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Interview zum Klimaschutz

Ab Geburt Klimasünder?

Verzichten, um die Welt zu retten? Katharina Rogenhofer, Biologin und Klimaaktivistin, widerspricht: Eine klimaneutrale Welt bringe den Menschen auch mehr Lebensqualität.

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Klimaaaktivistin Katharina Rogenhofer

Bild: Cliff Kapatais Pixalcoma

Katharina Rogenhofer ist Mitbegründeirn der Fridays for Future-Bewegung in Österreich und Sprecherin des österreichischen Klimavolksbegehrens. Als Biologin verbindet sie Wissenschaft und Aktivismus und setzt sich für eine faktenbasierte, zukunftsorientierte Debatte ein. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Ändert sich nichts, ändert sich alles“ zeigt sie auf, welche Maßnahmen konkret möglich sind, wo die Grenzen der Konsumentenverantwortung liegen und warum eine klimaneutrale Welt nur teilweise mit Verzicht, vor allem aber mit einer höheren Lebensqualität verbunden ist.

Frau Rogenhofer, ich versuche schon jetzt, statt mit dem Flugzeug mit der Bahn zu reisen, fahre mit dem Rad zur Arbeit und kaufe saisonal und regional. Eines Tages schaffe ich es vielleicht, als perfekter Klimamensch zu leben und alle Emissionen auf ein Minimum zu reduzieren. Wäre dann alles super?
Langfristig müssten wir unsere Emissionen nicht nur reduzieren, sondern auf Null bringen. Im Moment sieht es aber so aus, dass wir in Österreich – in Deutschland ist es ähnlich – mit der Geburt schon mit einem ökologischen Fußabdruck starten, der 1,5 Hektar beträgt. Selbst, wenn wir im Laufe unseres Lebens keine weiteren Emissionen mehr verursachen, ist unser Fußabdruck, allein weil wir Staatsbürger eines westeuropäischen Landes sind, schon fast so groß wie der maximal verträgliche Fußabdruck von 1,6 Hektar. Dieser „Startnachteil“, den wir haben, geht auf die ressourcenintensive Infrastruktur in unserem Land zurück, Straßen, öffentliche Verwaltung, beheizte Gebäude… Es genügt also nicht, dass wir unseren individuellen Konsum verändern.

“Es geht nicht um Verzicht”: Klimaaktivistin Katharina Rogenhofer

Bild: Jake Tazreiter
Sondern?
Es geht nicht um Verzicht, sondern um eine Transformation, etwa von Mobilitätssystemen, von der Art und Weise, wie wir Energie gewinnen. Als Individuum kann ich nicht entscheiden, wie lange noch Kohle und Gas gefördert werden. Man kann aber Druck auf die Entscheider und Entscheiderinnen aufbauen, indem man sie kontaktiert, indem man auf die Straße geht. Das ist noch wichtiger als individuelle Konsumentscheidungen. Die Klimabewegung hat enorm viel dazu beigetragen, dass das Klimathema im politischen Diskurs verankert wurde. Jetzt müssen wir vom Reden ins Tun kommen.

Dass wir mit der Geburt bereits die Grenze dessen, was verträglich ist, erreichen, ist aber eine sehr ernüchternde Erkenntnis. Fast möchte man sagen: Wir können eh nichts mehr retten. Kommt es nicht vielmehr darauf an, uns dem Klimawandel anzupassen?
Selbst wenn wir uns mit 3 bis 4 Grad Klimaerwärmung abfinden möchten – wofür ich nicht bin -, müssten wir unsere Emissionen irgendwann auf Null reduzieren. Ansonsten steigen die Temperaturen weiter an. Die Frage ist also nicht, ob wir die Emissionen reduzieren, sondern: Wie schnell reduzieren wir sie und auf welche Welt steuern wir danach zu?

Wie würde eine solche klimaneutrale Welt konkret aussehen?
Wenn wir es schaffen, mutige Klimapolitik zu machen, bedeutet das, eine lebenswerte, möglicherweise sogar eine lebenswertere Zukunft zu schaffen. Wir würden mehr Grünflächen und weniger Verkehrslärm haben, würden uns aktiver fortbewegen, wären wohl auch gesünder. Geopolitisch wären wir weniger abhängig von ölexportierenden Staaten. Bei den Fortbewegungsmitteln hätten wir eine größere Wahl, weil unter anderem die Bahn endlich eine konkurrenzfähige Alternative zum Flugzeug wäre.

