Rassismus in Bozen

„Schau Papa, da ist einer wie wir!“

Papa Dame Diop, 53, verlässt Bozen, um seinen Kindern ein unbeschwertes Aufwachsen in einer offeneren Gesellschaft zu ermöglichen. Er findet diese in Frankreich und zieht um.

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Papa Dame Diop ist ein stadtbekannter Aktivist. Nun verabschiedet er sich von Bozen.

Bild: Manuela Tessaro

Papa Dame Diop, 53-jähriger IVECO-Arbeiter und SGK/UIL-Betriebsgewerkschafter, geboren in St. Louis im Senegal, verlässt mit seiner Frau und seinen beiden Buben im Alter von 6 und 8 Jahren die Landeshauptstadt und zieht ins französische Grenoble um. Der Senegalese, seit 20 Jahren in Italien, etwas mehr als 10 Jahre davon in Bozen, will seine Kinder vor rassistischen Übergriffen, so gut es geht, schützen und an einem Ort aufwachsen sehen, „wo die Farbe der Haut keine Rolle spielt, und wo sie möglichst angstfrei leben können“.  Frankreichs Stadt am Fuß mehrerer Berge zwischen den Flüssen Drac und Isère, „ist weltoffener als Bozen“. In Grenoble setzte die Zuwanderung aus dem Ausland um 1880 ein, der Ausländeranteil betrug 1931 schon 18%. Zum Vergleich: Aktuell liegt die Ausländerrate in Südtirol bei 10,6%.

Nach dem Tod des 46-jährigen George Floyd, am 25. Mai 2020 in Minneapolis, und den Rassismusvorwürfen gegen US-amerikanische Polizeigewalt, kam es auch in Südtirol zu Protesten der Bewegung Black Lives Matter. Schwarze Leben zählen! Einer der Organisatoren der Bozner Kundgebung vom 13. Juni 2020 war Papa Dame Diop. Zwei Jahre später kündigt der Aktivist an, wegen „zu viel Rassismus in Bozen“ nach Frankreich umzusiedeln. Die Entscheidung hat er schon vor mehreren Wochen getroffen, aber erst im Mai bekannt gegeben.  Seine Familie lebt bereits in Grenoble, wo seine Frau „endlich Arbeit gefunden“ und seine beiden Söhne „in der Grundschule schon fest integriert“ sind und wo „meine Diplome anerkannt werden, was in Italien nicht der Fall ist“.  

Die Autorin Lissi Mair mit Papa Dame Diop: “Papadam hat Verantwortung für seine Kinder übernommen und ist den Pflichten eines Vaters gerecht geworden, so leid es uns allen tun mag, die wir ihn als Freund kennen und schätzen.”

Bild: Manuela Tessaro

Nach mehreren unseligen Episoden reifte in ihm die Entscheidung, Bozen zu verlassen. Nicht wegen ihm, sagt er, sondern im Sinne der Verantwortung, die er gegenüber seinen minderjährigen Kindern hat, denen er ein weitgehend sorgenfreies Aufwachsen in einem toleranten Umfeld garantieren will. In Bozen, so meint er, seien diese Voraussetzungen derzeit nicht gegeben: Trotz italienischer Staatsbürgerschaft hat man ihn beispielsweise am Standesamt mehrmals aufgefordert, die Aufenthaltsgenehmigung vorzulegen, bei der Wohnungssuche hat er sich immer wieder anhören müssen, dass man an Ausländer nicht vermiete und wenn man an Ausländer vermiete, dann zum Wucherpreis. „Es gibt so viele Vorurteile. Wenn jemand eine andere Hautfarbe hat, wird die Person dahinter oft vergessen“.

Seit bald 20 Jahren geht Papa Dame einer geregelten Arbeit in Italien nach. Aber was für ihn schwerer als alles andere wiegt, ist der latente Rassismus, dem er im Kreis der deutschen Grundschule begegnet war. Und als sein Sohn nicht mehr in diese Schule gehen wollte, „weil er Angst vor der Lehrperson hatte“ und es auch zu anderen Zwischenfällen von Mobbing und Bullying kam, rief der immer die Ruhe bewahrende (das kann ich bezeugen, kenne ich ihn doch seit zwei Jahren persönlich, Anm. Lm) Familienvater in der Schuldirektion an, um sich zu erkundigen, was Sache wäre. Doch von der anderen Seite der Leitung war nur ein lapidares „Mit euch ist es immer dasselbe“ zu vernehmen.

