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Interview mit Thomas Kobler

„Ich spreche lieber von Rechtsfanatismus“

Um die Neonaziszene in Südtirol ist es ruhiger geworden. Menschenfeindliches Gedankengut grassiere aber weiter, weiß Aktivist und Kulturarbeiter Thomas Kobler.

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Bild: Mert Kahveci/unsplash

Im öffentlichen Leben Südtirols tritt Thomas Kobler vor allem als Leiter des Ost West Clubs in Erscheinung. In den Medien wird der umtriebige Kreativkopf aber auch immer wieder als Experte zum Thema Rechtsextremismus umhergereicht – „was viel über die dürftige Forschungslage zu dem Thema in Südtirol aussagt“, wie er selbst bescheiden hinzufügt. Tatsächlich hat er als Jugend- und Kulturarbeiter das Problem von seiner denkbar konkretesten Seite kennengelernt: im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen, jungen Neonazis und Konflikten zwischen Subkulturen.

Aber auch in der Theorie hat sich der junge Meraner intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Mit einer Arbeit über Rechtsextremismus hat er sich in Politikwissenschaften diplomiert, jetzt schließt er sein Zweitstudium der Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit mit einer Masterarbeit über den Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der sozialen Arbeit ab.

Im Interview spricht Kobler über den latenten Rechtsextremismus in der Südtiroler Gesellschaft, seine Ursachen und die Frage, was aus Südtirols Neonazi-Szene geworden ist.

Rechtsextremismus: Ist das nicht ein Phantom aus früheren Zeiten? Warum noch darüber sprechen?
Wenn es gerade wenige Schlagzeilen über Neonazi-Aufmärsche und Hausdurchsuchungen gibt, bedeutet das nicht, dass rechtsextremes Gedankengut nicht weiterhin gepflegt wird, auch systematisch. Es kann jederzeit wieder in Taten umschlagen. Dabei ist der Begriff „Rechtsextremismus“ nicht optimal, um dieses Phänomen zu beschreiben, auch wenn der Begriff in den Medien und sogar in der Wissenschaft immer wieder gebraucht wird und es schwierig ist, sich ihm zu entziehen.

Thomas Kobler

Bild: Doris Zelger

Was ist falsch daran?
„Rechtsextremismus“ suggeriert, dass das eigentliche Problem der Extremismus ist – nach dem Motto der Hufeisentheorie. Die besagt, dass Linksextremisten und Rechtsextremisten sich nicht nennenswert voneinander unterscheiden, da sie beide den demokratischen Konsens ablehnen und Gewalt als legitimes Mittel sehen. Das ist aber falsch. Es ist erwiesen, dass Rechtsextreme um ein Vielfaches mehr Gewaltverbrechen begehen – und sich diese im Gegensatz zu Linken vor allem gegen Menschen anstatt gegen Dinge richtet. Menschenfeindlichkeit ist integraler Bestandteil des rechten Weltbilds. Das kann man vom linken Weltbild nicht behaupten.

Sollte man also besser von Rechtsradikalen sprechen?
Auch dieser Begriff ist unangemessen. Radikale gehen, wie das Wort schon sagt, an die Wurzel der Dinge, versuchen ein Problem an der Wurzel zu packen. Rechte versuchen aber überhaupt keine Probleme zu lösen. Sie warten ab, dass die Probleme und die Frustration wachsen, und suchen nach Sündenböcken, mit denen abgerechnet wird. Adäquater wäre deshalb der Begriff „Fanatiker“.

Wie bei religiösen Eiferern?
Es gibt tatsächlich Parallelen. Beide glauben an etwas Heiliges – „fan“ leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet: das Heilige – der eine glaubt an seine Religion, der andere an seine Volksgemeinschaft. Bei den Rechtsfanatikern tritt der Führer an die Stelle von Gott, das Volk, in diesem Fall das deutsche Volk, ist die Himmelsgemeinschaft. Alles, was dieser Volksgemeinschaft nicht angehört, sie sozusagen „unrein“ macht, ist das Böse und muss ausgemerzt werden: Kranke, Behinderte, Ausländer. Wie der religiöse Fanatiker glaubt auch der Rechtsfanatiker an einen endgültigen Befreiungsschlag von allen Problemen, die Apokalypse: Solche „Befreiungsschläge“ waren die NSU-Morde, das Attentat von Hanau, das Breivik-Massaker.

