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He says, she says

Wer denkt an Verhütung?

Manchmal reicht Emanzipation bis zum Eingang des Schlafzimmers und nicht weiter. Verhütung zum Beispiel ist oft noch Frauensache.

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Lizenz: CC0
Bild: Dainis Graveris

He says:

Es braucht zwei Menschen, um ein Kind zu zeugen. Um das Kind dann tatsächlich zur Welt zu bringen, reicht allerdings nur einer. Der Druck, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern, und die Angst vor den Konsequenzen lasteten deswegen seit jeher vor allem auf der Frau. Im Deutschunterricht haben wir noch von den Dramen gehört, zu denen Dichter wie Goethe und Lessing durch die tragischen Geschichten sogenannter Kindermörderinnen inspiriert wurden, unverheiratete Frauen, die ihr ungeborenes Kind auf lebensbedrohlichem Wege töten mussten, um dem Ehrverlust und der unvermeidlichen Ächtung durch die eigene Familie zu entgehen.

Heute sind die Umstände von Zeugung und Geburt zum Glück gelassener. Die Frage, wer dafür verantwortlich ist, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern, ist aber nach wie vor ungelöst. Ein Dilemma, das vor allem die Anfänger beschäftigt. Ich erinnere mich noch gut an die pubertären Pausenhofgespräche kurz vor der Matura: „Benutzsch du Kondome?“ „Spinnsch? Sem spir i jo nix. Du muasch olm sie verhüten lossen!“

Tatsächlich wurde das Kondom, eine der wenigen Verhütungsmethoden unter der Kontrolle des Mannes, nachdem in den 60er Jahren die Pille auf den Markt kam, eher zur Rückabsicherung bei Affären und One-Night-Stands, bekam in Beziehungen aber das Image einer lästigen Isolierung, die dem Mann ein unverfälschtes Sinneserlebnis versagt. Allenfalls als Mittel gegen vorzeitigen Samenerguss war das Kondom noch gut.

Wenn heute Frauen an die Verhütung denken, hat das im öffentlichen Diskurs oft den Beigeschmack von mangelnder Emanzipation und antiquierten Geschlechterrollen.

Erst in den letzten zehn Jahren hat sich dieser Trend umgekehrt, nachdem immer neue Erkenntnisse zu den hormonellen Schäden, die die Pille bei Frauen anrichten kann, zutage traten. Seitdem wurde in feministischen Kreisen die Frage laut: Und ich muss meinen Hormonhaushalt kaputtmachen, nur damit er grenzenlose Gaudi hat?

Wenn heute also Frauen an die Verhütung denken – welches Mittel sie auch immer dazu verwenden – hat das im öffentlichen Diskurs oft den Beigeschmack von mangelnder Emanzipation und antiquierten Geschlechterrollen: Er kann unbekümmert genießen, sie muss Verantwortung übernehmen, weil es letztendlich doch sie am stärksten trifft, falls etwas Ungeplantes auf den Weg kommt.

Dabei wird aber vergessen, dass bis zur Erfindung der Pille die Verhütung tatsächlich nur Männersache war, entweder durch Kondome oder Coitus Interruptus: beides keine besonders zuverlässigen Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften. Von Unbekümmertheit bei den Frauen konnte also auch dann, wenn die Männer an Verhütung denken mussten, keine Rede sein. Die Verhütung zu übernehmen, bedeutet nämlich immer auch, die Kontrolle über den eigenen Körper zu behalten, anstatt dem anderen blind vertrauen zu müssen.

She says:

Das „Opfer“, das ein Mann bei der Verhütung bringen muss, sprich: „Rechtzeitig-Schniedel-rausziehen“, ist wohl kaum mit der Reihe an Nebenwirkungen, die eine hormonelle Verhütung mit sich bringt, zu vergleichen: verminderte Libido, Stimmungsschwankungen, erhöhtes Thrombose-Risiko. Außerdem: Jeden Tag zur selben Zeit die Pille einnehmen, erfordert mehr Denkarbeit als sich vor dem Akt schnell ein Gummi überzuziehen.

