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Südtiroler Speck

„Weniger als ein Prozent Südtirol“

Der Südtiroler Speck ist ein Millionenbusiness. Joachim Raich erklärt, warum im „Südtiroler Speck g.g.A.“ kaum Südtirol steckt und welche Folgen das für die Umwelt hat.

Auf der Verpackung des Specks, den man in Südtirol in fast allen Supermärkten kaufen kann, prangt das bunte Logo der Südtiroler Dachmarke. „Südtiroler Speck“, „geschützte geografische Angabe“, manchmal mit einer Abbildung von Südtiroler Bergen, und sofort schweifen die Gedanken zu einem typischen Bergbauernhof, wo die Schweine gehalten werden und dann durch ein traditionelles, lokales Verfahren zu Speck verarbeitet werden.

Joachim Raich, 31 Jahre alt, verbrachte in seiner Kindheit viel Zeit auf einem solchen Bergbauernhof in den Südtiroler Bergen. Sein Onkel hielt dort ein bis zwei Schweine im Jahr und stellte daraus auch Speck her, der allerdings nur für den Eigenbedarf genügte. Joachim, der inzwischen in Wien wohnt und für die Menschenrechtsorganisation Südwind zu globalem Waldschutz arbeitet, hat also früh verstanden, dass für das Millionenbusiness der Südtiroler Speckindustrie zunächst eine enorme Menge an Schweinen nötig ist. Aber nicht nur.

Joachim Raich

Bild: Joachim Raich
Auf dem Weg nach Wien, wo er Philosophie und Humanökologie studiert hat, fragte er sich konkret, wo die ganzen Schweine und die damit zusammenhängenden Ressourcen herkommen, die im Südtiroler Speck landen. Denn es ist offensichtlich, dass Südtirol kein Land der Schweinemast ist. Seine Recherche führte ihn von der Poebene nach Deutschland und den Niederlanden, bis hin nach Brasilien, wo Regenwald abgeholzt wird und indigene Gemeinschaften vertrieben werden, um Soja als Futtermittel für die europäischen Schweine anzubauen – auch für Südtiroler Speck. All dies fasst er in seiner Masterarbeit unter der Fragestellung „Wie viel Südtirol steckt in ‚Südtiroler Speck g.g.A.‘?“ zusammen – und kommt zu frappanten Ergebnissen.

 

Speck wird mit Südtirol in Verbindung gebracht, hat laut deiner Recherche aber wenig mit unserer Region zu tun. Warum?
Würden wir in Südtirol versuchen, all die Futtermittel anzubauen, mit denen die Schweine für die Südtiroler Speckproduktion gefüttert werden, dann bräuchte es dafür mehr als die gesamte Fläche, die in Südtirol dem Apfelanbau gilt, also rund 19.000 Hektar. Und dabei sind noch gar nicht die ganzen Schweine miteinberechnet, die für die Speckproduktion gemästet werden müssen. Genauso wenig wie die damit verbundene Geruchsbelastung, Abfallproduktion und Verschmutzung der Luft und der Flüsse. 

Historische Entwicklung der „Südtiroler Speck g.g.A“- Produktion 1996-2009

Bild: Südtiroler Speck Konsortium, Tätigkeitsbericht 2020

 

Diese Schritte finden offensichtlich nicht in Südtirol statt. In unserem Land findet also nur ein kleiner Schritt der ganzen Speckproduktion statt?
Genau. Man muss sich vorstellen, dass allein im Jahr 2019 2,9 Millionen Hammen Speck von den Betrieben des Südtiroler Speckkonsortiums hergestellt wurden. Dafür braucht es Fleisch von rund eineinhalb Millionen Schweinen. Das Schweinefleisch wird nach Südtirol importiert, hauptsächlich aus Deutschland, den Niederlanden und dem restlichen Italien. Wenn man die Folgen der industriellen Tiermast auf die Umwelt bedenkt, dann heißt das, dass die ökologischen und sozialen Kosten ausgelagert werden. Doch abgesehen von der Schweinemast muss auch die restliche Produktionskette untersucht werden. Aus dieser Analyse geht hervor, dass Speck ein stark globalisiertes Produkt ist.

