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Geschlechtergerechte Sprache

„Ich mag ihn - sorry, they!“

Wer sich weder als Frau noch als Mann fühlt, wird häufig dem falschen Geschlecht zugeordnet. Sogenannte Neopronomen sind für viele Betroffene die Lösung des Problems.

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Bild: Katie Rainbow/unsplash

„Sie“ und „ihr“ wird im Deutschen meist für Personen verwendet, die sich selbst als Frau verstehen, „er“ und „ihm“ für Personen, die sich als Mann verstehen. Was ist aber mit Menschen, deren Geschlecht nicht weiblich oder männlich ist?

Um das besser zu verstehen, habe ich mich mit Flo unterhalten, wobei Flo eigentlich anders heißt. Flo ist nichtbinär, fühlt sich also weder weiblich noch männlich und verwendet neben dem weiblichen Pronomen (sie/ihr) „they“ oder einfach den eigenen Namen.

Im deutschen Sprachraum wird schon seit einigen Jahren eine angeheizte Debatte über die Anwendung geschlechter- bzw. gendergerechter Sprache geführt. Gender beschreibt das soziale Geschlecht eines Menschen, im Gegensatz zum Sexus, dem biologischen Geschlecht. Dabei geht es aber nicht nur um das allseits bekannte „Gendersternchen“ oder ob wir genderfrei sprechen und schreiben sollten (etwa „eine Person, die liest“ statt „Leser“), sondern auch um die Verwendung von geschlechtsneutralen Pronomen, sogenannte „Neopronomen“ als Alternative zu männlichen und weiblichen Pronomen. Warum Neopronomen wichtig sind, erklärt Flo so: „Es fühlt sich jedes Mal wie ein Schlag in die Magengrube an, wenn eine Person für mich die falschen Pronomen verwendet. Besonders schlimm ist es, wenn dies mit Absicht geschieht. Das ist sehr demütigend für mich, ja entmenschlichend.“

Für die deutsche Sprache werden viele Vorschläge für genderneutrale Pronomen diskutiert. Relativ bekannte Vorschläge sind beispielsweise „ens“ (als Mittelteil des Wortes „Mensch“), „xier“, „xie“, „nin“, „sier“, „sif“, „es“, „per“, „x“  oder „dey“. Mit „es“ würde bereits ein verwendetes Pronomen, das weder weiblich noch männlich ist, angewendet werden. Da es sich dabei aber um  ein „sächliches“ Pronomen handelt, wird „es“  von vielen Menschen, deren Geschlechtsidentität außerhalb der binären Geschlechterwelt liegt, als entwürdigend und als Objektifizierung empfunden.

„Es fühlt sich einfach jedes mal wie ein Schlag in die Magengrube an, wenn eine Person für mich die falschen Pronomen verwendet.“

In anderen Sprachen sind geschlechtsneutrale Pronomen bereits etabliert, so etwa im Englischen mit „they/them“. Es ist an sich ein älteres Pronomen, aber es ist neu, dass es für Personen verwendet wird, deren Gender bekannt ist. Im Schwedischen wurde 2015 neben „hon“ („sie“) und „han“ („er“) auch „hen“ mit aufgenommen. Vor einigen Monaten hat das bekannte französische Wörterbuch „Le Robert“ „iel“ als geschlechtsneutrales Pronomen, als Verbindung des männlichen „il“ und des weiblichen „elle“, in die Onlineausgabe aufgenommen und damit eine Diskussion über die Verwendung dieses Pronomens ausgelöst. Andere Sprachen, wie z.B. das Finnische, kennen überhaupt nur ein Pronomen, in der finnischen Sprache lautet es „Hän“.

Dass sich Neopronomen über Sprachgrenzen hinweg international verbreiten, zeigen diverse Datingplattformen und Soziale Medien, wo die persönlichen Pronomen immer häufiger verwendet werden. So hat Instagram beispielsweise im letzten Jahr in einigen Ländern eine Funktion eingeführt, die es möglich macht, das eigene Pronomen anzugeben.

Welche Lösung wünscht sich Flo für die deutsche Sprache? „Ich wünsche mir, dass sich im Deutschen mehrere gültige Neopronomen etablieren, um Menschen, die sich nicht dem binären Geschlechtersystem zuordnen, eine Auswahl zu ermöglichen.“


Die Geschlechter spielen in der deutschen Sprache eine ziemlich starke Rolle.

Genderneutrale Pronomen machen Menschen, deren Geschlechtsidentität außerhalb der binären Geschlechterwelt liegt, sprachlich sichtbar und ermöglichen gleichzeitig genderneutrale Formulierungen. Ein Kritikpunkt an ihnen ist aber, dass sie die Verständlichkeit der deutschen Sprache erschweren. Ursache dafür ist, dass die Geschlechter in der deutschen Sprache eine ziemlich starke Rolle spielen. Daher ist es auch so schwierig, die deutsche Sprache geschlechtsneutral zu sprechen oder zu schreiben.

Genderneutrale Sprache ist aber sehr wichtig, um alle Menschen sprachlich abbilden zu können. Sprache schafft Wirklichkeit und da es auch intergeschlechtliche, nichtbinäre Menschen, Agender (die sich geschlechtslos bzw. geschlechtsneutral fühlen) oder Menschen, die sich weder ausschließlich weiblich noch ausschließlich männlich fühlen, gibt, sollten wir sie sprachlich sichtbar machen. Nicht zuletzt, weil wir es ihnen dadurch auch erleichtern, sich selbst sprachlich besser auszudrücken, ohne auf für sie nicht passende Pronomen zurückgreifen zu müssen. Geschlechtsneutrale Pronomen helfen dabei, Menschen außerhalb der binären Geschlechterwelt direkt mit den passenden Pronomen ansprechen zu können. Unpassende Pronomen können nämlich, ähnlich wie bei Flo, zu Geschlechtsdysphorie, also Unwohlsein aufgrund des falsch zugewiesenen Geschlechts, führen.

Ein weiterer Vorteil von geschlechtsneutralen Pronomen liegt darin, Anordnungen oder Informationen geschlechtsneutral formulieren zu können. Gerade Menschen, deren Geschlechtsidentität außerhalb der binären Geschlechterunterscheidung liegt, leiden oft darunter, dass sie sprachlich und gesellschaftlich oft unsichtbar sind, wie Flo schon geschildert hat. They sagt weiter: „Hört Menschen zu, die sich mit diesen Themen auskennen und die direkt betroffen sind, und respektiert einander!“

 

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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Unser Autor Michael Keitsch beleuchtet in dieser Kolumne die vielfältigen Seiten der queeren Lebenswelten.

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