen Klassen hätten die Kinder ja nur ein einziges Modell zum Sprachenlernen – die Lehrperson. Alle anderen würden auch nur fehlerhaftes Deutsch sprechen. „Es braucht zum Spracherwerb einfach den Input der anderen, da gibt es ja auch Studien dazu“, so Plagg.
 
Südtirol forscht
 

Dr. Andrea Abel, Koordinatorin des Instituts für Mehrsprachigkeit an der EURAC.

Bild: EURAC
Solche Forschungen betreibt etwa das Institut für Mehrsprachigkeit und Fachkommunikation der EURAC. Ziele des Instituts sind schon seit vielen Jahren die Erforschung der Sprachkompetenz und Sprachentwicklung in Südtirol. Nach den vermehrten Einwanderungen könnten im zwei- beziehungsweise dreisprachigen Südtirol nun mehrere neue Minderheiten festgemacht werden, so die Koordinatorin des Instituts, Andrea Abel (im Bild rechts). In Südtirol habe man es vor allem mit kleinen Minderheiten zu tun, anders als in großen Ballungszentren in Deutschland, wo es zum Beispiel eine große türkische Gemeinde gebe. Man könne deshalb nicht alle Vorgehensweisen anderer europäischer Staaten übernehmen, das Rad müsse aber in Südtirol auch nicht komplett neu erfunden werden. Bei vergangenen Projekten, wie etwa linguaINCLUSION, wurden immer wieder gut besuchte Fortbildungen für Lehrpersonen zu spezifischen Bereichen der Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund angeboten. Das derzeitige Projekt „Sprachenvielfalt macht Schule“ setzt den Fokus auf die Mehrsprachigkeit in Schulen, die auch als großer Wert genutzt werden kann. Die Projektleiterin Dana Engel hat in den Vorstudien erhoben, dass 30 Prozent der befragten Schüler in den Mittelschulen, neben den Landessprachen und Englisch, mindestens noch eine weitere Sprache sprechen. Das sei sehr bemerkenswert und diese Mehrsprachigkeit könne in den Schulen noch viel stärker genutzt werden.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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