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Interview mit Georg Zeller

„Für Filmstandort essentiell“

Georg Zeller kann das Infragestellen der Filmförderung nicht nachvollziehen. Film ist ein Wirtschaftszweig, der rentabel ist, so der Co-Präsident des Südtiroler Filmverbands.

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Georg Zeller, Co-Präsident des Südtiroler Filmverbands FAS

Bild: Georg Zeller

Mitte November beschloss der Südtiroler Landtag mit 16 Ja- und 15-Nein-Stimmen, den Wirtschaftsdienstleister IDM neu auszurichten und die Zuständigkeiten neu aufzuteilen. Die Landesregierung ließ allerdings wissen, dass sie nicht vorhabe, die IDM zu zerschlagen, sondern zu verbessern. In der allgemeinen Kritik  wurde auch die Filmförderung, die bei der IDM angesiedelt ist, in Frage gestellt. Für den Filmschaffenden Georg Zeller, der zusammen mit Nela Märki dem Südtiroler Filmverband FAS vorsteht, ist das nicht nachvollziehbar, für einen starken Filmstandort sei die Förderung essentiell.

Der Südtiroler Landtag hat einen Beschlussantrag von Team K angenommen, der die Aufteilung der Marketingagentur IDM fordert. In diesem Antrag heißt es außerdem, dass die Filmförderung, die bei der IDM angesiedelt ist, auf den Prüfstand gestellt und deren Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit hinterfragt werden soll. Was sagst du dazu?
Georg Zeller:
Die Landesregierung hat sich ja noch nicht zur Umsetzung des Antrags geäußert. Es gab also erst mal nur die Forderung, die Gesamtinstitution IDM aufzuspalten bzw. zu reformieren. Die Filmförderung wurde dabei immer nur nebenbei erwähnt. Soweit wir wissen, ist die Förderung für zwei Jahre aber sichergestellt. Wir sind von deren Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit überzeugt und der Erfolg gibt uns recht.

Die Filmwirtschaft ist überschaubar und hat keine vergleichbare Lobby wie zum Beispiel die Apfelbauern.

Die FAS hat dennoch darauf reagiert. In einer Stellungnahme schreibt ihr, dass die lokale Wirtschaft durchaus von Filmschaffenden angekurbelt wird. Ihr sprecht von einem Rückfluss der investierten Mittel von durchschnittlich 198%. Kann es sein, dass im Zuge der Neuausrichtung der IDM die Filmförderung dennoch unter die Räder kommen kann?
Ich glaube, dass sich die Entscheidungsträger der Wichtigkeit der Filmförderung bewusst sind. Dennoch werden aus verschiedenen politischen Richtungen immer wieder „populistische“ Meinungen dagegen laut. Die Filmwirtschaft ist überschaubar und hat keine vergleichbare Lobby wie zum Beispiel die Apfelbauern, deshalb schreit die Öffentlichkeit kaum auf, wenn es heißt: „Den Film braucht es nicht mehr.“

Kostet die Filmförderung zu viel Geld?
Die Grundsatzfrage ist, ob wir europäische und einheimische kulturelle Filme im Kino und Fernsehen sehen möchten oder nur kommerzielle und Hollywood-Produktionen. Die europäischen Länder haben in den 70er-Jahren beschlossen, dass in Europa Filme gemacht werden sollen und deshalb entsprechende Fördermodelle entwickelt. In Südtirol liegt der Fördertopf jährlich aktuell bei ca. vier Millionen Euro, das ist nicht sehr viel Geld. Dank des von den geförderten Projekten eingeforderten Südtiroleffekts werden dafür acht Millionen Euro in Südtirol ausgegeben, also das Doppelte. Wir haben das Fördermodell immer als Gelddruckmaschine für die öffentliche Hand beworben (lacht).

Was heißt das konkret?
Das heißt, dass nachweislich für jeden erhaltenen Fördereuro 1,50 Euro in Südtirol investiert werden müssten, der Effekt lag aber in den letzten zehn Jahren bei sogar 1,98 Euro pro geförderten Euro. Hinzu kommt, dass dank der wachsenden Infrastruktur und des hier ansässigen Fachpersonals immer mehr Projekte in Südtirol gedreht werden, die gar keine Förderung erhalten. Auch diese investieren sehr viel Geld hier, das aus anderen Regionen mitgebracht wird.

Besonders jetzt zur Weihnachstzeit lässt sich leicht erkennen, dass für den Übertourismus andere verantwortlich sind, nicht die Filmbranche.

Aber nicht alles ist positiv. Ich denke an den Pragser Wildsee und an die Serie „Un passo dal cielo“, die Millionen an Förderungen bekommen hat.
Diese Serie wurde erstmals gefördert, da gab es den Filmfund noch gar nicht. Wir sind uns bewusst, dass so etwas passieren kann, mit negativen Folgen. Dies ist aber ein absoluter Einzelfall, der sich hoffentlich nicht wiederholen wird, inzwischen dreht „Un Passo dal Cielo” ja auch nicht mehr in Südtirol. Besonders jetzt zur Weihnachstzeit lässt sich leicht erkennen, dass für den Übertourismus andere verantwortlich sind, nicht die Filmbranche.

