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Bin ich queer genug?

„Bin ich eigentlich bisexuell, wenn ich mich bisher eigentlich eher für Frauen interessiert habe?“, fragt sich unser Autor in der neuen Folge der Kolumne "Queerbeet".

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Bild: RyanMcGuire/pixabay.com

„Bin ich eigentlich bisexuell, wenn ich mich bisher eigentlich eher für Frauen interessiert habe?“ oder „Bin ich eigentlich noch queer, wenn ich mit einer Frau zusammen bin?“ solche Fragen habe ich mir schon öfter gestellt und ich bin damit nicht alleine. Viele queere Menschen zweifeln an ihrer queeren Identität. Dafür gibt es einen Begriff: queeres Imposter-Syndrom.

Darunter versteht man ein psychologisches Phänomen, das Betroffene ihre eigenen Erfolge nicht anerkennen lässt, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen dieser Erfolg nicht zusteht. Häufig erleben Frauen, BIPoC und andere marginalisierte Gruppen das Imposter-Syndrom, vor allem etwa im wissenschaftlichen Bereich. Die Ursache für das Imposter-Syndrom liegt in den gesellschaftlichen Normen, die dazu führen, dass Personen, die von Diskriminierung betroffen sind, sich einbilden, dass sie angeblich weniger kompetent seien, als weiße Männer. Das Imposter-Syndrom kann aber potentiell alle Menschen betreffen.

Das Imposter-Syndrom lässt betroffene ihre eigenen Erfolge nicht anerkennen, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen dieser Erfolg nicht zusteht.

Das queere Imposter-Syndrom beschreibt dieses Phänomen innerhalb der queeren Community. Dabei gibt es eine ganze Bandbreite an möglichen Erscheinungsformen, die sich teilweise überschneiden:

  • Da ist die Sorge, nicht zur queeren Community oder einer Gruppe innerhalb der Community gehören zu dürfen. Ein Beispiel dafür, ist das Gefühl als bisexuelle Person nicht zur queeren Communty zu gehören, weil man gerade in einer heterosexuellen Beziehung ist.
  • Ähnlich ist auch das Gefühl, sich unberechtigterweise ein Label zu geben, ohne den dafür üblichen Klischees zu entsprechen. Das überschneidet sich mit der vorher genannten Erscheinungsform. Ein Beispiel dafür wäre etwa eine Lesbe, die sich unsicher ist, sich so zu labeln, weil sie nicht „lesbisch“ genug ausschaut.
  • Betroffene haben mitunter den Eindruck, sich auf eine bestimmte Art kleiden oder verhalten zu müssen, um zu ihrer Communty zu gehören. Zum Beispiel wenn ein schwuler Mann glaubt, er müsse sich schminken, „weil das Schwule eben machen“, obwohl er es nicht mag.
  • Selbstzweifel, die Frage ob nicht vielleicht doch alles „nur eine Phase“ sei, und ebenfalls die Angst, beim Coming Out (auch bei anderen queeren Menschen) nicht auf Anerkennung zu stoßen.
  • Im Gegensatz dazu kann auch das Gefühl, vermeintlich nicht genug schlechte Reaktionen für die eigene Queerness durchgemacht zu haben, eine Erscheinungsform des queeren Imposter-Syndroms sein.

Dieses Gefühl, nicht queer genug zu sein, überkommt mich selbst auch manchmal. Die Zweifel, ob man selbst überhaupt sich so bezeichnen darf, wie man sich fühlt – ohne die dafür vermeintlich notwendigen Klischees zu erfüllen, ist belastend. Ursache für diese Zweifel sind die gesellschaftlichen Normen, die vorgeben, welche geschlechtliche und sexuelle Identitäten „normal“ sind. Sie können so sehr verinnerlicht werden, dass sie zu internalisierter Queerfeindlichkeit und Selbstzweifeln vor dem Coming-out führen können. Wenn man die eigene (queere) Identität so lange abstreitet und anzweifelt, weil man nicht aus der Norm fallen möchte, ist eigentlich nur logisch, wenn man sich schwer damit tut, sie irgendwann doch zu akzeptieren.

Ich habe selbst lange und harte Kämpfe mit mir ausgetragen, bis ich akzeptieren konnte, dass ich nun einmal bin, wer ich bin und manchmal fällt es mir noch immer schwer, damit klar zu kommen, dass ich bisexuell, dass ich queer bin, weil ich nicht jedes Klischee erfülle.

