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Voll das Klischee

Südtirol hat gewählt. Ich auch. Per Briefwahl. Gedanken zur Wahlwerbung – Teil 2

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Bild: Flickr, Kulturverwaltung Meran

Südtirol hat gewählt. Ich breite nochmal die gesammelte Wahlwerbung auf dem Küchentisch aus, schaue mir die Bilder an: Ein Sammelsurium der Südtirol-Klischees: Musikanten, die in einer Stube Karten spielen. Die drei Zinnen. Der Blick zwischen blühende Knospen hindurch auf Schloss Tirol. Der Blick von einem Weinberg aus auf den Kalterer See. Die Dolomiten im Nebel. Silvius Magnago auf Schloss Sigmundskron. Ein Bergbauer mit geflochtenem Korb und Sense. Ein junger Bub in Tracht.

Wenn ich Menschen hier in Berlin oder anderswo erzähle, dass ich aus Südtirol komme, dann stellen die sich das immer so vor, als hätte ich meine Jugend wie in der Zeichentrickserie „Heidi“ verbracht. Also irgendwo auf einer Alm mit Kühen und Schafen und einem Hund – und ein langer Schulweg führt durch den Wald ins Dorf hinunter, das Dorf liegt aber immer noch in den Bergen und vom Dorf in die nächstgrößere Stadt braucht man mindestens mehrere Stunden.

Dabei kommt Heidi ja gar nicht aus Südtirol, sondern aus der Schweiz (die Bücher stammen von der Schweizer Autorin Johanna Spyri, die Zeichentrickserie dagegen stammt aus Japan), aber das ist egal, Südtirol oder Schweiz, im Klischee verschmilzt das alles. Hier die Top-3 der skurrilsten Aussagen, die ich in den vergangenen Jahren heimlich belauscht und notiert habe: 

„Nein, Südtirol ist der Teil von Österreich, wo sie italienisch sprechen.“

„Südtirol ist ja alles. Da liegt ein Teil in der Schweiz und ein anderer in Italien. Alles in den Bergen nördlich von Mailand. Engadin und so zum Beispiel.“

„Wir waren in Sexten. Ja, das ist noch EU, grenzt aber an Slowenien.“

Wenn ich im Gespräch mit Bekannten richtigstelle, dass mein Heimatdorf knapp unter 300 Metern über dem Meeresspiegel liegt und München zum Vergleich knapp 500 Meter drüber, dann sind immer alle ein bisschen enttäuscht. Aber je mehr mir immer gesagt wird, wie toll doch Südtirol sei, wie schön das sein muss, da her zu kommen, wie gerne man da doch hinziehen würde und alle Sorgen hinter sich lassen, ein ganz neues Leben anfangen, irgendwo in einem Dorf in den Bergen, glückliche Menschen, ein paar Kühe, Speckknödel, Kaiserschmarrn, diese Luft!, diese Ruhe!, diese Ursprünglichkeit!, je öfter sie das einem sagen, desto mehr glaubt man irgendwann selber dran. Desto mehr hat man nur noch die schönen Sachen vor Augen und die nicht so schönen nicht mehr.

Und dann schaut man sich abends mal wieder die „Piefke-Saga“ von Felix Mitterer auf DVD an, die Kult-Serie über ein Tiroler Dorf mit deutschen Touristen, die jedes Jahr wiederkommen, und man lacht über die Klischees und denkt sich gleichzeitig: Aber genau so ist es ja! Diese Deutschen, genau so sind sie. Diese Tiroler, genau so sind wir.

Letztens war ich im Kino. „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder, der Frau des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht, der das Drehbuch geschrieben hat. In „Finsterworld“ geht es um Deutsche, die mit dem ganzen Wahnsinn um sich herum nicht so recht klar kommen. Kracht ist durch seinen Roman „Faserland“ berühmt geworden. Da geht es um ähnliches. Ein junger Dandy reist durch Deutschland und weiß nicht so recht was anzufangen mit sich selbst und mit der ganzen Unerträglichkeit, die ihn umgibt. Am Ende landet er in der Schweiz. Und Kracht schreibt über sein Heimatland: „Ich denke daran, daß die Schweiz so ein großes Nivellier-Land ist, ein Teil Deutschlands, in dem alles nicht so schlimm ist. (…) Alles erscheint mir hier ehrlicher und klarer und vor allem offensichtlicher. Vielleicht ist die Schweiz ja eine Lösung für alles.“ 

Die Flucht ins Klischee, die Lösung für alles. Schöner Schein.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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