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„Ich will den Leuten helfen“

Hassan Faisal flüchtete vor dem Bürgerkrieg aus Somalia, seit Jahren lebt er in Bozen. Jetzt will er zurück, um den Menschen in seiner Heimat helfen zu können.

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Bild: Manuela Tessaro

Hassan Faisal ist 42 Jahre alt und versucht einen Ausbildungsplatz als Krankenpfleger an der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe Claudiana zu bekommen, wohl wissentlich, dass er dafür ein gültiges Maturadiplom braucht, das er aber nicht vorlegen kann.  „Kannst Du mir nicht dabei helfen?”, fragt er mich. „Irgendwie muss es doch möglich sein, dass ich einen Ausbildungsplatz bekomme. In Somalia fehlen nicht nur Ärzte, medizinische Geräte und Arzneimittel, sondern auch ausgebildete Fachkräfte in der Krankenpflege“, sagt Hassan. Er erzählt mir, dass er jetzt, wo er gerade arbeitslos sei, sich in ein Fern-Pflegestudium eingeschrieben hat. Jeden Abend sitzt er vor seinem PC und studiert, liest sich in medizinischer Terminologie ein.

Vor Kurzem hat Hassan online die 20-jährige Sadya geheiratet. Erst sobald er die italienische Staatsbürgerschaft bekommt, um die er angesucht hat, kann er seine junge Frau das erste Mal in Somalia treffen. Hassan hat schon eine Ehe hinter sich und einen 15-jährigen Sohn, der mit seiner Mutter in Norwegen lebt.  „Mit meiner Ex-Frau habe ich eine gute Beziehung und ich war auch schon fünfmal in Norwegen, um meinen Sohn zu besuchen. Ich unterstütze ihn finanziell.“ Das junge Paar hatte in einem Flüchtlingslager in Eritrea geheiratet. Das war 2005 und zur Trennung des Paares kam es, noch bevor das Kind zur Welt kam. „Ich wollte weg aus diesem Flüchtlingslager und aus Afrika und wie hätte ich das mit einer jungen Familie bewerkstelligen sollen?“ Hassan weiß, dass er seine schwangere Frau in dieser Situation nicht allein lassen hätte dürfen, aber er wusste sich einfach keinen besseren Rat. „Ich hatte kein Handy und ich kommunizierte nur über Yahoo mit meiner Ex-Frau und mit meiner Mutter“.

Hassan kommt aus Kismayoo, im Süden Somalias, lebt seit bald sieben Jahren in Südtirol und mehr als doppelt so lange schon in Italien. Seine Geschichte ist geprägt von Flucht und Hoffnung auf ein besseres Leben.

Flucht aus Somalia
Hassans Vater ist gestorben, als seine Mutter mit ihm schwanger war. Bald nach seiner Geburt brachte sie ihn in ein Waisenhaus, wo er bis zu seinem fünften Lebensjahr blieb. „Meine sechs Geschwister waren alle schon älter, als ich auf die Welt kam. Meine Mutter arbeitete für das Militär. Da hätte sie mich als kleines Kind nicht mitnehmen können.“ In den 1980er Jahren begann der Bürgerkrieg in Somalia, der bis in die heutige Zeit hinein seine Schatten wirft. Als das totalitäre Regime Siad Barre am 27. Jänner 1991 gestürzt wurde, flüchtete Hassan mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Eritrea. Hassan war 12 Jahre alt.

Drei Jahre später ging er mit seinem älteren Bruder nach Äthiopien und weiter nach Yemen, kehrte dann allein über Saudi-Arabien ins Flüchtlingslager nach Eritrea zurück. Sein Bruder blieb in Yemen als Lehrer. Hassan hatte sich in der Zwischenzeit Geld als Tellerwäscher verdient und damit, dass er Kamele durch die Wüste führte.  2003 lernte der junge Mann im Flüchtlingslager Ron kennen. „Ich war 24 Jahre alt und sie 28. Im Jahr 2005 heirateten wir und die Scheidung erfolgte 2006, als ich mich Richtung Libyen auf den Weg machte. Im Jänner 2007 kam mein Sohn zur Welt. Da war ich schon im Sudan. Vier Tage lang war ich zu Fuß unterwegs, bis ich in Karthum ankam, wo ich mir einen Platz auf einem mit Menschen voll besetzten Lkw erkauft hatte”, erinnert sich Hassan. Das Ziel war Tripolis und dann Europa. In Sizilien lernte Hassan die Auffanglager von Gela und Caltanissetta kennen, kam in ein SPRAR-Programm, lernte Italienisch und besuchte erfolgreich die Abendmittelschule, arbeitete bei der Oliven- und Tomatenernte, auch in Apulien und in der Toskana, und was sich halt so ergab. Zuletzt war er in einem Internet-Point in Syrakus beschäftigt.