Kann die Filmförderung dennoch einen Mehrwert für den Tourismus darstellen?
Ich persönlich glaube eher an Qualitäts- als an Massentourismus. Aber natürlich, zu wissen, dass es hier eine erfolgreiche Südtiroler Filmszene gibt, wirkt sich positiv auf das Image des Landes und somit indirekt auch auf den Tourismus aus, im Sinne: „Schau her, das ist ein cooles Land mit kreativen Leuten“, da fahren wir gerne hin.  Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, schöne Berge zu zeigen. Jeder weiß, dass es sie gibt.

Die Filmförderung soll bei der IDM angesiedelt bleiben, deren Sinnhaftigkeit ja aber angezweifelt wird. Wie passt das zusammen?
Es steht nirgends, dass es so sein muss. Wir haben bei der Einführung der Filmförderung dafür plädiert, sie bei der Wirtschaft anzusiedeln. Film ist ja ein Wirtschaftszweig, er gehört zum Unternehmertum. In Nordtirol beispielsweise ist die Filmförderung beim Tourismus angesiedelt. Das finden wir nicht gut, weil da fast die Verpflichtung einhergeht, Werbung zu machen. Wir wollen aber Filme aus Südtirol drehen, sie müssen nicht direkt mit Südtirol zu tun haben. Es geht vor allem um die kreative Arbeit, die wirtschaftlich rentabel sein soll.

Es gibt viele Südtiroler Erfolgsgeschichten, die dank der Filmförderung möglich geworden sind.

Eine Südtiroler Postproduktionsfirma, die Cine Chromatixx Italy, war am Film „Im Westen nichts Neues“ beteiligt, der für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert ist. Sind solche Erfolgsgeschichten nicht bis zur Politik durchgedrungen?
Wahrscheinlich nicht ausreichend. Aber wie definiert sich Erfolg? Maura Delpero, eine Regisseurin aus Bozen, hat in Cannes einen Nachwuchspreis gewonnen. Man hört nur nicht viel davon. Es gibt viele Südtiroler Erfolgsgeschichten, die dank der Filmförderung möglich geworden sind: „Amelie rennt“, den das Bozner Unternehmen helios mitproduziert hat, wurde vor ein paar Jahren unter anderem als bester Kinderfilm beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Wie kommt ein solcher Erfolg zustande?
Eine Firma wie Cine Chromatix Italy kann es in Meran nur dank der Filmförderung geben, das europäische Filmbusiness siedelt sich mit Infrastruktur immer dort an, wo es eine vergleichbare Förderung gibt.

Nochmal: Wie empfindest du das Infragstellen der Filmförderung?
Wir haben in den letzten Jahren mit dazu beigetragen, eine Filmszene aufzubauen. Viele Leute aus diesem Bereich können deshalb nun hier ihrer Arbeit nachgehen oder sind sogar nach Südtirol zurückgekommen, ein Brain Drain in umgekehrter Richtung sozusagen. Wenn man das jetzt in Frage stellt, gehen viele Investitionen und Möglichkeiten verloren und die Leute gehen wieder ins Ausland. Es wäre mehr als schade, wenn es keine Filmförderung mehr geben würde, denn sie ist für einen starken Filmstandort Südtirol essentiell. Ohne einer solchen gibt es keine Filmwirtschaft in Südtirol und es können keine kreativen Filme entstehen.

Junge Leute, die einen coolen Beruf haben wollen, können ihn jetzt hier ausüben und müssen nicht ins Ausland. 

Was leisten Filmschaffende in Südtirol und für Südtirol?
Die Filmszene trägt dazu bei, dass Südtirol ein lebenswerter Ort ist, wo man kreativ tätig sein kann, wo gesellschaftsrelevante Fragen verhandelt werden. Junge Leute, die einen coolen Beruf haben wollen, können ihn jetzt hier ausüben und müssen nicht ins Ausland. Es gibt Zukunftsaussichten in Südtirol in diesem Bereich. Dazu trägt auch die Filmhochschule Zelig bei. Mittlerweile ist Südtirol innerhalb der Filmbranche in ganz Europa bekannt. Jeder weiß, dass man hier Filme machen kann.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich hoffe, dass wir in Zukunft vermehrt Filme in und aus Südtirol heraus machen können und dass die Branche weiterhin wächst. Dafür sind eine Filmförderung, Aus- und Fortbildung und gute, kreative Leute Grundvoraussetzung.

 

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Kleine Richtigstellung: die Bozner Regisseurin, die Georg erwähnt, heißt Maura Delpero.

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