Bis wohin reichen die einzelnen Schritte der Speckproduktion?
Abgesehen vom Import der Schweine muss man sich die Futtermittelproduktion genauer anschauen. Mais und Soja müssen in enormen Mengen angebaut werden und nehmen riesige Anbauflächen in Anspruch. Da wir in der EU einen größeren Bedarf an Sojafuttermitteln haben, als wir selbst decken können, wird dieses importiert – hauptsächlich aus Südamerika. Das Futtermittel für die Schweine, die dem Südtiroler Speck gelten, ist keine Ausnahme. Das Problem dabei ist, dass dieser Riesenbedarf an Futtermitteln dazu geführt hat, dass sich in den letzten zwanzig Jahren die Anbauflächen in Südamerika verdoppelt haben. Heute sind es gut 55 Millionen Hektar, eine Fläche größer als ganz Spanien. Für die Ausweitung der Anbauflächen wird Regenwald abgeholzt, wodurch gigantische Mengen an CO2 freigesetzt werden und unzählige Tier- und Pflanzenarten vernichtet werden. Von den sozialen Kosten ganz zu schweigen.

Mit sozialen Kosten sind die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen gemeint?
Unter anderem. Die sozialen Kosten reichen von Menschenrechtsverletzungen, vor allem bei der Ausweitung der Anbauflächen, wofür indigene und lokale Bevölkerungen gewaltsam vertrieben werden, bis hin zu Gesundheitsschäden, denn die ArbeiterInnen sind bei der Arbeit mit Pestiziden häufig gefährlichen Chemikalien ausgesetzt, die über Grundwasser und Flüsse auch das Trinkwasser von angrenzenden Gemeinschaften vergiften. Dazu kommen weitere Faktoren, die mit der Fleischindustrie zusammenhängen, wie etwa die schlechten Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und die psychische Belastung der Personen, die für das Schlachten der Tiere zuständig sind.

Das Siegel wurde von der EU ins Leben gerufen, um die regionalen Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Dabei muss nur ein Produktionsschritt im genannten Gebiet erfolgt sein. 

Von all dem kriegt man in Südtirol nichts mit, im Gegenteil, das Produkt gibt uns den Eindruck lokal und traditionsreich zu sein...
Die sozialen und ökologischen Kosten werden ausgelagert, sie finden woanders statt und werden hier nicht wahrgenommen.  Was die Tradition des Specks in Südtirol betrifft, stimmt das schon, dass Speck in Südtirol seit langem auf eine etwas eigene Art hergestellt wird. Aber der Punkt ist, dass etwas nicht schon deswegen lokal ist, weil es zu einem sehr geringen Anteil auf lokale Weise verarbeitet wird. Der „Südtiroler Speck g.g.A.“ trägt das EU-Siegel „g.g.A“, also geschützte geografische Angabe. Dieses Siegel wurde von der EU ins Leben gerufen, um die regionalen Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Dabei muss nur ein Produktionsschritt im genannten Gebiet erfolgt sein. Es reicht also, wenn, genau wie es beim Südtiroler Speck der Fall ist, die Endverarbeitung in Südtirol stattfindet, also das sogenannte Pökeln, das Verarbeiten mit Gewürzen und Salz, sowie das darauffolgende Lufttrocknen und Räuchern des Schweinefleisches. Einigen Betrieben der regionalen Wirtschaft kann das Siegel also helfen, weil es die Wertschöpfung anhebt. Aber die sozialen und ökologischen Kosten der Schweinefleischproduktion werden dabei völlig ausgeblendet.

Welche Länder leiden am meisten unter den ökologischen Kosten der Fleischindustrie und somit auch der Südtiroler Speckindustrie?
Brasilien zum Beispiel. In meiner Arbeit habe ich analysiert, wie groß der Impact auf die Herstellungsländer der Futtermittel für den Südtiroler Speck ist. Dabei habe ich mich auf zwei Dinge konzentriert: zum einen den Flächenbedarf und zum anderen die Menge an pflanzlicher Biomasse, die für die Fleischproduktion angeeignet wird – also das, was als Futtermittel in die Mast fließt oder als produktive Wald- oder Grünfläche verloren geht, weil sie verbaut wird. Rund drei Viertel der Biomasse wird zwar in Europa angeeignet, aber mit 14 Prozent kommt auch ein beträchtlicher Teil aus Südamerika und insbesondere aus Brasilien – was vor allem auf den Regenwald zurückgeht, der für Sojaanbau zerstört wird. Aus Restitalien kommen nur 4 Prozent der gesamten Biomasse und nur 0,04 Prozent aus Südtirol selbst. Insofern ist es einfach kein regionales Produkt.