Seit wann spielen rechtsextreme Gruppierungen im deutschsprachigen Südtirol eine Rolle?
Seit der Machtübernahme Hitlers 1933, aber dann vor allem seit der Zeit der Option gab es auch in Südtirol solche Gruppen. Die Dableiber wurden damals als Verräter gebrandmarkt, wozu die Propaganda des Völkischen Kampfrings (VKS) einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Rechtsfanatisches Gedankengut blieb seither ein Kontinuum in der Südtiroler Gesellschaft. Es ist kein Geheimnis, dass der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) unter anderem auch Unterstützung durch nazistische Gruppen in Österreich und Deutschland gefunden hat, Stichwort Burger-Kreis.

Es ist kein Geheimnis, dass der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) unter anderem auch Unterstützung durch nazistische Gruppen in Österreich und Deutschland gefunden hat, Stichwort Burger-Kreis.

Und über diese Umtriebe wurde nie gesprochen?
Einige Historiker haben immer wieder versucht, sie zu beleuchten. Gerade die Forschungsarbeiten von Leopold Steurer sind hier zu nennen. Andererseits haben wichtige Südtiroler Politiker wie Silvius Magnago immer wieder klar gemacht, dass man diese Dinge am besten gar nicht ansprechen solle, man denke an Magnagos Ausspruch Ende der 80er-Jahre: „Tiats lei net rogeln!“ Unter Luis Durnwalder hat sich diese Tendenz weiter fortgesetzt. Damit hatten neonazistische Gruppierungen hierzulande leichtes Spiel. Einzig die italienischen Polizeikräfte haben hin und wieder versucht, den jugendlichen Neonazis das Leben schwer zu machen, während sie auf italienischer Seite meistens lieber beide Auge zugedrückt haben. Es war also im Rückblick nur logisch, dass sich solche Gruppierungen in fast allen Landesteilen und hier natürlich vor allem im ländlichen Raum und in den kleinen Dörfern besonders gut ausbreiten konnten.

Ist die Südtiroler Neonazi-Szene heute noch am Leben?
Klar existiert die Szene noch. Sie existiert mehr oder weniger in ganz Europa, natürlich mit regionalen Unterschieden. Aber hier in Südtirol gibt es, wie der Autor Thomas Casagrande in seinem Buch „Südtiroler in der Waffen-SS“ vor wenigen Jahren eindrücklich nachgezeichnet hat, eine historische Tradition und Begeisterung für die nazistische Ideologie. In Südtirol gab es mancherorts, das Vinschgau und das Burggrafenamt sind hier zuvorderst zu nennen, prozentuell gesehen die höchsten freiwilligen Eintritte in das Eliteregiment Adolf Hitlers. Mein Vinschger Opa aus Prad, war auch einer, der Teil der Waffen-SS war und im Russlandfeldzug gekämpft hat.

Wie vernetzt ist die Südtiroler Szene?
Fakt ist, dass es Verbindungen von Südtiroler Kameradschaften zu Ralf Wohlleben, einem der wichtigsten Unterstützer des NSU-Trios um Beate Zschäpe und die beiden Uwes gegeben hat. Bekannt ist außerdem, dass noch vor kaum vier Jahren mehrere Südtiroler Neonazis zu einschlägig bekannten neonazistischen Musikfestivals wie dem „Schild und Schwert Festival“ im sächsischen Östritz gefahren sind. Rechtsrock spielt generell eine wichtige und vereinende Rolle für die nazistische Szene in Europa und garantiert der Szene auch große Summen an Geldmitteln, die für unterschiedliche Zwecke verwendet werden. Es würde mich also wundern, wenn diese Netzwerke und Kontakte nicht weiter bestünden.

