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„Kaufen, um zu kompensieren“

Der Psychologe und Psychotherapeut Edmund Senoner koordiniert den Bereich Sucht im Therapiezentrum Bad Bachgart. Er weiß, wann Einkaufen zum Problem werden kann.

Wann spricht man von einer Kaufsucht?
Edmund Senoner: In der Symptomatik gibt es viele Parallelen zu Zwangserkrankungen und substanzbezogenen Suchterkrankungen. Kaufsüchtig ist, wer permanent einen sehr starken und belastenden Drang verspürt, einzukaufen und die Kontrolle über das eigene Verhalten verliert. Betroffene vernachlässigen wichtige Aufgaben und soziale Kontakte, sie versuchen oft ihr Kaufverhalten zu verheimlichen und zeigen Entzugserscheinungen. Das Ausmaß des Problems zeigt sich allerdings meist erst sobald ernstzunehmende Geldsorgen oder Konflikte mit dem sozialen Umfeld so weit voranschreiten, dass die Situation existenzbedrohend wird. Laut einer österreichischen Studie im Auftrag der Arbeiterkammer gelten 24 Prozent der Menschen als kaufsuchtgefährdet.

Spiegeln sich diese Zahlen auch in der Praxis wider?
Die Zahl der Menschen, die mit akuter Kaufsucht zu uns kommen, ist eher gering. Es sind aber immer wieder einzelne, und öfter sehen wir sie als Begleiterscheinung anderer Erkrankungen wie Essstörungen, Depressionen, Ängsten und Zwangsstörungen. Das Einkaufen ist dann, wie jede Sucht, ein weiterer Problemlösungsversuch: zum Kaschieren eines geringen Selbstwertes, zur Belohnung in Stresssituationen, zur Ablenkung oder Aufmunterung bei Trauer. Es wird gekauft, um ein schlechtes Gefühl zu kompensieren.

Es wird gekauft, um ein schlechtes Gefühl zu kompensieren.


Ist diese Sucht ein Phänomen unserer Zeit?
Wir leben in einer unerbittlichen Konsumgesellschaft. Wer konsumiert, gehört dazu. Im Internet können wir rund um die Uhr einkaufen. Ständig sind wir von Werbung und Vorbildern umgeben, die uns beeinflussen. Auch finanziell ist heute viel möglich, es wird viel auf Pump gekauft und die Banken sind bei der Kreditvergabe großzügig. Gesellschaftlich ist es angesehen, immer nach der neuesten Mode gekleidet zu sein. Wer viel kaufen kann, wird bewundert. Wenn Einkaufen zum Problem wird, schaut das Umfeld daher oft lange weg.

Wer sind die Betroffenen? Was eint sie?
Es sind zum Großteil Frauen, viele sind noch relativ jung. Am häufigsten wird Kleidung gekauft, aber auch Kosmetika und Einrichtungsgegenstände. Männer kaufen mehr Elektronikartikel. Oft sind es Menschen, die keinen Bezug zum Geld und nie gelernt haben, damit umzugehen. Kaufsüchtige haben oft einen sehr geringen Selbstwert und definieren sich darüber, wie sie aussehen, was sie besitzen und wie sie bei anderen ankommen. Sie suchen Bestätigung und Wertschätzung im Außen. Oft sind es aber auch Menschen, die sehr unter Druck stehen, immer volle Leistung bringen und sich durch den Konsum belohnen.

Wie sieht die Therapie bei Kaufsucht aus?
Einkaufen ist etwas, das wir alle tun. Abstinenz ist daher keine Option. Wenn jemand ins Therapiezentrum kommt, wird zunächst dennoch versucht, eine Zeitlang nichts zu kaufen. Ein wichtiger Aspekt ist dann der Umgang mit Geld, der oft neu gelernt werden muss. Es wird etwa versucht ohne Kredit- und Bankomatkarte innerhalb einer Zeitspanne mit einer bestimmten Summe auszukommen. Zentral ist auch das Thema Selbstwert. Therapeutisch wird darauf hingearbeitet, andere Kanäle zu aktivieren, die den Selbstwert wieder steigern. Da geht es um Selbstwertschätzung, Selbstliebe und generell jene Werte, die unabhängig von Konsum, Aussehen und Besitztümer sind.

Gegen die Konsumgesellschaft ist es schwer, zu intervenieren. Zu groß ist das Geschäft dahinter. 

Was können wir als Gesellschaft und als Einzelne tun?
Gegen die Konsumgesellschaft ist es schwer, zu intervenieren. Zu groß ist das Geschäft dahinter. Gerade in der Vorweihnachtszeit oder im Schlussverkauf wird diese Sucht getriggert. Wichtig ist deshalb die Sensibilisierung.

Können wir auch reduzierter leben?
Welche Werte sind wirklich wichtig? Das fängt schon in der Kindheit an. Da beginnt der Konkurrenzkampf, da wird verglichen, beneidet und konkurriert. Hier gilt es, Kinder so weit zu stärken, dass sie immaterielle Werte schätzen und auch einen gesunden Selbstwert entwickeln können. Als Einzelne können wir darauf achten, in täglichen Begegnungen Menschen nicht ständig auf ihr Äußeres, die neuen Schuhe, die tolle Handtasche anzusprechen, sondern den Blick für das Wesentliche zu schulen.

Interview: Lisa Frei

Dieser Text ist erstmals in der Ausgabe Nr. 71 der Straßenzeitung “zebra.” erschienen.

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