Papa Dame war einmal mehr entsetzt, als ein Mann mit dunkler Hautfarbe im Stadtbus zustieg und sein Sohn ihm zurief: „Schau Papa, einer wie wir!“. Einer wie wir? Wie soll er ihm erklären, dass sie nicht die einzigen sind? „Da wusste ich, was zu tun war.  Ich wollte nur noch weg aus dieser Stadt, auch wenn es mir leidtut“. Er selbst wisse sich gegen diskriminierende Angriffe zu schützen, „aber ich kann und mag mir gar nicht ausmalen, wie es für meine beiden Kinder sein muss“ und ob sie nicht ein Trauma davontragen würden.  Papa Dame hat Verantwortung für seine Kinder übernommen und ist den Pflichten eines Vaters gerecht geworden, so leid es uns allen tun mag, die wir ihn als Freund kennen und schätzen. 

Gelebte Solidarität

Papa Dame hatte das Plugging, das Müllsammeln im Laufen, vor Jahren in Bozen etabliert, hat ethnische Kochkurse in den Stadtvierteln organisiert und Rezepte von Spezialitäten aus seiner Heimat preisgegeben. Für die weniger Glücklichen unter der Brücke hat er regelmäßig sonntags Essen gebracht und im Winter auch warme Bekleidung, hat inklusives Jogging lanciert, einen sozialen Sportverein gegründet sowie Gratis-Turnstunden mit Schwerpunkt Selbstverteidigung und Karate eingerichtet.

Papa Dame Diop

Bild: Manuela Tessaro

Ob Vereinsgründungen oder Bürgerinitiativen, der Selbstlose war stets zur Stelle, einzugreifen und zu helfen, wo man ihn brauchte oder um Hilfe bat. Im vergangenen Winter rettete er unter der Brücke einen an Lungenentzündung erkrankten Flüchtling. Er machte öffentlich, was öffentlich gemacht werden musste – so auch wenn Decken, Schlafsäcke oder Zelte von Notbehausungen abtransportiert wurden. Er organisierte Feste im Bahnhofspark, um diesen zu beleben und sich solidarisch mit den jungen Männern zu zeigen, die nichts anderes als diesen Treffpunkt haben und vor denen man sich nicht zu fürchten braucht. „Die Dealer“, so meint Papa Dame, „verlassen den Park sofort, wenn wir ihn beleben“.

Er war mittlerweile zum Fixstern der solidarischen Stadt geworden, umso schlimmer muss jetzt sein Abgang auch für die vielen Freiwilligen der Zivilbevölkerung sein. Eine Narbe wird bleiben nach dieser verletzenden Niederlage für die Bozner Gesellschaft, die Papa Dame nicht gewährleisten konnte, dass sich seine Familie hier nicht zu sorgen braucht.

Wer ist Papa Dame Diop?

Papa Dame Diop kommt aus Saint Louis, der pulsierenden Stadt am Fluss Senegal, an der Westküste Afrikas, wo er 1969 als zehntes Kind von 14 zur Welt kommt. Sein Vater war bis zu seiner Pensionierung in der Postverwaltung angestellt und arbeitete die letzten Lebensjahre als Fotograf für das Militär. „Mein Vater hat mir eine große Fotoausrüstung hinterlassen und, um meiner Familie zu helfen, trat ich nach dessen plötzlichen Unfalltod als Fotoreporter in seine Fußstapfen und übernahm zwei Jahre lang den Posten beim Militär“. Dafür musste er sein Universitätsstudium in Sportbiologie in der Hauptstadt Dakar abbrechen, „was mir sehr leidgetan hat“, und trat aus seiner Ausbildung zum Elektrotechniker aus, während er sich daheim zusätzlich, um seiner Mutter beizustehen, noch um die Tiere kümmerte: um Schafe, Ziegen, Hennen.

Aber seine Leidenschaft war der Sport. Er besaß damals schon den schwarzen Gürtel im Karate und schlug jetzt eine Laufbahn als Profisportler ein, es folgten Teilnahmen an afrikanischen Meisterschaften mit drei gewonnenen Titeln und 1999 eine Teilnahme an der Karate-WM. Er leitete ein Kampfsport-Zentrum in Saint Louis und bis zum 30. Lebensjahr blieb er Berufssportler im Nationalteam des Senegal. „Mit 25 Jahren schon erhielt ich eine Beauftragung der örtlichen Gendarmerie und leitete den Kampfsport-Ausbildungslehrgang. In dieser Zeit war ich auch verheiratet – neun Jahre lang, aber die Ehe hielt nicht. Als meine erste Frau 2016 starb, war das ein schwerer Verlust für mich“.

„Unsere Eltern schickten uns Kinder regelmäßig mit dem Mittagessen zu armen Familien in der Nachbarschaft. Das gehört zu unserer muslimischen Kultur.”

