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Das war Barbara Rauch

„Des schoffsch du“

Medial werden Frauen, die Opfer von Femiziden wurden, auf die Gewalttat reduziert. Sie sind aber mehr als Opfer eines Verbrechens, sie sind Mütter, Schwestern, Töchter, Freundinnen. So wie Barbara.

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Die Zeichnung stammt von Alessandro Montoro.

Bild: Alessandro Montoro

Barbara hat in ihrem Leben viel gemacht, aber vor allem das, was sie gern gemacht hat – und das hat sie ordentlich gemacht. Mit ihrem verschmitzten “Engelegsicht”, den blonden Haaren und den Sommersprossen bleibt sie in Erinnerung. Aber rührselig darf der Text jetzt nicht werden, weil rührselig war Barbara nicht.

Barbara als Kind

„Sie wor is blonde, blauäugige Strahlekind."

Barbara ist am 26. Januar 1992 geboren, fast auf den Tag genau dreieinhalb Jahre nach ihrer großen Schwester Anna. In Terlan, wo Barbara ihre Kindheit verbrachte, war die Familie groß und verbunden, mit Großeltern, Tanten und Onkeln, Cousinen, dem Herzensbruder Christian. Tanzend zu Mamis “Dirty Dancing”-VHS, lachend auf Tatis roter Vespa in Richtung Fußballplatz oder verschmitzt kichernd im Bett beim geheimen Lesen von Annas Tagebuch, war sie das süße, blonde Strahlekind mit den blauen Augen. Mit ihrer einnehmenden Art war sie von Kindesbeinen an präsent im Moment und bei den Leuten, auf die sie in ihrer fröhlichen Art stets offen zugegangen ist. Ein kindlich zuversichtlicher Zug, den sie sich im Gegensatz zu vielen anderen ihr Leben lang bewahrt hat, ebenso wie ihre Geradlinigkeit und das sture Köpfchen.

Anna und Barbara haben sich immer umeinander gekümmert, das blieb trotz der unterschiedlichen Lebensrhythmen in schwesterlicher und freundschaftlicher Verbundenheit 28 Jahre lang so. Das Gefühl, ihre kleine Schwester beschützen zu müssen, ist noch da. Und es darf auch bleiben. Denn Barbara ist auf diese besondere Art, die wenig greifbar aber doch so unmittelbar ist, immer noch präsent.

Barbara in der Jugend

„Des überlegsch der donn, wenn’s so weit isch.“

Entlang der Stationen ihres Lebensweges, fand Barbara über ihre Ausbildung im Kaiserhof den Weg in die Gastronomie. Barbara war der mathematische Typ, hatte ein hervorragendes räumlich-mathematisches Vorstellungsvermögen — ein Satz für ein Semesterzeugnis, dabei waren Zeugnisse Barbara eher weniger wichtig. Ihre Talente und Interessen gingen über die schulischen Bewertungen und Fächer hinaus, Barbara war ein Mensch der Tat und weniger der Theorie. Gelesen wurden wenn dann nur Zusammenfassungen, gelernt wurde morgens im Bus und meistens nur so viel, wie es gerade nötig war — und es hat immer gereicht, “Haupsoch positiv” eben. Am Abend vor der Matura stand sie in Annas Zimmer und fragte: „Du, lernsch mit mir Geschichte?“ „OK“, sagte Anna, damals Studentin auf der Uni, „wos konnsch no net?“ „Ehm...olles“, sagte Barbara. „Es werd schun irgendwie gean“, war Barbaras Credo, so grundsätzlich und für alle Herausforderungen im Leben. In einer Nacht-und-Nebel-Lernaktion lernten die beiden damals Geschichte und ein bissl mulmig war ihr dann doch vor der Matura, dem blonden Strahlemädchen mit der Laissez-Faire-Attitüde — aber es ging dann irgendwie. Ihr Optimismus war eine tragende Säule: Hauptsache positiv.