Länder, die im Südtiroler Speck stecken (Quelle: Joachim Raich, „Wie viel Südtirol steckt in
Südtiroler Speck g.g.A.? Eine sozialökologische Analyse aus Perspektive gesellschaftlicher Aneignung von Nettoprimärproduktion, 2021

Bild: Joachim Raich

Viele Menschen setzen, inmitten der Klima- und Biodiversitätskrise, gerne auf Regionalität, doch Marketing und Gütesiegel leiten in die Irre. Dies zeigt, dass nicht nur der Energiesektor, sondern auch die Lebensmittelindustrie dringend Veränderung braucht. Sie ist für circa 30 Prozent der globalen Treibhausgasen und für 70 Prozent der Frischwasserverbrauchs verantwortlich. Dies ist eng verbunden mit der Landwirtschaft, die gut 40 Prozent der globalen Landfläche in Anspruch nimmt. Welche Verantwortung tragen dabei die Länder des globalen Nordens?
Die Länder des globalen Nordens, dazu gehört auch Südtirol, sind hauptverantwortlich für die Erderwärmung, weil sie am meisten verbrauchen. Wenn wir dieser entgegenwirken wollen, dann muss auch Südtirol sich jetzt fragen, was der Südtiroler Beitrag zur Klimakrise ist und wie wir ihn reduzieren können.

Die Speckproduktion ist ein Beispiel dafür, was eine solche Produktion mit der Umwelt anstellt. Was kann man in Südtirol konkret tun?
Die Produktion und der Konsum von rotem Fleisch muss weltweit massiv reduziert werden. Die Produktion von rotem Fleisch verbraucht zu viele Ressourcen und hat katastrophale Auswirkungen auf Umwelt und Menschen. Auch die Produktion von “Südtiroler Speck g.g.A.” spielt in diesem Business mit und vermarktet sich gleichzeitig als rein regional und damit als nachhaltig. Das muss entlarvt werden, etwa durch transparentere Gütesiegel. Außerdem braucht es eine offene Debatte darüber, wie Lebensmittelproduktion in Südtirol aussehen muss, die die Klimakrise nicht weiter anheizt. Ansetzten könnte man damit, dass Südtirol aufhört, Praktiken zu subventionieren, die die Klimakrise weiter eskalieren lassen. Dazu gehört auch die Speckproduktion. Es ist richtig, sich als Einzelner anders zu ernähren, aber es braucht vor allem einen strukturellen Wandel der Produktion, wozu auch strengere und genauere Gesetze auf nationaler und EU-Ebene nötig sind.

Die Südtiroler Dachmarke profitiert wohl von der Vermarktung auf der Speckverpackung und das Speckkonsortium vom Logo der Südtiroler Dachmarke, genauso wie vom EU-Siegel g.g.A…
Ja, scheint so. Doch Fakt bleibt, dass hier eine Auslagerung der Rohstoffproduktion und des Drucks auf Menschen und Ökosysteme stattfindet, während die Gewinne im Inneren, also in Südtirol abgeschöpft werden. Südtirol profitiert von dieser Externalisierung, wie die meisten Länder des globalen Nordens. Das Marketing mit Dachmarke und der Bezeichnung „Südtiroler Speck g.g.A.“ führt uns in die Irre und lässt selbst uns Südtiroler und Südtirolerinnen ausblenden, dass in unserem “Südtiroler Speck” weniger als 1 Prozent Südtirol steckt.

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So forscht Südtirol

Jeder fünfte junge Südtiroler ist Akademiker. Für einen akademischen Abschluss muss eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben werden. Oft sind das innovative neue Projekte, die in monatelanger Schreib- und Denkarbeit angefertigt werden – um dann in Schubladen und Bücherregalen zu verstauben. Deshalb stellen wir einmal monatlich eine Abschlussarbeit vor. Schreib auch du eine Mail an redaktion@barfuss.it, wenn du dich in deiner Abschlussarbeit mit Südtirol beschäftigt hast.

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