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Interview zum Antisemitismus

„Gewisse Dinge darf man nicht sagen!“

Juden sind seit Jahrhunderten Zielscheibe von Verschwörungstheorien. Warum das so ist und warum wir nicht von Theorien sprechen sollten, erklärt der Historiker Phillipp Mittnik.

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Selbstvergleiche mit der Situation von Juden im Dritten Reich sind unter manchen Impfgegnern beliebt. Doch das ist “eine massive Verharmlosung des Holocausts”, sagt Philipp Mittnik.

Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Ivan Radic

Der österreichische Historiker Philipp Mittnik beschäftigt sich in seiner Forschung und seiner Tätigkeit als Professor an der Pädagogischen Hochschule Wien mit dem Phänomen des Antisemitismus und dessen Ausprägungen in unserer Gesellschaft. Als Vorsitzender der Interessensgemeinschaft Politische Bildung (IGPB) zieht Mittnik Parallelen zwischen alten und neuen Verschwörungstheorien sowie deren antisemitischen Hintergründe. In einigen aktuellen Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie sieht er einen Gipfel an Geschmacklosigkeit und antisemitischer Perversion.

Seit der Corona-Pandemie gehören Verschwörungstheorien zu unserem Alltag. Sind sie Teil der menschlichen Geschichte?
Erzählungen über Verschwörungsmythen waren und sind Teil der moderneren menschlichen Geschichte. Einige Verschwörungserzählungen wie die zur Hexenverfolgung reichen weit zurück. Ab dem Zeitpunkt, wo Menschen nicht mehr nur den ganzen Tag mit Arbeit und Überleben beschäftigt waren, sondern die Freizeit Teil des Lebens wurde, finden sich Verschwörungserzählungen gegen unterprivilegierte Gruppen und Minderheiten. In Krisenzeiten ist und war der Zuspruch zu Verschwörungserzählungen immer besonders hoch. In den letzten zwanzig Jahren zeigt sich eine vermehrte Affinität für Verschwörungserzählungen, was vor allem an der massiven Verbreitung in den sozialen Medien liegen dürfte.

Auch Lehrer dürften keine Toleranz für Intoleranz zeigen, sagt Philipp Mittnik, der in Wien Geschichtslehrer ausbildet.

Titel & Urheber des Bildes: 
Philipp Mittnik
Sie sprechen von Verschwörungserzählungen anstatt von Verschwörungstheorien. Wieso?
Mich stört der Begriff der Theorie. Eine Theorie wird durch ihre wissenschaftliche Fundierung definiert. Die Merkmale einer „Verschwörungstheorie“ sind Lösungen und Begründungen für scheinbar nicht rational erklärbare Dinge. Man verschwört sich gegen eine Gruppe oder ein Phänomen. „Verschwörungstheorien“ sind nie wissenschaftlich begründet oder faktenbasiert, weshalb sie keinen Anspruch wissenschaftlicher Kriterien erfüllen. Ich bevorzuge den Begriff der Erzählung, weil sie eben nichts Weiteres sind.

Seit wann existieren antisemitische Verschwörungstheorien? Finden wir solche bereits vor dem Nationalsozialismus?
Haufenweise. Es gibt sogar Forscher, die behaupten, dass jede Verschwörungserzählung per se antisemitisch ist. Es gibt schon im Mittelalter solche Erzählungen gegen Juden, denken wir an den Brunnenvergiftungsmythos [Die Verschwörungstheorie der Brunnenvergiftung führt die Pest im Mittelalter auf die absichtliche Vergiftung der Brunnen durch die Juden zurück. Bereits im Mittelalter entstehen Erzählungen darüber, dass die Juden christliche Kinder entführten und in grausamen Ritualen ermordeten, Anm.d.Red.]. Der Antisemitismus ist selbst eine „Verschwörungstheorie“, die schon seit mehreren Jahrhunderten auf der ganzen Welt existent ist.