Barbara war keine, die Dinge, tat, die sie nicht mochte, nur weil es andere von ihr erwarteten. In der Pflicht erledigte sie, was sie tun musste, der Rest war für sie Kür: Sie wandte sich mit vollem Ehrgeiz den Dingen im Leben zu, die sie interessierten, die sie erfüllten. Sie stellte sich den Dingen dann, wenn sie da waren mit Biss und planender Voraussicht. Und war dabei keine, die sich duckte, sondern eine, die kämpfte und für sich einstand. Sie war keine, die sich versteckte, sondern eine, die ganz vorne dabei war. Das Feiern hatte sie im Blut, die Nacht war ihr Tag: Einsperren, das konnte man die junge Barbara nicht. Sie hatte viele Hobbys, vom Klavierspiel bis zum Sportschießen, war gern unterwegs und offen für Neues. Dinge, die ihr gefielen, gingen ihr leicht von der Hand.

Barbara die Businessfrau

„Businessfrau mit Biss.“

Barbaras Leben war Entwicklung, das was sie ausmachte war – im wahrsten Sinne des Wortes – was sie schlussendlich aus sich machte. Nach den wilden Stürmen der Pubertät fand sie Geduld in ihrer Berufung: Im Gastgewerbe war Barbara motiviert, begegnete ihren Gästen mit Humor und einem offenen Ohr und wurde dafür stets geschätzt. Mit 25 Jahren wurde sie Mutter von Emma. Zusammen mit Philipp, den sie ein halbes Leben lang kannte, mit dem sie in guten wie in schlechten Zeiten 12 Jahre zusammen blieb und an der Liebe festhielt. Einer Liebe, die sie behütete und kultivierte. Die Anstrengung und Schwere der Geburt trug Barbara mit Fassung und Würde — wie sie ihre Verletzlichkeit stets trug. Und stolz war sie auf das kleine Mädchen, das sie geboren und dem sie das Leben geschenkt hat. Das Mädchen, das genau im richtigen Moment ins Leben der beiden kam.

Als Emma ein Jahr alt war, verwirklichten sich Philipp und Barbara ihren Traum von der eigenen Vinothek, dem Bordeauxkeller. Es war Barbaras und Philipps gemeinsames Lokal, aber viele Hände haben mitgeholfen: Bis zwei Uhr Nachts sind Simon und Anna täglich mit am Werkeln gewesen, um aus einem Delikatessenladen eine Vinothek zu machen, die junge Mama Barbara mittendrin — unbedarft von den Kritiken einer Gesellschaft, die junge Frauen und Mütter stets kommentiert. Sie ließ sich nicht unterkriegen, dafür war sie zu selbstbewusst und zu ehrgeizig. Nach dem Motto “Des wert schun gean” drehte Simon eine halbe Stunde vor Eröffnung die letzten Schrauben im Lokal fest, der Start eines neuen Lebensabschnittes.

Barbara war eine coole Businessfrau, sie war kreativ, selbstständig und organisiert. Sie war großzügig und zwar auch dann, wenn sie nicht viel hatte. Sie war die geborene Gastgeberin, die es schaffte, dass jede*r sich willkommen fühlte. Der Bordeauxkeller wurde nach und nach zu einem Treffpunkt für das Dorf mit einem besonderen Ambiente und einer besonderen Karte. Barbara und Philipp bemühten sich stets Neues dazuzulernen, Extravagantes zu finden, kreative Events zu planen. Jede*r, der/die an der Josef-Innerhoferstraße 14 vorbeiging und in die Glasscheibe sah, sah eine junge Frau, die mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit hinter der Theke ihrer Vinothek stand. “Sie hat immer so fröhlich ausgesehen”, sagt Anna, “wenn man vorbeiging und ihr durch die Scheibe zuwinkte. Des wor ihr zwoates Dorhoam.”

