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Ziagts o, Italiener!

Vergangenes Wochenende gehörte die Wiesn den Italienern. Ein Ort, an dem sich Klischees bestätigen.

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Bild: flickr/romanboed

Letztes Wochenende war das, was man in München das „Italienerwochenende” nennt. Ich habe es nicht selbst miterlebt, ich bin nach Südtirol gefahren, aber ich habe die Ausläufer mitbekommen. Ganze Kolonnen rollender weißer Plastikkästen, das Merkmal urlaubender Italiener, begegneten mir auf der Autobahn. Im Verkehrsradio des Bayerischen Rundfunks kamen Durchsagen auf Italienisch, die den Fahrern der weißen Plastikkästen erklärten, welche Ausfahrt sie nehmen sollen, und wo sie ihre Plastikkästen abstellen dürfen.

Muss ich das Ziel dieser jährlichen Völkerwanderung noch erwähnen? Das Oktoberfest natürlich, oder wie der Münchner sagt: die Wiesn. Sie und ganz München waren am Wochenende fest in italienischer Hand. Seit neun Jahren kommen eigens ein paar Carabinieri über die Alpen, um italienischen Ordnungsbrechern etwas Heimat in der Fremde zu bieten. Münchner Tageszeitungen erscheinen auf Italienisch. Warum kommen die Italiener immer gerade am mittleren der drei Wiesn-Wochenenden? Keiner weiß es genau. Es war schon immer so.

Die Italiener gehören zur Wiesn wie die Deutschen zu Mallorca. Sie sind gern gesehene Gäste, denn sie vertragen mehr als die Japaner, die oft schon nach drei Mass unter dem Tisch liegen, sind also bessere Geschäftspartner der Münchner Brauwirtschaft. Sie benehmen sich generell besser als die Australier, die dafür berüchtigt sind, im Hofbräu-Zelt ihre privatesten Körperteile zu lüften. Zudem sind italienische Wiesnbesucher meist auf den ersten Blick erkennbar. Amerikanische Touristen pflegen sich neuerdings zur Wiesn komplett beim Loden Frey einzukleiden, visuell sind sie dann kaum mehr von Einheimischen zu unterscheiden. Das Gros der Italiener verweigert sich diesem teuren Trend, wenn ich es richtig beobachtet habe. Sie greifen eher zu den lustigen Hüten, die es auf der Wiesn an jeder Ecke zu kaufen gibt.

Wer auf der Wiesn gern unter Italienern ist, darf nicht zu spät hingehen. Sie halten es morgens nicht lang aus in ihren Plastikkästen, manchmal sieht man sie vor sieben Uhr auf dem Gehsteig bei der Katzenwäsche aus dem Wasserkanister. Sie sitzen früh im Bierzelt und liegen früh im Vollrausch.
Das alles sind Klischees und grobe Verallgemeinerungen. Aber die Wiesn ist nun mal ein Ort der Klischees. Literweise Bier, Hendl auf Gutschein, ohrenbetäubende Blasmusik, pappige Zuckerwatte, zähe Lebkuchenherzen, schlägernde Buam und kotzende Dirndln – und eben junge Australier auf Round-the-world Trip und Italiener auf Anbandelkurs mit den bella biondas: Wer einen Abend dort verbringt, wird wahrscheinlich all das erleben.

Aber ein kleiner Tipp: Wer lieber weniger Klischee hat, sollte nebenan die „Oide Wiesn” aufsuchen und zum Beispiel ins Herzkasperlzelt gehen. Dort gibt es genauso gutes Bier, und es spielen gute Münchner Bands statt der üblichen Blaskapellen. Man muss meistens nicht einmal anstehen für einen Tisch. Noch nicht.

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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