Auch hier gab es konkrete Pläne für Anschläge auf von Ausländern geführte Restaurants und Geschäfte.

Was hat es mit den NSU-Verbindungen auf sich?
Der NSU, der in Deutschland aus rassistischen Motiven neun Menschen und eine Polizistin ermordet hat, war in Südtirol gut vernetzt. Auch hier gab es konkrete Pläne für Anschläge auf von Ausländern geführte Restaurants und Geschäfte.

Warum wurden die Anschläge im Gegensatz zu Deutschland nie durchgeführt?
Das liegt unter anderem am härteren Vorgehen der italienischen Polizei, die solche Läden vorsorglich überwachen ließ. 2007 wurden im Rahmen der Operation Odessa große Verhaftungswellen und Hausdurchsuchungen gegen die Hauptakteure gestartet. Anschließend hat sich die Szene wieder beruhigt. Man wusste, dass man beobachtet wurde. Auch waren die Neonazis, nachdem der Schützenbund und Südtiroler Rechtsparteien sich klar von ihnen distanzierten, zunehmend isoliert. Zuvor hatten die Südtiroler Schützen so gut als möglich versucht, dieses Problem zu ignorieren, kleinzureden oder gar zu leugnen.

Du hattest als Jugendlicher selbst immer wieder mit Rechtsfanatikern zu tun. Wie sind solche Begegnungen verlaufen?
Ich bin Jahrgang 1984, das waren damals die 00er Jahre, eine „Blütezeit“ der Neonazis in Südtirol. Im Nachtleben rund um Meran sind wir immer wieder regelrechten Horden von klassischen kahlrasierten Neonazis mit Springerstiefel und Bomberjacke begegnet. Die wussten, dass wir nichts mit rechtem Gedankengut am Hut hatten und haben dementsprechend provoziert, es gab immer wieder Konflikte und Schlägereien. Vor allem am Höhepunkt der Szene 2007 sind Neonazis mit Ketten und Eisenstangen durch Meran marschiert und haben systematisch Punks und Leute aus der linken Szene abgepasst und verprügelt. Die führenden Köpfe von damals sind mittlerweile alle Mitte, Ende 30 und leben weitegehend unauffällig, mit Job und Familie.

In der Schule hast du über Holocaust und NS-Zeit gelernt. Das hat dich erstmals fürs Thema Rechtsextremismus sensibilisiert. Was ist bei denen schiefgelaufen, die selbst Neonazis geworden sind? Haben die Lehrer versagt?
Da haben alle versagt, die Familie, die Lehrer, die Gesellschaft. In Südtirol hat es nie eine ehrliche Aufarbeitung der Naziverbrechen und der Südtiroler Beteiligung gegeben. Der Soziologe Andreas Kemper hat eine Theorie dazu entwickelt, warum jemand in den Fanatismus abdriftet, entwickelt. Er stellt fest, dass wir in einer sehr gewalttätigen Gesellschaft leben, unsere Geschichte ist seit Jahrhunderten von Krieg und Gewalt geprägt. Diese Gewalt lebt auch heute, in Form von Angst, weiter: Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Ausschluss, Angst vor dem Fremden. Wie geht das Individuum nun mit dieser Angst um? Rechtsfanatiker haben einen sehr schlechten Umgang damit, sie stellen sich auf die Seite der Macht, der Gewalt. Als Beispiel dafür nennt Kemper: Machiavelli.

In Südtirol hat es nie eine ehrliche Aufarbeitung der Naziverbrechen und der Südtiroler Beteiligung gegeben. 

