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Wehen, Kristalle und Stoßgebete

Wenn ein Baby zur Welt kommt: Ein Blick in die Kreißsäle von München und Bruneck.

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Bild: Flickr, rahego

Als die Geburt meiner Tochter im Krankenhaus Bruneck in die heiße Phase eintrat, fiel mir auf, dass die Hebamme in kürzeren Wehenpausen die Stirn auf die gefalteten Hände senkte, sich in längeren Wehenpausen sogar in einen Nebenraum zurückzog. Zur Andacht, kapierte ich irgendwann. Sie betete für Mutter und Kind. Die Geburt lief glatt. Vielleicht hat es ja geholfen.


Als die Geburt meines Sohnes in einer Münchner Klinik überraschend schnell in die heiße Phase eintrat, stellte die Hebamme noch rasch einen großen Kristall neben die Badewanne, aus der die Mutter gerade vergeblich versuchte, noch rechtzeitig herauszukommen. Der Kristall würde positive Energie ausstrahlen, erklärte sie ruhig. Vielleicht hat es ja geholfen. Die ungeplante Wassergeburt lief glatt.


Zwischenfazit: Bisher waren bei 100 Prozent der Geburten meiner Kinder höhere Mächte im Spiel. Ansonsten jedoch überwogen die Unterschiede. In der Münchner Klinik war man bemüht, um das brachiale Ereignis herum eine Feel-good-Atmosphäre zu erzeugen. Die Mutter hat die Wahl: Bett, Wanne, Geburtshocker? Es gibt auch Gymnastikbälle und Seile zum Reinhängen und eine Sprossenleiter zum Festhalten für jene, die gern More canino gebären. An der pfirsichgelben Wand des Geburtszimmers hängt eine Musikanlage von Bang & Olufsen, in die die werdenden Eltern ihr iPhone stecken können. Manche pressen eben lieber zu „Highway to hell”, manche lieber zu „Waka Waka”.


In Bruneck braucht man solchen Schnickschnack nicht. Der Kreißsaal sieht aus, als würden dort nicht nur Kinder, sondern auch Blinddärme entnommen. Schwestern und Ärzte tragen Kittel und Mundschutz. Strictly business statt Feel good.


Es werden nicht viele Worte gemacht im Kreißsaal von Bruneck. Schweigend hielt der Arzt mir die Nabelschnur und eine Schere hin. – Ach so, ich soll das jetzt durchschneiden. Diese Aufgabe wäre schon schwierig genug, wenn man sich nicht in einem emotionalen Ausnahmezustand befände. So eine Nabelschnur ist zäh. Ich habe es schließlich geschafft und bin stolz darauf. Sonst kann ein werdender Vater ja wenig tun, außer daneben stehen, ein Glas Wasser reichen oder den Schweiß von der Stirn tupfen. Regel Nummer eins für Väter bei Geburten ist, nicht zu stören, sagte mir eine Hebamme bei einer anderen Gelegenheit.


Im Münchner Geburtszimmer werden viele Worte gemacht. In meiner Erinnerung wurde dauernd gequasselt. Während der Presswehen wollte die Hebamme der leidenden Mutter noch beibringen, wie man richtig atmet, „Uuuuh” und „Aaaah” und so weiter. Vielleicht hat es ja geholfen. Die Mutter fühlte sich gut aufgehoben und machte ihre Sache großartig. Ich fand es besser, diesen unbeschreiblichen Moment in Schweigen zu erleben. Aber das ist nebensächlich, wegen Regel Nummer eins.

 

Wer hat erzählenswerte Erfahrungen mit Piefkes? Oder Fragen, Hinweise, Lob oder Beschwerden? Schreibt mir unter piefke@barfuss.it!

 

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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