Wenn man die eigene (queere) Identität so lange abstreitet und anzweifelt, weil man nicht aus der Norm fallen möchte, ist eigentlich nur logisch, wenn man sich schwer damit tut, sie irgendwann doch zu akzeptieren.

Die Idee, dass queere Personen zwangsläufig negative Reaktionen auf ihre Identität erleben müssen, gehört ebenfalls zu den verinnerlichten Vorstellungen. Wer also ein völlig unproblematisches Coming-out hatte und auch seither nie irgendwelche unguten Reaktionen aufgrund der eigenen queeren Identität erlebt hat, kann auch das Gefühl haben, nicht wirklich zur queeren Community zu gehören.

Zusammengefasst: Die Vorstellung, dass queere Identitäten immer mit leidvollen Erfahrungen verknüpft sind, dass queere Identitäten nicht „normal“ seien, dass man gewisse Klischees erfüllen muss, um sich zur LGBTQIA*-Communty zählen zu dürfen, ist falsch und kann zum queeren Imposter-Syndrom führen.

Nicht zuletzt deswegen ist es wichtig über queere Identitäten, queere Kultur, queeres Leben aufzuklären. Und da tragen auch die Medien eine große Verantwortung. Das Bild von queeren Menschen in Medien wirkt sich nämlich klarerweise auch darauf aus, wie wir queere Menschen sehen. Daher ist es auch wichtig, dass vermehrt queere Charaktere in Filmen, Serien, Büchern, Spielen und so weiter auftauchen. Die gesellschaftliche Diversität, die es in der realen Welt gibt, soll auch in den Medien abgebildet werden, denn Sichtbarkeit von Diversität erzeugt Sicherheit. Dabei geht auch darum zu zeigen, wie vielfältig queere Identitäten sein können. Schließlich haben Identitäten immer auch persönliche Komponenten und queere Identiäten sind ja nur ein Teil der gesamten Identität einer Person.

Die gesellschaftliche Diversität, die es in der realen Welt gibt, soll auch in den Medien abgebildet werden, denn Sichtbarkeit von Diversität erzeugt Sicherheit.

Wenn also in den Medien die wirkliche Diversität unserer Gesellschaft abgebildet würde, würde es bestimmt sehr vielen Menschen helfen, mit der eigenen (queeren) Identität klar zu kommen. Wir sollten dabei aber die sexuelle Identität und die Geschlechtsidentität nicht als etwas sehen, dass zwangsläufig festgeschrieben sein muss. Beides kann manchmal fließend sein.

Ich freue mich immer, wenn ich zum Beispiel eine Serie schaue, in der auch queere Charaktere auftauchen, die nicht nur irgendwelche Klischeerollen spielen. Es vermittelt einfach das Gefühl, dass queeres Leben in seiner ganzen Bandbreite auch Teil der Gesellschaft ist. Wäre das Bewusstsein dafür schon früher weiter verbreitet gewesen, hätte das für mich und sicher für für andere auch vieles einfacher gemacht. Immerhin wird so nicht nur queeren Personen das Gefühl vermittelt, dass queere Identitäten normal sind.

Das queere Imposter-Syndrom wird allerdings von Teilen der queeren Community selbst gefördert. Etwa wenn queere Gruppen ihre Identitäten so standardisieren, dass manche Menschen ausgeschlossen werden, etwa wenn eine Gruppe von Transpersonen festlegt, welche Standards Transpersonen erfüllen müssen, um in diese Gruppe eintreten zu können. Queere Räume sollen daher so divers und offen gestaltet werden, wie es möglich ist. Es ist allerdings auch wichtig, mehrfach diskriminierten Gruppen, etwa jüdisch-queeren oder muslimisch-queeren Menschen oder auch queeren BIPoC, ihre eigenen save spaces zu geben, wo sie sich treffen und vernetzen können.

Egal ob queer oder nicht, wir sollten alle unsere Identität ohne Zweifel, Sorgen und Ängste entdecken und ausleben dürfen. Und wer sich queer identifiziert, hat selbstverständlich auch ein Recht, sich entsprechend zu bezeichnen.

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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#Queerbeet

Unser Autor Michael Keitsch beleuchtet in dieser Kolumne die vielfältigen Seiten der queeren Lebenswelten.

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