Der Niccolò Machiavelli, der mit seinem Werk „Il Principe“ die reine Machterhaltung als höchstes Ziel der Politik rechtfertigt?
Genau. Faschisten in ganz Europa haben deshalb immer wieder auf Machiavelli Bezug genommen. Was aber viele nicht wissen: Machiavelli war eigentlich überzeugter Republikaner. Als die Medici die Macht in Florenz an sich rissen, ließen sie ihren Gegner Machiavelli in den Kerker schmeißen und mehrfach foltern. Unter dieser Gewalterfahrung haben sich Machiavellis Überzeugungen in ihr Gegenteil verkehrt. Nach der Zeit im Kerker verherrlicht Machiavelli die Skrupellosigkeit seiner ehemaligen Peiniger. Genauso machen sich auch Rechtsfanatiker mit der Macht und der Gewalt gemein.

Die Schlechtigkeit der Welt lässt sich leichter aushalten, wenn man sich daran beteiligt.
In der Sozialpsychologie spricht man von Identifikation mit dem Aggressor. Das ist, bewusst oder unbewusst, eine der wichtigsten Triebfedern des Handelns bei Rechtsextremisten.

Wie sind die italienischen Rechtsaußen aufgestellt? Gibt es Kontakte zur deutschen Szene?
Die italienische Rechte in Südtirol hat vor allem durch die Wahl von drei Casa Pound-Gemeinderäten in unserer Landeshauptstadt großen Bekanntheitsgrad erreicht. Dass die Gruppierung um ihren Anführer Andrea Bonazza seit Jahren eine wichtige Rolle in der Fanszene des HC Bozens spielt, ist auch kein Geheimnis. Nur interessiert das von den Vereinsverantwortlichen niemanden so wirklich. Interessanterweise unterhalten Vertreter der Casa Pound gute Beziehungen zu deutschen Neonazis wie den szenebekannten Tommy Frenck. Ich glaube aber nicht, dass die deutsch- und die italienischsprachige Szene in Südtirol groß gemeinsame Sache machen. Dazu war die Geschichte Südtirols einfach zu wechselvoll und konfliktbeladen. Im europäischen Kontext sieht das natürlich ganz anders aus. Die Szene ist von Nord bis Süd gut vernetzt, trifft sich und tauscht sich rege aus. Die eingefleischten Neonazis warten schließlich nur auf den großen Umsturz, um dann ihre fanatische Ideologie allerorts mit Gewalt durchsetzen zu können.

In Südtirol gibt es kaum Forscher und Journalisten, die sich diesem Thema dauerhaft gewidmet haben. Warum?
Es gibt relativ wenige Historiker wie Leopold Steurer, Hannes Obermair oder eben den zuvor genannten Autor Thomas Casagrande (der aber nicht in Südtirol lebt und arbeitet), die sich dauerhaft dieser Thematik angenommen haben. Zu nennen ist hier auch noch der wichtige Sammelband „Der identitäre Rausch – Rechtsextremismus in Südtirol“, der vor rund drei Jahren von den beiden Autoren Giorgio Mezzalira und dem Politikwissenschaftler Günther Pallaver herausgegeben wurde. Besonders wichtig ist meiner Meinung nach auch der Beitrag der jungen Südtiroler Autoren Johannes Kramer und Alexander Fontó. Auch die Aufklärungsarbeit von Journalisten wie Arthur Oberhofer und Christoph Franceschini in den 90er und 2000er Jahren vor allem in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ ist aller Ehren wert.
Neben der Tatsache, dass das Thema politisch unliebsam ist, hat auch der Tourismusstandort Südtirol zum allgemeinen Schweigen beigetragen. Man möchte den alljährlich zu uns kommenden deutschen Gästen auf jeden Fall und weiterhin eine idyllische, heile Welt vorzeigen. Es kommt nicht gut an, wenn Tourismusdestinationen wie Schenna oder neuerlich Tisens wochenlang als Neonazi-Nest in den Medien vorkommen und möglicherweise auch noch international darüber berichtet wird. Deshalb ignorieren und leugnen wir diese Dinge lieber, wie eh und je.

 

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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