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Interview mit Johanna Morandell

„Die Kraft der Vielen"

Johanna Morandell betreut bei der Initiative aufstehn.at politische Kampagnen aus der Zivilgesellschaft. Im Interview verrät die Südtirolerin, wie man sich bei Politikerinnen und Politiker Gehör verschafft.

Die Initiative #aufstehn will in Österreich die politische Stimme einer offenen, progressiven Zivilgesellschaft sein und ist Teil von einem internationalen Netzwerk zivilgesellschaftlicher Kampagnenorganisationen. Als multithematische NGO ist #aufstehn zu verschiedenen Themen aktiv: Gewaltschutz, Klimaschutz, Schutz und Versorgung von Geflüchteten, Antikorruption, unabhängiger Journalismus, sozial gerechte Maßnahmen gegen die Teuerung und viele mehr. Über 365.000 Menschen aus ganz Österreich sind Teil der #aufstehn-Community und sind regelmäßig zu diesen Themen aktiv.

Johanna Morandell betreut bei #aufstehn die Petitionsplattform mein.aufstehn.at. Hier können Privatpersonen, Vereine und Bürger:inneninitiativen seit 2018 Petitionen zu den verschiedensten Themen eigene Petitionen starten: Carolin aus Tirol fordert zum Beispiel bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Österreich, Gundula setzt sich für einen inklusiven Spielplatz in Linz ein und eine Initiative engagierter Niederöstereicher:innen versucht die klimaschädigende Bodenversiegelung in ihrer Region zu verhindern. Wann aber ist eine Petition erfolgreich, wann handelt es sich um „Clicktivism“? Im Interview verrät Johanna Morandell, was eine Kampagne erfolgreich macht und was entscheidend ist, um sich bei Politiker:innen Gehör zu verschaffen.

Das Internet ist heute mit Online-Petitionen geflutet. Wenn man alle Petitionen unterschreiben wollte, die für eine gute Sache einstehen, würde man wohl gar nicht mehr fertig werden. Hilft so ein Klick überhaupt?
Diese Frage bekommen wir oft gestellt. Was du beschreibst, nennt man den Vorwurf des „Clicktivism“. Viele glauben, ich klicke, bekomme das Gefühl, mich engagiert zu haben, aber am Ende passiert eh nichts mit den Unterschriften. Die Organisation aufstehn.at ist mit der Entwicklung des Internets entstanden, wir wollen das Internet nutzen, um eine reale Veränderung zu bewirken. Deswegen ist es uns wichtig, dass es nicht nur beim Klick bleibt, sondern dass dies nur der erste Schritt einer größeren Kampagne ist. Wir aktivieren so die Kraft der Vielen, um Druck auf Politiker:innen auszuüben.

Wie beginnt so eine typische Kampagne?
Wir starten in der Regel sehr niederschwellig, mit einer konkreten Forderung an eine Politikerin oder einen Politiker, wo Menschen unterzeichnen können. Das funktioniert am besten, wenn das Thema in der Öffentlichkeit gerade sehr präsent ist und Emotionen weckt. Wenn zum Beispiel heute etwas passiert in der österreichischen Politik und wir das Gefühl haben, das liegt unserer Community am Herzen, dann können wir extrem schnell reagieren und heute noch eine Kampagne starten.

Das heißt, mit einer Online-Unterschrift werden die Leute bei euch erst abgeholt in ihrem Wunsch, etwas zu verändern. Dann geht es aber erst richtig los?
Man spricht da von der sogenannten ladder  of engagement, also weiteren Aktionsschritten, die dann jeweils mehr Aufwand und Engagement von den Menschen erfordern. Dazu gehören unter anderem Demos, Telefon- und E-Mail-Aktionen. Wenn wir merken, dass wir schon sehr viele Menschen hinter einem bestimmten Thema oder einer Forderung versammelt haben, wenden wir uns manchmal schon direkt an die zuständige Entscheidungsträgerin oder den Entscheidungsträger und bitten sie um ein Statement. Je nachdem, wie ihre die Reaktion ausfällt, haben wir danach die Möglichkeit, zu „eskalieren“, also zum Beispiel offline Aktionen zu veranstalten oder uns an die Medien zu wenden.