Unnötige Flugreisen wären also nicht verboten?
Natürlich geht es darum, die Geschäftsreisen jede Woche und Shoppingtrips in große Metropolen fürs Wochenende zu reduzieren. Aber insgesamt ist es essenziell, klimaschonende Alternativen attraktiver zu machen und den Menschen eine echte Wahl zu geben. Die EU hat das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften, in Österreich soll dieses Ziel schon 2040 erreicht werden (in Deutschland 2045, Anm.). Das geht aber nicht, wenn jetzt in Neubauten noch immer Öl- und Gasheizungen eingebaut werden, denn die bleiben dann noch gute zwanzig Jahre, oder wenn weiterhin neue Straßen gebaut werden, anstatt andere Möglichkeiten der Mobilität zu fördern. Das sind Dinge, die allein dem Gestaltungswillen der Politik unterliegen.

Eine Wirtschaft, die auf Service-Leistungen ausgerichtet ist, wäre nicht ärmer, würde aber deutlich weniger Ressourcen verbrauchen.

Von wem ist dieser politische Wille aktuell zu erwarten?
Bei den letzten Nationalratswahlen in Österreich haben die Wähler aller Parteien außer der FPÖ angegeben, dass die Klimapolitik für sie ein wahlentscheidendes Thema war. Ähnliches gilt für Deutschland. Die Menschen wollen eine Veränderung und ich würde die Verantwortung, diese Veränderung auf den Weg zu bringen, ungern einer einzigen Partei überlassen.

Sie behaupten, eine klimaneutrale Welt wäre sogar lebenswerter als unsere Welt heute. Tatsächlich müsste aber weniger konsumiert werden, wenn die Emissionen zurückgehen sollen. Was wird dann aus unserem materiellen Lebensstandard?
Der Grundannahme, dass wir ärmer werden, weil wir weniger konsumieren, würde ich widersprechen. In unserem System ist Wohlstand als möglichst hohes Bruttoinlandsprodukt definiert, was wiederum bedeutet, dass möglichst viele Waren und Dienstleistungen konsumiert werden müssen. Nach dieser Logik werden Produkte hergestellt, die möglichst kurzlebig sind, damit wir bald wieder neue kaufen müssen, um wieder zu konsumieren. Dem Einzelnen nützt das nichts, außer dass man mehr arbeiten muss, um mit dem Geld wieder neue Produkte zu kaufen. Eine Wirtschaft, die stattdessen auf Service-Leistungen ausgerichtet ist, wäre nicht ärmer, würde aber deutlich weniger Ressourcen verbrauchen. Dazu müssten Produkte geschaffen werden, die möglichst lange haltbar, reparierbar und recycelbar sind.

Ob man tatsächlich repariert und recycelt, hängt dann aber doch wieder vom Willen des Einzelnen ab.
Das stimmt, es ist eine Frage der Mentalität. Noch handeln wir stark nach einer Besitzlogik, in der es natürlicher ist, ein Auto zu besitzen und rumstehen zu lassen, anstatt das Auto zu teilen. Die Politik auf der anderen Seite kann aber nachhaltige Geschäftsmodelle begünstigen und die Rahmenbedingungen für nachhaltige Produktion und Recycling von Produkten schaffen. Sie muss ein nachhaltiges Leben für alle ermöglichen – und nicht nur für wenige Privilegierte. Erst dann hängt es wirklich vom Einzelnen ab.

Überbevölkerung wird oft als Argument benutzt, um den anderen – gerade armen Ländern – die Verantwortung zuzuschieben.