Woher kommt das?
Seit der Legende, dass die Juden Jesus getötet haben, finden wir Erzählungen gegen das jüdische Volk. Sogar im heutigen Schulunterricht sehen wir, dass immer noch die scheinbare Andersartigkeit der Juden betont wird, indem sie eben nicht als Österreicher, Deutsche oder Italiener bezeichnet werden. Dabei wird vermittelt, dass ihr einziges Identitätsmerkmal jüdisch ist. Das ist ein großes Problem und faktisch einfach falsch.

Es sind so viele Neonazis und Rechtsextremisten auf Demos, wie ich es seit meiner Jugend nicht mehr gesehen habe.

Sind auch Verschwörungstheorien rund um Corona antisemitisch?
Corona zeigt die Vielfalt des antisemitischen Gedankenguts unserer Gesellschaft. So finden sich antisemitische Chiffren in der Bill Gates-Verschwörung und bei QAnon, aber auch bei der Verwendung von Judensternen durch Ungeimpfte, bei Plakaten mit Anlehnung an den Nationalsozialismus oder beim Spruch „Impfen macht frei“ mit Anlehnung zu Ausschwitz. Zudem sind so viele Neonazis und Rechtsextremisten auf Demonstrationen, wie ich es seit meiner Jugend nicht mehr gesehen habe. Hand in Hand demonstrieren sie mit Tausenden Bürgern gegen die Corona-Maßnahmen und verbreiten antisemitisches Gedankengut.

Sind also automatisch alle Anhänger dieser Verschwörungserklärungen antisemitisch?
Nein. Viele verfolgen keinen aktiven Antisemitismus und sind einfach unwissend bzw. reflektieren nicht. Trotzdem ist es wichtig zu betonen, dass genau diese Leute die Verwendung von judenfeindlichen Codes in Kauf nehmen, akzeptieren, tolerieren und teilweise selbst bedienen.

Zum Beispiel?
Diese ganzen Verweise auf Rothschild und Rockefeller. Viele wissen gar nicht, was sie da nachplaudern. Diese antisemitischen Codes werden von einer Allgemeinheit einfach so angenommen und weitertradiert.

Finden wir Antisemitismus in der Pandemie nur bei Verschwörungstheoretikern?
Nein, viele Politiker und Politikerinnen machen das seit Jahren vor. In Österreich veranstaltet die FPÖ als Partei des rechten Rands eine derartige Kampagne für Impfgegnerschaft, wie es viele andere rechtsextreme Parteien in Europa nicht tun. Hier sehen wir eine starke Radikalisierung, die gerne auf antisemitische Codes zurückgreift. FPÖ-Politiker Herbert Kickl verweist immer wieder auf die „Ostküste“, womit er die Finanzmetropolen der Ostküste der USA meint, wo alles von den „ach so reichen Juden“ gelenkt wird. Im Allgemeinen verwenden fast alle rechtsextremen Parteien wie der Front National in Frankreich, die Casa Pound in Italien und die AfD in Deutschland antisemitische Codes.

Demokratiegefährdende Bemerkungen müssen zurückgewiesen werden; sowohl in der Schule als auch in der Gesellschaft. 

Judensterne als Markierung für Ungeimpfte, Verweise zur Diktatur und zur Judenverfolgung: Warum sind diese Vergleiche so gefährlich?
Diese pervertierten Vergleiche kommen für mich einer unausgesprochenen Leugnung des Holocausts gleich. Mit Sicherheit aber handelt es sich um eine massive Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen. Die Symbole wie die Judensterne sind nur makaber und geschmackslos. Noch viel problematischer sehe ich die Tatsache, dass ein parlamentarischer Politiker wie Kickl, der hohe Repräsentativität genießt, eine Äußerung wie „Wir leben in einer Diktatur“ treffen kann, weil dies faktisch falsch ist. Wenn wir in einer Diktatur leben würden, könnten wir nicht demonstrieren.  Andere Parolen wie „Kein Impfzwang. Nie wieder Faschismus“ dienen dem Zweck, sich selbst als Opfer zu brandmarken. Ich halte das nicht nur für geschmacklos, sondern für unerträglich. Man kann die Forcierung einer Spritze, die nachweislich Leben schützt, niemals mit Zeiten des Nationalsozialismus, wo über 6 Mio. Juden hingerichtet und ermordet wurden, vergleichen.

