„1,7 Mrd. Menschen sind nicht bankfähig“

Die Genossenschaft Oikocredit widmet sich sozialen Projekten, die profitabel sind und gleichzeitig Menschen im Globalen Süden unterstützen. Helmut Berg von Oikocredit, erklärt was dahintersteckt.

Kapital anlegen und damit etwas Positives anstoßen, wie funktioniert das?
Helmut Berg: Oikocredit ist eine internationale Entwicklungsgenossenschaft. Sie wurde 1975 vom ökumenischen Rat der Kirchen gegründet. Der Anlass war der Weltkirchentag im schwedischen Uppsala im Jahre 1968, also zur Zeit des Vietnamkrieges. Es wurde eine Frage gestellt, die nicht aktueller sein könnte, und zwar, ob die Kirchen ihr Geld auch in Firmen anlegten, die mit Kriegen zu tun haben. Dabei entstand die Idee, eine Organisation zu gründen, die sich ausschließlich mit sozialen Investments beschäftigt.

Inwiefern unterscheidet sich Oikocredit hierbei von einer Bank?
Oikocredit ist keine Bank, sondern eine Genossenschaft. Wir vertreiben keine Fonds, sondern Genossenschaftsanteilszertifikate. Wir haben nur ein einziges Produkt und bieten keinen Angebotemix an, den wir gesammelt als nachhaltig etikettieren. Wir decken drei Bereiche ab: das Inclusive Investment, Genossenschaften im Agrarsektor mit einem sozialen Charakter und Projekte für Solarenergie in sozialen Einrichtungen und landwirtschaftlichen Betriebe. Wir investieren ausschließlich in sozial nachhaltige Initiativen. Sie müssen profitabel sein – sonst wäre es ja eine Spende – aber man stellt dabei die Menschen in den Mittelpunkt.

Helmut Berg ist Direktor und Sales von Oikocredit Österreich

Bild: Oikocredit Österreich

Was kann man sich unter Inclusive Investment vorstellen?
75 Prozent der Portfolios von etwa 1 Milliarde Euro dient dazu, um Kredite an Mikrofinanzinstitute zu geben. Man kann sich das wie kleine Dorfbanken vorstellen. Diese Banken haben tausende Kunden, die sogenannte Mikrokredite – von 100 bis 5.000 Dollar – anfragen. Es werden beispielsweise Menschen bei der Einkommensgenerierung unterstützt, die sich beruflich etwas aufbauen wollen und dafür Ideen haben, etwa eine Frau, die in eine Nähmaschine investieren will, weil sie damit mehr verdienen kann als bei der Feldarbeit. Das ist wichtig, denn es gibt Menschen, die vom gesamten Finanzwesen exkludiert sind und keinen Zugang zu einem Konto haben. Wir sprechen von 1,7 Milliarden Menschen auf der Welt, die derzeit non-bankable (nicht bankfähig) sind. Ihnen bleibt auch der Zugang zu den primitivsten Bankleistungen verwehrt. Wie wird diese Kreditvergabe kontrolliert? Durch Angestellte unserer Partnerinstitute, sogenannte Loan Officer. Das ist eine Mischung aus Bank- und Sozialarbeiter*innen. Sie fahren durch die Dörfer und hören sich die Geschichten der Menschen an, beraten und betreuen. Wenn alles passt, werden die Kredite genehmigt. Parallel wird auch in Ausbildung investiert. Will jemand in eine Nähmaschine investieren, muss die Person oft erst nähen lernen, damit sie das Gerät unternehmerisch nutzen kann.

Wo seid ihr überall vertreten?
Wir sind in 33 Ländern der Welt – in Afrika, Asien und Lateinamerika – tätig und haben dort unsere Länderbüros. Damit sind wir vor Ort mit über 500 Projektpartner*innen im ständigen Austausch und können rund 32 Millionen Endkundinnen und Endkunden betreuen. Das ist auch wichtig für die Risikostreuung. Auf unserer Webseite www.oikocredit.at kann nachverfolgt werden, in welchen Ländern wir arbeiten und welche Projekte wir dort unterstützen. Wer bei Oikocredit investiert, ist an diesem Portfolio beteiligt. Anleger*innen fragen sich derzeit, ob der eigene Fond auch Firmenanteile enthält, die in Kriegsgeschäfte verwickelt sind.

Wie ist das allgemeine Bewusstsein für derlei Fragen?
Das Bewusstsein nimmt zu. Noch vor 15 Jahren bedienten wir einen kleinen Nischenmarkt. Mittlerweile ist der Markt des sozialen Investments – oder auch Impact Investments genannt – deutlich gewachsen. Menschen möchten in etwas investieren, das Menschen hilft. Und sie möchten wissen: Was tut denn mein Geld, wenn es „arbeitet“? Mittlerweile hat Oikocredit weltweit etwa 60.000 Investor*innen. Oikocredit zahlt eine maximale Dividende von 2 Prozent im Jahr an diese aus. Aktuell sind es marktbedingt 0,5 Prozent, weil die Zinsen gesunken sind. Es gibt den Spruch „You vote every day with your wallet” Wir geben also Konsument*innen jeden Tag eine Stimme mit unserer Brieftasche ab.

Das gilt auch fürs Investieren, oder?
Ja, genauso wie man mit seinem Konsumverhalten Veränderung bewirken kann, kann man das auch mit seiner Geldanlage. Habe ich mein Geld am Sparbuch, weiß ich im Grunde nicht, was die Bank damit tut. Theoretisch können damit viele Dinge finanziert werden, die ich eigentlich nicht unterstützen möchte. Bei Oikocredit sehe ich ganz genau, was mit dem Geld passiert und wie es Menschen unterstützt. 

Interview: Daniela Halbwidl

Dieses Interview ist erstmals in der neuen Ausgabe der Straßenzeitung zebra. (Nr. 76, 10.6.-10.7.2022) erschienen.

Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für drei Euro. Die Hälfte davon geht in die Produktion, die anderen 1,50 Euro bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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