Nehmen wir an, wir schaffen es, in den kommenden Jahrzehnten klimaneutral zu werden. Das allein würde die Welt nicht retten, arbeitet doch ein großer Teil der Menschheit gerade daran, bald auch so einen ressourcenintensiven Lebensstandard wie wir zu führen. Wären dann alle Bemühungen nur dazu da, eine gewisse Vorbildfunktion zu erfüllen?
Diese Argumentation zeigt ja schon, dass die Art und Weise, wie wir leben, tatsächlich ein Problem ist. Es ist also an der Zeit, das zu ändern. Und die Vorbildfunktion ist dabei gar nicht zu unterschätzen. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren zeigen, dass eine Politik, eine Wirtschaft und eine Lebensart möglich ist, die keine Treibhausgasemissionen produziert und die nicht auf der Ausbeutung von Mensch und Umwelt basiert, dann hat das Vorteile vor Ort und schafft zudem eine Vorlage für andere Länder, wie man Wohlstand schaffen kann, ohne den Umweg über Ressourcenausbeutung und Treibhausgasemissionen zu gehen.

Und die schauen sich dann alles einfach ab?
Es gibt da eine Analogie, die ich gerne verwende, um das zu veranschaulichen. Fürs Telefonfestnetz wurden in Europa früher Unmengen an Gelder für die nötige Infrastruktur ausgegeben. Die Infrastruktur fürs Mobilfunknetz ab den 1990er Jahren war dagegen um ein Vielfaches günstiger und effizienter. Als diese Technologie vorhanden war, haben viele afrikanische Länder direkt ihr Mobilfunknetz ausgebaut, anstatt den Umweg über das kostspielige Festnetz zu gehen.

Dennoch: Wir sind bald 8 Milliarden Menschen, Tendenz steigend. Die wichtigste Einzelmaßnahme, um Emissionen zu reduzieren, besteht heute darin, auf eigene Kinder zu verzichten. Ist die Überbevölkerung das eigentliche Problem?
Auf der einen Seite stimmt es, dass es nicht möglich ist, eine ewig steigende Bevölkerung auf einem endlichen Planeten zu versorgen. Das Bevölkerungswachstum stagniert aber erwiesenermaßen ab einem gewissen Niveau der Industrialisierung. Auf der anderen Seite wird die Überbevölkerung oft als Argument benutzt, um den anderen – gerade armen Ländern – die Verantwortung zuzuschieben: Dann ist auf einmal Bangladesch das Problem, obwohl die Menschen dort einen um ein Vielfaches geringeren Fußabdruck als wir haben (ein einziger Mensch in Österreich oder Deutschland hinterlässt einen genauso großen Fußabdruck wie acht Menschen in Bangladesch, Anm.).

Das Problem kann nicht allein mit Konsumentscheidungen gelöst werden.

Sie sagen also: Es ist möglich, bei gleichbleibender oder sogar steigender Weltbevölkerung einen Fußabdruck zu hinterlassen, der pro Kopf so gering wie in Bangladesch ist, zugleich aber unsere europäische Lebensqualität beizubehalten.
Davon bin ich überzeugt. Dafür müssen wir unsere Systeme so umbauen, dass unser Wohlstand nicht mehr auf Co2-Ausstoß und fossilen Brennstoffen, sondern auf erneuerbaren Energien und Kreislaufwirtschaft aufbaut und Verschwendung verhindert wird. Aktuell könnten durch unseren Überfluss 40 Prozent mehr Menschen ernährt werden. Ähnliche Verschwendung gibt es im Energieverbrauch.

Sie nennen im Buch verschiedene Ausreden, warum auf der Ebene der Politik noch immer zu wenig getan wird und die Verantwortung weiterhin den Konsumierenden zugeschoben wird. Welche sind das?
Lange hat die Politik nicht gehandelt, weil man gemeint hat, die Klimakrise wäre weit weg und würde uns kaum treffen. Das ist durch die zunehmenden Extremwetterereignisse widerlegt worden. Ein anderes Argument war die Annahme, die Bürger und Bürgerinnen würden ambitionierte Klimapolitik nicht mittragen. Auch da zeigen nun alle Umfragen in der EU ein anderes Bild, ein überwiegender Großteil der Menschen sind für Klimaschutz. Die politischen Ebenen, EU, Bund und Länder schieben sich nach wie vor gerne die Zuständigkeit gegenseitig zu oder machen eben den einzelnen Bürger, die einzelne Bürgerin verantwortlich. Zum einen kann das Problem aber nicht allein mit Konsumentscheidungen gelöst werden. Zum anderen ist es noch gar nicht allen möglich, sich für die klimafreundlichere Variante zu entscheiden. Und genau das – die Entscheidung allen möglich zu machen – ist die Aufgabe der Politik.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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