„Die Solidarität habe ich in meiner Familie kennengelernt. Unser Familienhaus stand immer offen für Verwandte und Leute, die aus dem Dorf meines Vaters kamen und bei uns wohnten, wenn sie in der Stadt zu tun hatten. Auch Kinder aus den Dörfern wohnten oft das ganze Schuljahr hindurch bei uns, wenn sie sich kein Heim in der Stadt leisten konnten. Es kam öfters vor, dass ich mein Zimmer einem Gast überlassen musste, während ich mir ein Schlaflager im Gang einrichtete“, erzählt Papa Dame weiter in unserem Gespräch am Ententeich des Petrarcaparkes und erinnert sich gern an diese Zeit: „Unsere Eltern schickten uns Kinder regelmäßig mit dem Mittagessen zu zwei armen Familien in der Nachbarschaft. Das gehört zu unserer muslimischen Kultur. Meine Familienangehörigen sind Demokraten, meine Schwestern trugen niemals Schleier und seit jeher Hosen. Meine Mutter, die vor 6 Jahren starb, liebte unser Haus voller Leben, kochte oft den ganzen Tag lang, um all ihre Lieben zu versammeln und Feste zu feiern“. Drei Geschwister mit ihren Familien leben heute noch im Heimathaus, das „ein offenes geblieben ist“ und wo Papa Dame auch immer wieder gerne zurückkehrt.

Als „Vu cumprà“ zwischen Brescia, Venedig und Jesolo

Mit dem Flugzeug und einem Touristenvisum für Frankreich in der Tasche, war Papa Dame 31-jährig zu einem Freund nach Frankreich gereist.  Dort erzählte ihm ein Bekannter von Arbeitsmöglichkeiten in Italien und so ging er über die Grenze.  „Ich war damals recht blauäugig und muss heute sagen, dass ich es mir leichter vorgestellt hatte, in Italien zu Arbeitsverträgen zu kommen“.

Das Bossi-Fini-Gesetz aus dem Jahr 2002, Synonym für harte Flüchtlingspolitik, hat das Übrige dazugetan, erschwerte ihm auch die Wohnungssuche.  Ein Jahr lang war er „illegal“ in Italien, schlug sich Uhren verkaufend als „Vu cumprà“ in Brescia, Venedig und an Wochenenden auch am Strand von Jesolo durch. In dieser Zeit lernte er gut Italienisch und seither weiß er, wie es sich anfühlt, zu neunt in einer Zweizimmerwohnung zu leben. „Schon nach drei Monaten wollte ich wieder in mein Land zurück, aber dazu fehlte mir das Geld. Das war eine schwere Zeit“. Daheim hatte er ein Zimmer für sich allein und hier teilte er es mit acht Anderen und das für teures Geld. „Ich hatte keine Privatsphäre und ich konnte auch nicht den Menschen helfen, die neu ins Land kamen. Hätte ich damals in Frankreich gewusst, dass in Italien dieses Bossi-Fini-Gesetz kommt, wäre ich gleich wieder zurück nach Senegal, wo es mir gut ging, wo ich in einem großen Haus wohnte und drei verschiedenen Arbeiten nachging. Aber ich hatte kein Geld und so blieb ich in der Lombardei.“

„Ich wollte ein geregeltes Arbeitsleben, Steuern zahlen und für Kranken- und Rentenversicherung einzahlen“.  Und so fand er schließlich über eine Arbeitsagentur und nach mehreren zeitlich begrenzten Verträgen 2004 eine feste Anstellung im IVECO-Werk in Brescia.  „Ich meldete mich sofort bei der Gewerkschaft an. Die Eingeschriebenen selbst sind die Gewerkschaft, und vergessen wir nicht, dass die Gewerkschaft auch für jene arbeitet, die nicht Mitglieder sind“. Nach der Wirtschaftskrise 2011 wurde er gemeinsam mit 34 anderen Kollegen ins Bozner Werk verlegt, zunächst als Übergangslösung und dann fix. Im Bozner Arbeiterwohnheim fand er sein erstes Zimmer und bald danach eine eigene Wohnung. „Jetzt war ich angekommen. Bozen gefiel mir und in dieser guten Zeit habe ich Ndella Mbaye, die auch aus Saint Louis stammt, kennen gelernt. Wir trafen uns öfters und 2013 folgte die Hochzeit, die wir nach religiösem Brauch mit unseren Familien in Saint Louis feierten. Die beiden Buben kamen 2014 und 2016 in Bozen zur Welt“.

Für den 30. Juni ist der Umzugswagen bestellt. Papa Dame verlässt Bozen mit einem weinenden Auge.  „Ich hätte noch 100 Projekte in der Schublade gehabt“.

Papa Dame Diop, hab Dank für alles und ad multos!

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