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Auszeit!

Wer unter Fernweh leidet weiß, dass nur ein bisschen weite Welt dagegen hilft. Nicht schlimm, findet die Psychologin Nadia Resch – ganz im Gegenteil.

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Bild: Nadja Resch

Auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, alles zurückzulassen und irgendwo in der Fremde ein neues Leben zu leben? Vor allem junge Menschen zieht es immer öfter ins Ausland, zumindest für eine gewisse Zeit. Auch Nadia Resch, von der Psychologischen Studienberatung der Südtiroler Hochschülerschaft in Bozen, packt immer wieder die Reiselust. Und wenn sie könnte, würde sie (fast) jedem Jugendlichen eine Zeit im Ausland verschreiben. Warum, das erklärt sie im Interview.

Ist Fernweh ein typisches Jugendsymptom? Ist es heilbar?
Fernweh ist normal und vollkommen gesund! Jugendliche wollen viel erleben, die weite Welt sehen, erfahren, wie es in anderen Ländern zugeht ... Ich finde es eigentlich ganz gesund, wenn Jugendliche und junge Erwachsene in andere Länder gehen und neue Erfahrungen machen.

Gibt es einen bestimmten Typus von Jugendlichen, der eher ins Ausland geht?
Die eher Extrovertierten, die gerne Neues erleben. Ich denke, dass diejenigen, die eher introvertiert sind und an der Heimat hängen, die in sehr vielen Vereinen hier in Südtirol sind, eher diejenigen sind, die nicht so gern ins Ausland gehen. Einige bekommen auch Heimweh und kehren bald wieder nach Hause zurück.

Gibt es einen neuen Trend, der bewirkt, dass junge Leute vermehrt ins Ausland gehen?
Ich glaube, früher war die Gelegenheit nicht so groß wie jetzt ins Ausland zu gehen. An den Universitäten wird Erasmus angeboten, auch Praktika werden vermehrt im Ausland gesucht und gemacht. Es ist einfach die Möglichkeit da, durch Flüge, öffentliche Verkehrsmittel, durch die Internetverbindung und so weiter, mit dem Ausland Kontakt aufzunehmen und Verbindungen zu knüpfen. Auch die neuen Medien tragen sicher viel dazu bei.

Glauben Sie, dass die Gründe für eine Zeit im Ausland sich verändert haben?
Betriebe wünschen sich, dass junge Leute im Ausland waren und fördern das auch. Das könnte ein neuer Grund für eine Auslandszeit sein.  Ein anderer neuer Grund ist die Weltoffenheit, die es nun gibt, dass man viel multikultureller ist, dass man auch schon im eigenen Land und durch die Universität viele verschiedene Menschen aus fremden/anderen Kulturen kennenlernt.

Wie ist es mit Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben sich zu orientieren, nicht wissen, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll? Kann eine Zeit im Ausland eine Chance für sie sein?
Ja, auf alle Fälle. Es gibt ja auch die Möglichkeit, verschiedene Praktika mit einem Auslandsaufenthalt zu verbinden. Dann kann man schauen, was einem gefällt. Jugendliche, aber auch Studenten und junge Erwachsene wissen oft nicht genau, was sie machen sollen oder wollen. Natürlich, wenn man viel Arbeitserfahrung im In- und auch im Ausland hat, wenn man einfach viel mehr gesehen hat, dann fällt diese Entscheidung leichter.

Verändert diese Erfahrung?
Ja, ich kann das bei mir feststellen, ich war auch mit Erasmus im Ausland. Das hat mich wirklich verändert, man wird viel offener, nimmt sich selbst weniger wichtig und beginnt in ganz anderen Dimensionen zu denken. Ich sehe das auch bei den Studenten, die zu mir in die psychologische Studentenberatung kommen: Ihre Ideen haben sich nach einer Auslandszeit weiterentwickelt. Eine solche Zeit ist für die Persönlichkeitsentwicklung eine Bereicherung für jeden Menschen, egal ob es Reisen sind, Praktika oder Studienzeit ...

Ist zurückkommen schwer? Kommen alle zurück?
Ja, manchmal ist zurückkommen schon schwer. Südtirol ist ein bisschen klein und eng, jeder kennt jeden. Ich habe erlebt, dass viele nicht zurückkommen, weil die Arbeitsbedingungen in Südtirol ein bisschen begrenzt sind. Und natürlich, wenn man längere Zeit im Ausland war, hat man eine Liebe zu diesem Land entwickelt, auch durch Freundschaften und so weiter. Außerdem, eine Großstadt hat eine ganz andere Lebensqualität als eine Kleinstadt und bietet ganz andere Dinge wie zum Beispiel Bozen.

Sie waren selbst im Ausland ...
Ja ich bin öfters im Ausland, aber meinen Studienauslandsaufenthalt habe ich in London gemacht. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen, es hat mich auch sehr motiviert, mein Studium schnell zu beenden, sodass ich bald wieder ins Ausland gehen konnte. Die Leute, die ich kennenlernte, die neuen Inputs haben mich eigentlich nur positiv beeinflusst, auch eine neue Uni kennenzulernen, ein neues System und eine neue Lebensweise ... In London ist alles viel größer, das war schon toll, hat mich sehr beeindruckt! So habe ich dann auch meine Reiselust entwickelt, ich mache nun immer wieder größere Reisen in ferne Länder und bin von den verschiedenen Kulturen fasziniert.

Maria Laura Ebensberger

wollte schon als kleines Mädchen Journalistin werden. Oder Schauspielerin. Wenn ersteres nicht klappt, seht ihr sie demnächst im Kino, an der Seite von Johnny Depp.
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Fernweh

„Bleibe im Land und ernähre dich redlich!“, sagt meine Großtante immer. In dieser Serie stellen wir Jugendliche vor, die es anders halten, die ihrem Fernweh nachgaben und in die weite Welt zogen. Eine Woche lang berichten sechs junge Südtiroler, was sie in der Ferne in Island, Indien, Brasilien, Argentinien, Spanien und in Australien gesucht und gefunden haben.

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