Johanna Morandell

Bild: #aufstehn
Welche Kampagne hatte besonders Erfolg? Und was habt ihr daraus gelernt?
Bei #aufstehn haben wir es zum Beispiel mit einem Appell geschafft, dass die Steuer auf Tampons, Binden und Co. gesenkt wurde. Dafür haben wir zunächst Unterschriften gesammelt, dann aber auch einen Flashmob veranstaltet und mit berühmten Persönlichkeiten zusammengearbeitet, die mit uns über Social Media auf das Thema hingewiesen haben. Viele Menschen, die zu Beginn bei diesem Thema skeptisch waren, haben uns schlussendlich mit voller Überzeugung unterstützt. Allein die Sensibilisierungsarbeit, die wir mit dieser Kampagne geleistet haben, war ein großer Erfolg.
Unsere bisher größte Petition auf mein.aufstehn hat der Gerd, ein pensionierter Lehrer aus Tirol, zum Schutz der Gletscher in Tirol gestartet. Die Seilbahnbetriebe hatten große Pläne, zwei Gletscher mit Seilbahnen und Pisten zu verbinden, dafür hätte aber extrem viel unberührte Natur und Landschaft zerstört werden müssen. Wir haben Gerd bei seiner Kampagne begleitet und auch hier verschiedene Schritte in der ladder of engagement gesetzt: Wir haben Unterschriften gesammelt, fast 170.000 sind es zum Schluss geworden, wir haben E-Mails an Entscheidungsträger:innen geschickt und eine Demo veranstaltet. Wenn man etwas verändern will, geht es darum, dranzubleiben.

Demos, Petitionen, E-Mails an Abgeordnete: Du hast einige Wege genannt, damit eine Forderung der Zivilgesellschaft politisch durchgesetzt wird. Was aber wirkt am besten?
Das hängt immer vom spezifischen Thema ab, aber auch davon, ob das Thema schon öffentlich sehr bekannt oder ganz neu ist.

Es macht also einen Unterschied, ob man das Thema erst in die Öffentlichkeit bringen muss oder ob man schon klare Forderungen hat?
Genau. Es ist zum Beispiel ein Risiko, eine Demo zu organisieren, wenn man noch kein Gefühl dafür hat, wie viele Menschen dahinterstehen und teilnehmen werden. Und es ist essentiell, sich zu fragen: Was wollen wir mit der Demo bewirken und wen wollen wir erreichen? Ist es beispielsweise ein Nischenthema und geht es darum, die Leute, die schon seit Monaten an dem Thema arbeiten, mit der Demo neu zu motivieren? Oder geht es darum, sich möglichst breit aufzustellen, wie beispielsweise bei den Klimaschutz-Demos, um zu zeigen: Das Thema ist den Menschen wichtig, da muss was getan werden.

Wir versuchen, die Unterschriften möglichst sichtbar zu machen, bei der Gletscher-Petition haben wir beispielsweise ein 18 Meter langes Banner mit den fast 170.000 Unterschriften übergeben, damit die Zahl nicht abstrakt bleibt. Da waren die Politiker:innen auch sehr beeindruckt.

Und wenn man schon viele Unterstützer:innen und spezifische Forderungen an die Politik hat?
Bei konkreten Forderungen ist es wichtig, diese in die Medien zu bringen, um noch mehr Menschen zu erreichen und den Druck auf Entscheidungträger:innen zu erhöhen. Dazu können auch ein Flashmob oder eine Pressekonferenz hilfreich sein, oder man erzeugt medienwirksame Bilder. Einer der wichtigsten Schritte einer Kampagne ist es, einen Übergabetermin zu organisieren. Man übergibt dann die gesammelten Unterschriften zusammen mit den Forderungen an die Entscheidungsträger:innen. Wir versuchen, die Unterschriften möglichst sichtbar zu machen, bei der Gletscher-Petition haben wir beispielsweise ein 18 Meter langes Banner mit den fast 170.000 Unterschriften übergeben, damit die Zahl nicht abstrakt bleibt. Da waren die Politiker:innen auch sehr beeindruckt.