Hassan Faisal und Autorin Lissi Mair

Bild: Manuela Tessaro

Immer wieder kommt der gläubige Muslim im Gespräch auf die Situation in Somalia zu sprechen. Und immer wieder schaut er aufs Handy, weil der Sonntag auch jener Tag ist, wo er mit seinen Brüdern telefoniert und mit seiner 89-jährigen Mutter – sie leben seit Jahren in London.  Er will nicht ihre Anrufe verpassen, kommt aber gleich wieder aufs Thema zurück: „In Somalia sind viele Kinder unterernährt und viele arme Menschen leiden an chronischen Krankheiten, für die es kaum Medikamente gibt:  Diabetes, Bluthochdruck, Epilepsie oder an verschiedenen Geschwüren. Die medizinische Grundversorgung ist nur bedingt möglich und nicht allen zugänglich. Ich will in meine Heimat zurück, aber ich muss zuerst noch Geld verdienen, um gezielt helfen zu können.“

Erst am 21. November 2021 hatte das Europaparlament in Straßburg in einem Beschluss unter anderem festgestellt, dass der Sudan vor einer humanitären Katastrophe steht, 7,7 Millionen Somalier und Somalierinnen im heurigen Jahr 2022 humanitäre Hilfe benötigen werden und dass 1,2 Millionen Kinder unterernährt sein dürften, wenn nicht umgehend für eine Behandlung gesorgt wird. Im Dokument wird auch festgehalten, dass Somalia nicht über ein funktionierendes Gesundheitsversorgungssystem verfügt. Gegen Covid wurden anscheinend nur drei Prozent der Bevölkerung geimpft.

Ich will in meine Heimat zurück, aber ich muss zuerst noch Geld verdienen, um gezielt helfen zu können.

Nach Bozen kam Hassan 2015. Der „Corriere dell’Alto Adige“ hat ihn damals seinen Leserinnen und Lesern „als Flüchtling, der 12 Sprachen spricht“ vorgestellt. Und diese Sprachkenntnisse - neben Somali, Arabisch, Englisch, Französisch, spricht Hassan noch mehrere afrikanische Sprachen - brachten in Bozen bald gute Arbeit. Hassan wurde Mediator und Kulturvermittler. Deutsch hatte er schnell dazu gelernt. Beim Verein Volontarius fand er Anstellung: unter anderem leitete er ein Jahr lang die Flüchtlingsunterkunft im damaligen Hotel Alpi.  Wer sich in der Landeshauptstadt um geflüchtete Menschen kümmert, ob institutionell oder freiwillig, der kennt Hassan, aber meist nur unter dessen Familiennamen Faisal.

„Zuletzt arbeitete ich in einer Küche in einem Bozner Altersheim – aus gesundheitlichen Gründen musste ich eine Arbeitspause einlegen und versuche mich nun, neu zu orientieren. Ich kann keine schweren Lasten mehr tragen.“ Hassan erzählt von seinem ESF-Lehrgang zum Pizzabäcker, den er dieser Tage abschließt, und dass er vor dem Praktikum steht. Er hofft, dass er ab März eine Anstellung als Pizzaiolo findet. Ein zweites Standbein also, wenn es mit dem Ausbildungswunsch Krankenpfleger doch nichts werden sollte. „Ich habe damals in Eritrea die Universität absolviert, kann aber kein Diplom vorlegen. Dieses hätte ich nur bekommen, wenn ich mich zu einem zweijährigen Militärdienst verpflichtet hätte, was ich aber strikt ablehnte.“  Die Universität Asmara ist nach Studentenprotesten 2001 geschlossen worden.

„Hätte ich nur das fehlende Dokument für das Studium an der Claudiana“, sinniert Hassan weiter und zeigt mir einen Zettel, der belegt, dass er schon alle nötigen Unterlagen für die Erlangung der Staatsbürgerschaft eingereicht hat. „Sobald ich den italienischen Reisepass bekomme, werde ich sofort nach Somalia fliegen, mich mit meiner Frau treffen, aber vor allem schauen, wie ich Hilfe in mein Land bringen kann“.

Bild: Manuela Tessaro
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Auf der Straße unterwegs

Wer sind die Menschen, die obdachlos auf der Straße leben müssen oder die mit der Hoffnung nach Südtirol kommen, dort ein besseres Leben führen zu können? In einer Portraitreihe von Lissi Mair, die seit vielen Jahren Obdachlose in Bozen unterstützt, möchten wir diese Menschen sichtbarer machen.

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