Im Kern Barbara

„Iaz daiiii.“

Barbara war die Erwachsene, die in sich gewachsen ist und ihre kindlichen Züge gefestigt hatte und damit das Beste von sich nach außen bringen konnte: ihre Fröhlichkeit, ihren Humor, ihren Antrieb und Biss, ihre Gelassenheit und Gastfreundschaft, den zarten, emotionalen und fürsorglichen Kern. Es gelingt nicht vielen, was Barbara gelang: Das Gute in einem Menschen zu sehen und über die Jugend hinauszuwachsen in ein Erwachsenenleben, in dem man wenig Groll gegen Früheres hegt, sondern optimistisch nach vorne sieht und seine Träume verwirklicht.

Barbara konnte auch mal aufbrausend sein, aber sie war vor allem eine junge Frau geworden, die ihre Umgebung beruhigen und die Leute von ihrer eigenen Aufgeregtheit runterholen konnte. Aus den Gesprächen mit ihr ging man ruhig raus, Barbara sah die Dinge, so wie sie waren. Manchmal auch mit einem Sarkasmus, den jene, die sie kannten, an ihr zu schätzen wussten. Mit ihrem „iaz daiiiiii“, stellte sie sich gegen verkopftes Sorgengemache und Rumgedenke und Anna hört sie es heute noch in aller Deutlichkeit ihr immer mal wieder sagen. So viel von all dem hat Emma auch von Barbara geerbt: Nicht nur das morgendliche muffelige schweigsame 30-minütige Aufwachritual, sondern hauptsächlich die Kraft und Selbstständigkeit, den besonderen Optimismus, die Empathie sowie die Gabe, andere mit ihrer Laune, ihren Späßen und Sprüchen anzustecken.

Egal wie viel Adrenalin in der Achterbahn, egal wie krass die Situation war, egal wie lang die Nacht, egal wie anstrengend der Tag, Barbara hat am Ende immer das Beste draus gemacht. Und Anna sagt: „I hear sie gonz oft in meinem Hinterkopf reden, wenn i verzweifel: Iaz kim, des geat schun!”

Ein Leben lang Barbara

„Wersch segen es werd olles guat.“

Es ist schwierig, ein Leben, einen Menschen zu beschreiben, aber müsste man Barbara beschreiben, wären es ihr strahlendes Lächeln und ihre Liebenswürdigkeit, verkörpert und für immer eingebrannt im Bild der jungen Frau, die mit ihrer Tochter an der Hand durchs Dorf spaziert und die mit Philipp hinter der Theke steht und aus dem Fenster winkt, wenn man vorbeigeht. Barbara war immer da für ihre Leute, in ihrer geradlinigen, direkten, humorvollen und doch feinfühligen Art. Und vor allem hat Barbara den Kampf und die Herausforderung nicht gescheut, sie war eine, die vor ganz wenig Sachen Angst hatte und die die Angstfreiheit zu vermitteln vermochte: Du brauchst keine Angst zu haben. Barbara hatte keine Angst. Sie hat ihr Leben bis zum Schluss in vollen Zügen gelebt und genossen.

Mit Barbara haben viele Leute kleine Alltagsdinge geteilt und gleichzeitig ein ganzes Leben. Sie hinterlässt diese kleinen Spuren als kostbare Schätze der Erinnerung denen, die sie hüten dürfen. Denn Barbara war so viel. Sie war Mutter, sie war Lebensgefährtin, Schwester, Tochter, Tante, Freundin und Jungunternehmerin. Und vor allem ist Barbara mehr als die Stationen ihres Lebens — sie ist die Summe ihrer achtundzwanzig Jahre, die sie auf der Erde verbringen durfte, sie ist die Menschen, die sie getroffen und geliebt hat, das Kind, dem sie das Leben geschenkt hat.

Sie begleitet uns weiter.

Sie gibt die Kraft, die wir brauchen, weitermachen zu können.

I bin do und du woasch es. Und in den dunkelsten Stunden wissen wir, was sie sagen würde: “Iaz daiiii. Du schoffsch des. Des geat schun.”

 

Text: Anna Rauch und Barbara Plagg

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