Wird euch der Übergabetermin auch verwehrt?
Ja, das passiert. Das variiert auch je nach Regierung, unter Schwarz-Blau haben wir zum Beispiel überhaupt keinen Übergabetermin gehabt. In jedem Fall ist Dranbleiben wichtig, und wir müssen aufpassen, nicht abgewimmelt oder mit leeren Versprechungen abgespeist zu werden. Idealerweise läuft es wie bei unserer Kampagne gegen Hass im Netz und Cyber-Mobbing, eine unserer großen Kampagnen in den letzten Jahren. Da haben wir dem zuständigen Minister einen Forderungskatalog vorgelegt, sind drangeblieben und es wurde dann ein Gesetzespaket beschlossen, das mit Anfang 2021 in Kraft getreten ist, das Schutz vor Hasspostings im Netz bieten soll.

Wie erarbeitet ihr solche konkreten Forderungen?
Wir haben gerade – was in Südtirol auch immer wieder ein Thema ist –  eine Kampagne zu Femiziden und haben während der aktuellen 16 Tage gegen Gewalt an Frauen eine Aktion organisiert. Bei solchen Themen, die nicht zu unserer Kernkompetenz gehören, schließen wir uns oft mit Expert:innen und Betroffenenorganisationen zusammen, um gemeinsam mehrere konkrete Forderungen auszuarbeiten.

Wie stellt ihr sicher, dass eure Petitionsplattform nicht auch für Hetze und menschenverachtende Petitionen genutzt wird?
Wir scannen jede Petition, die auf unserer Plattform gestartet  wird. Wir setzen uns für ein positives, solidarisches Miteinander ein. Hetzerische und hasserfüllte Petitionen, die eine Spaltung der Gesellschaft verfolgen oder Verschwörungserzählungen verbreiten, werden von unserer Plattform entfernt.

Solange Menschen aber motiviert sind, sich für ein positives Miteinander einzusetzen, können sie viel bewirken, wenn sie sich zusammenschließen und sich gemeinsam für Veränderung einsetzen.

Wie bist du selbst zu #aufstehn gekommen?
Ich habe im Bachelor Biologie studiert und habe dann gemerkt, dass mich besonders die politischen Zusammenhänge zu den biologischen Themen interessieren, gerade im Bereich Naturschutz. Danach habe ich Praktika bei NGOs gemacht und als ich durch einen Freund gehört habe, dass sie bei #aufstehn noch Unterstützung brauchen, habe ich erstmal als studentische Hilfskraft begonnen. Das war 2016, damals war die Plattform, gegründet 2015, noch ganz jung und wir waren nur zu dritt, jetzt sind wir 14 Mitarbeiter_innen. Seit meinem Masterabschluss arbeite ich Vollzeit bei #aufstehn und leite zwei unserer Teams.

Braucht es eine Organisation wie #aufstehn auch in Südtirol?
Ich habe schon öfters darüber nachgedacht. Wir haben uns auch schon gefragt, ob es sinnvoll wäre, uns als österreichische Initiative auch für Themen in Südtirol einzusetzen, haben uns aber dagegen entschieden, weil das Verhältnis Südtirol-Österreich eh schon kompliziert ist. Wenn es engagierte Leute gibt und ein Wissensaustausch mit Organisationen stattfindet, die schon länger in dem Bereich arbeiten, könnte unsere Arbeitsweise aber sicher gut auch in Südtirol funktionieren. Ich glaube, dass Organisationen wie #aufstehn grundsätzlich wichtig sind, um die Demokratie lebendig zu halten, gerade auch in Südtirol. Wenn das Vertrauen in Parteipolitik gering ist, entsteht ein gewisses Vakuum, in der sich Politikverdrossenheit breit machen kann. Solange Menschen aber motiviert sind, sich für ein positives Miteinander einzusetzen, können sie viel bewirken, wenn sie sich zusammenschließen und sich gemeinsam für Veränderung einsetzen.

 

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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