Wie sollen wir mit solchen Aussagen umgehen?
Behauptungen, die nicht wissensbasiert und diskriminierend sind, darf kein Gehör geschenkt werden. Das Argument der Rechten „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ und Verweise auf die Meinungsfreiheit sind hier unzulässig. Man darf gewisse Dinge nicht sagen. Dafür bin ich immer schon eingestanden, auch wenn ich für diese harte Einstellung auch kritisiert werde. Demokratiegefährdende Bemerkungen müssen zurückgewiesen werden – sowohl in der Schule als auch in der Gesellschaft. Wir dürfen keinen Raum für Intoleranz schaffen.

Woher kommt das überhaupt: der Jude als konstantes Feindbild in unserer Gesellschaft?
In Krisenmomenten sehnen sich Menschen nach einfachen Lösungen und Schuldigen, weshalb zu diesem Zeitpunkt auch besonders viele Verschwörungserzählungen entstehen. Die Juden waren über viele Jahrhunderte die einzige ethnische Minderheit, deshalb haben sie sich gut als Sündenböcke angeboten. Es gab im 18. und 19. Jahrhundert so gut wie keine Muslime, die sich dafür geeignet hätten. Dem „jüdischen Volk“ werden dazu noch negative Charaktereigenschaften, wie die Geldgier, angedichtet. Das erkennen wir auch bei den Slogans aktueller Corona Demonstrationen wie zum Beispiel: “Die Rothschilds nehmen uns das Geld weg.“

Das Wichtigste ist, dass jüdische Identität als Teil der österreichischen, deutschen oder italienischen Gesellschaft akzeptiert, wahrgenommen und anerkannt wird.

Wächst also auch der Antisemitismus in Krisenzeiten? Oder ist der immer präsent?
Studien zeigen, dass Antisemitismus und die Ablehnung des Judentums noch immer stark verbreitet, aber rückläufig sind. Die jüngeren Generationen werden immer weniger antisemitisch. Gleichzeitig steigen die antisemitischen Straftaten und Vorfälle. Das bedeutet, dass Antisemitismus in der Masse zwar zurückgeht, aber sich kleine Gruppen radikalisieren.

Wie können wir antisemitischen Verschwörungserklärungen entgegenwirken?
Das Wichtigste ist, dass jüdische Identität als Teil der österreichischen, deutschen oder italienischen Gesellschaft akzeptiert, wahrgenommen und anerkannt wird. Dies kann nur in Form eines politischen Programms geschehen und muss über die Medien ausgetragen werden. Lippenbekenntnisse und Floskeln wie „Antisemitismus. Nie wieder“, sei es von konservativer wie auch von linker Seite, bringen nichts. Der einzige Weg, wie sich die Gesellschaft dahingehend langfristig verändern kann, ist über die Bildung.

Was genau sollten die Schulen machen?
Zunächst muss ein Basiswissen zum Antisemitismus vermittelt werden. Eine meiner Studien zeigt, dass rund 80 Prozent der 15-Jährigen Antisemitismus nicht einmal definieren können. Würden alle Geschichte-Lehrkräfte dem Antisemitismus und dem jüdischen Leben als Teil unserer Gesellschaft mehr Zeit widmen, könnten Denkmuster neu geformt und Verschwörungserzählungen sowie tradierte Zuschreibungen in unserem Denken deutlich verkleinert werden. Wenn jüdisches Leben in der Schule erwähnt wird, dann in Zusammenhang mit Nobelpreisträgern im 19. Jahrhundert oder anderen wichtigen Personen wie Klimt und Schiele. Das ist der falsche Zugang. Damit werden nur alte antisemitische Chiffren, wie dass alle Juden wohlhabend und einflussreich sind, gefestigt.

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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