Im letzten Jahrzehnt haben sich allerdings neue, natürliche Arten der Schwangerschaftskontrolle in die Schlafzimmer vieler junger Paare geschlichen. Mit deinem binären Kenntnisstand zum Thema Verhütung – Pille oder Kondom – scheinst du, Teseo, noch im Oberschul-Pausenhof-Stadium stehengeblieben zu sein.

Eine natürliche und, wenn konsequent wie korrekt angewandt, sehr zuverlässige Methode ist beispielsweise die symptothermale Methode, bei der gewisse Körperzeichen, wie erhöhte Temperatur oder veränderter Zervixschleim, verraten, ob eine Frau gerade fruchtbar ist. Ihr Pearl-Index – unter Optimalbedinungen – beträgt 0,6 (Dazu im Vergleich die Pille: 0,3; das Kondom: 2). Das bedeutet, dass von 100 Frauen, die auf diese Art ein Jahr lang verhüten, etwa 0,6 schwanger werden.

Es braucht zwei Menschen, um ein Kind zu zeugen, und genauso viele, um dafür zu sorgen, dass es zum richtigen Zeitpunkt passiert. 

Die symptothermale Methode (auch “NFP”, also “natürliche Familienplanung” genannt) erfordert eine tägliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper ­und wird deshalb ausschließlich der Frau zugeschrieben. Doch muss die binäre Verantwortungszuschreibung – entweder er muss sich drum kümmern oder sie – neu gedacht werden; das gilt für natürliche wie für hormonelle Verhütungsmittel. Denn das Engagement erschöpft sich nicht darin, die Pille einzunehmen, sich das Kondom über zu stülpen oder sich jeden Morgen ein Thermometer in die Vagina zu schieben. Zu einer ausgeglichenen Partnerschaft gehört auch, dass der Mann die Frau daran erinnert, dass sie heute noch die Pille nehmen muss, falls sie sich für diese Methode entscheidet, sie gleichzeitig aber unterstützt, falls sie das nicht will, und mit ihr gemeinsam im Internet nach alternativen Methoden recherchiert; dazu gehört, dass die Frau die Kosten für die Kondome zur Hälfte übernimmt, und mit dem Mann verschiedene Marken ausprobiert, um gemeinsam zu finden, was beiden passt.

Es braucht zwei Menschen, um ein Kind zu zeugen, und genauso viele, um dafür zu sorgen, dass es zum richtigen Zeitpunkt passiert. So sollte also auch der Mann in die NFP involviert werden. Doch wie viele Männer sind bereit, sich mit dem weiblichen Körper auseinanderzusetzen (Nein Teseo, nicht mit dem Teil, sondern mit allem drum herum)?

Meist lässt nur die Andeutung des Wortes „Menstruation“ den hartgesottensten Mann erbleichen und eine unbeholfene Ausrede stottern, um den Raum verlassen zu können. Wie wenig sich Männer mit Menstruation und dem Fruchtbarkeitszyklus beschäftigen, bezeugen etliche Umfragen und Youtube-Videos.

Doch sollte in einer Partnerschaft, in der Verhütung und Familienplanung Thema sind, über den weiblichen Körper gemeinsam gesprochen werden. Das Argument „Kontrolle über den eigenen Körper“ lässt sich genauso umkehren: Wüssten Männer Bescheid, in welcher Phase des Zyklus ihre Frau sich befindet, müssten sie ihr nicht blind vertrauen, sondern wüssten selbst, wenn das Kondom zu zücken ist, und wenn hingegen Zeit bleibt für „unverfälschte Sinneserlebnisse.“

Autor (he): Teseo La Marca
Progressiv mit Vorbehalten. Glühender Verfechter der echten Gleichberechtigung. Ärgert sich aber insgeheim, wenn er im Haushalt mehr machen muss als seine Freundin.

Autorin (she:) Julia Tappeiner
Seit ihrer Zeit im patriarchalen Kasachstan eine überzeugte Feministin. Steht nichtsdestotrotz auf rasierte Achseln, hasst keine Männer und lässt sich von ihrem Freund auch mal einladen. Der nächste Aperitivo geht dann wieder auf sie.

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He says, she says

Braucht es Feminismus heute eigentlich noch? Und warum liegt es so oft an Männern, den ersten Schritt zu machen? In He says, she says gehen unser Autor und unsere Autorin Fragen auf den Grund, die Mann und Frau sich schon immer stellen wollten.

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