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Bauchgefühl und Besserwisser

Wenn man schwanger ist, sind Entscheidungen doppelt so schwierig. Nicht aber, wenn man weiß, was man will.

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Lizenz: CC by-nc (bearbeitet)
Bild: „Decision“ Tim Rizzo

Als ich mich mit drei Jahren vehement dagegen wehrte, mir von meiner Mutter die Schuhe binden zu lassen, habe ich wohl meine erste erwachsene Entscheidung getroffen. Wir waren in Eile damals, deshalb musste es schnell gehen, und trotzdem wusste ich, dass ich diesen verflixten Handgriff genau jetzt am besten lernen kann. Etwas später stand Mama vermutlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch, aber die Hexe war einmal um den Baum und dann perfekt durchs Loch geflogen. Die Schleife saß. Es folgte die Wahl der richtigen Oberschule, die erste von mir initiierte und trotzdem super schmerzhafte Trennung und ein Umzug in Bayerns Hauptstadt.

Dank eines recht ausgeprägten Bauch- und Herzgefühls wusste ich in meinem Leben, ohne lange zu überlegen, eigentlich immer schon, was genau ich will. Und auch wenn von den ganzen Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe, vielleicht nur eine Handvoll wirklich lebenseinschneidend waren, bin ich durch sie schon ziemlich lange erwachsen.
Zumindest dachte ich das, bis zu dem Zeitpunkt, als ich schwanger wurde.

„Umso dicker mein Bauch wird, umso dicker wird meine harte Schale.“

Im selben Moment, in dem man die eigene Entscheidung und damit die gute Nachricht vom Nachwuchs freudestrahlend verkündet, legt man sein Erwachsenen-Dasein wie einen seidenen Mantel ab und steigt mit der Gesellschaft in den Ring. Jeder scheint auf einmal besser zu wissen, wie man sich fühlen, was man essen und wie man am besten gebären sollte. Wie gezielte Schläge mit harter Faust prasseln die schlauen Sprüche auf einen ein. „Bist du dir sicher, dass das gut so ist?“, „Und wenn dann am Ende etwas schief läuft? Fühlst du dich dann nicht schuldig?“, „Warte nur, bis das Baby erst mal da ist, dann wirst du schon sehen“. Dann folgt ein sanftes Schulterklopfen oder ein fassungsloser Blick zur Seite mit hochgezogenen Augenbrauen. Und ich stehe da wie ein Boxer, schwitze, verrenke mich und versuche, jeden Angriff taktisch richtig abzuwehren. Ganz schön anstrengend!

Eigene Entscheidungen werden streng unter die Lupe genommen, wenn man schwanger ist. Und dann werden sie entweder kritisiert, nicht akzeptiert oder mit Ratschlägen zur besseren Verhaltensweise einfach ignoriert. Noch nie in meinem Leben musste ich das, was ich tue, so eingehend verteidigen, wie jetzt. Umso dicker mein Bauch wird, umso dicker wird deshalb auch die harte Schale, die mich und mein Baby vor all den Urteilen und Besserwissereien zu schützen versucht. Doch manchmal, da ist sie eindeutig noch zu dünn, und der Schlag trifft mich mitten ins Gesicht.

„Leben bedeutet immer auch Risiko.“

Dabei kann mir doch niemand etwas abnehmen. Kein schlauer Spruch, der aus den Quellen der Lebenserfahrung anderer geschöpft wurde, wird mich jemals dorthin bringen, wo mich die Erfahrungen hinbringen, die auf meine bewusst getroffenen Entscheidungen folgen. Vielleicht scheint es nicht so, aber ich bin mir meiner Verantwortung vollkommen bewusst. Ich weiß, dass mein ganzes Verhalten auch den von mir abhängigen Herzmenschen beeinflusst und bin allzeit bereit mit eventuellen Konsequenzen zu leben. Schließlich bedeutet Leben immer auch Risiko. Nicht erst wenn man schwanger ist! Vom Moment unserer Zeugung bis zu unserem Tode kann uns selbst- oder fremdverschuldet ständig und überall etwas passieren. Und obwohl wir das wissen, treffen wir tagtäglich unsere eigenen, freien Entscheidungen. 

Nun bin ich schwanger und möchte das, bitte, weiterhin so praktizieren. Weil ich nach wie vor derselbe Mensch mit dem selben stark ausgeprägten Bauchgefühl bin, das ich schon mit drei Jahren hatte. Und weil es mich bis heute kein einziges Mal enttäuscht hat, vertraue ich ihm immer noch. Auch mit Herzmensch in diesem Bauch. Und auch dann, wenn es mir mal erlaubt, ein Stück Speck zu essen oder beim Yoga in den Kopfstand zu gehen. Herzmensch und ich sind da einer Meinung. Denn wenn es ihm taugt, blubbert er mittlerweile sogar schon ganz leise in meinem Bauch. Direkt neben meinem Bauchgefühl.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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