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Bleiben oder gehen?

Viele junge Südtiroler zieht es von der Enge der Berge in die weite Welt. Fünf davon sind in Berlin gelandet, wo sie ihre Herkunft nicht loslässt.

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von links: Lukas Marsoner (Redaktion, Koordination), Barbara Weithaler (Redaktion, Presse, Vertrieb), Martina Wunderer (Textredaktion, Lektorat), Martin Santner (Chefredaktion), Julia Egger (Art Direktion, Layout).

Bild: Alexander Gehring

Viele Südtiroler verlassen ihre Heimat, weil sie sich im Ausland mehr Chancen erhoffen. Das neue Südtiroler Magazin „39Null“ thematisiert in seiner ersten Ausgabe genau dieses Thema: Kommen, Bleiben, Gehen: Landflucht der Kreativen? Die Macher des Magazins sind fünf in Berlin lebende Südtiroler. Auch sie haben dem Land den Rücken gekehrt und sprechen von Südtirol lieber als Herkunftsland denn als Heimat. 

Warum habt ihr Südtirol verlassen und lebt heute im mehr als 800 Kilometer entfernten Berlin?
Bei uns allen war der Grund eigentlich ein Mix aus Lust auf Neues und Studium oder Ausbildung. Ein Studium im Ausland ist eben oft der Schlüssel zu einer anderen, neuen Welt. Den haben wir genutzt. 
 
Viele Kreative kehren Südtirol für immer den Rücken. Was treibt sie aus dem Land? 
Die Beweggründe sind unterschiedlich. Manchmal ist es die Neugierde auf etwas Neues, manchmal ist es der Wunsch nach Veränderung. Aber in vielen Fällen sind es die besseren Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und die vielseitigen Chancen sich zu entfalten. Bei den meisten Menschen, mit denen wir im Rahmen des Magazins gesprochen haben, war dies der ausschlaggebende Grund, warum sie Südtirol verlassen haben. Viele die weggehen, bauen dann im Laufe der Zeit ein Sozial- und Berufsleben im Ausland auf und kehren deshalb nicht mehr an ihren Herkunftsort zurück. Sie gewöhnen sich an die Großstadt und sehen Südtirol im Vergleich dazu als zu klein, zu eng und zu konservativ.
 
Ist Südtirol auch für euch und neue Ideen zu klein?
Wir haben, vor allem während der Oberschulzeit, eine gewisse Enge verspürt. Damals war Südtirol für uns definitiv zu klein für neue Ideen. Aus der Ferne beobachten wir aber, dass sich auch Südtirol in den letzten Jahren verändert hat. Es gibt im Kulturbereich mittlerweile einige Veranstaltungen (etwa Transart, Undefined, Manifesta7) und Leute (M10, kognitiv, WupWup, Meraner Gruppe, ReVoLtEkK), die sich bemühen, Kultur und zeitgenössische Kunst in Südtirol zu gestalten, zu fördern und somit die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren. Wir glauben, dass Südtirol vielleicht nicht zu klein für neue Ideen ist, aber dass Gesellschaft und Kulturpolitik noch viel mehr dafür sensibilisiert werden müssen.
 
Ihr seid beim Latscher Kulturverein kognitiv dabei und dadurch immer noch stark mit Südtirol verbunden. Lässt euch die Heimat in der Ferne nicht los?
Wir denken, dass die Heimat – wenn man den Begriff verwenden will – einen nie wirklich los lässt. Mit dem Verein „kognitiv“ wollen wir Kultur in Südtirol vermitteln und zugänglich machen. Der Grund, warum wir uns im Magazin „39Null“ dem Thema Kommen, Bleiben, Gehen. Landflucht der Kreativen widmen, hat ja auch damit zu tun, dass wir immer noch, obwohl wir alle schon mehrere Jahre im Ausland leben, neugierig sind, was sich in der Südtiroler Kulturszene tut. Uns geht es aber auch darum, bestimmte Phänomene, die in der Südtiroler Gesellschaft vorherrschen, kritisch zu hinterfragen. Denn unserer Meinung nach, gibt es hier immer noch viel zu tun. Es könnte, gerade was zeitgenössische Kunst betrifft, viel mehr passieren.
 
Einige wenige kreative Südtiroler kommen auch wieder zurück. Warum?
Uns ist im Laufe der Recherchen für „39Null“ aufgefallen, dass sehr viele Kreative im Ausland durch ihre Kunst mit Südtirol verbunden bleiben und deshalb immer wieder zurückkehren. Ihr Herkunftsort scheint also doch wichtig zu sein. Andere hingegen kehren nach einer Zeit im Ausland wieder ganz nach Südtirol zurück. Auch hier sind die Beweggründe verschieden: Bei einigen Gesprächen hat sich herausgestellt, dass sie erst fernab von Südtirol das Land schätzen lernen und sie dadurch eine gewisse Sehnsucht haben, die wiederum zur Folge hat, dass sie an ihren Herkunftsort zurückkehren. Andere haben im Ausland vielleicht nicht das gefunden, wonach sie gesucht haben und gehen deshalb zurück.
 
Kommt ihr wieder zurück nach Südtirol?
Momentan können wir uns das noch nicht vorstellen. Wir haben alle Freunde und Arbeit in Berlin und fühlen uns wohl hier. Südtirol würde uns auf Dauer wohl immer noch auf eine bestimmte Art und Weise einengen.
 
 
Info: Herausgegeben wird das Magazin vom Latscher Kulturverein „kognitiv – Verein für Wahrnehmung”. Die erste Ausgabe wird deshalb im Rahmen der Latscher Kulturtage am 17. Mai ab 19 Uhr im ehemaligen Schießstand vorgestellt. Es kann dort gekauft werden oder ist online und in bestimmten Buchhandlungen erhältlich. Das Magazin kostet 13 Euro. 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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find ich klasse, dass ihr sowas macht! man kennt viel zu wenig Südtiroler hier in Berlin (studiere gerade selber hier und komme aus Südtirol). Wünsch euch viel Erfolg!

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