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Schwarze Messe

Wer Gott sucht, findet ihn in den Hinterhöfen. Glaube, Liebe, Hoffnung – Teil 2

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Bild: Flickr, sorenly

Der Großteil der Berliner hat mit Gott nicht viel am Hut (siehe Glaube, Liebe, Hoffnung Teil 1). Kirchen und Religion prägen nicht das Stadtbild. Das Zentrum der Stadt, das ist kein Dom, keine Kirche. Berlin hat durch die jahrelange Teilung sowieso kein richtiges Zentrum und wenn man es unbedingt definieren will, dann ist es am ehesten das Brandenburger Tor.

Trotzdem: Berlin ist eine Stadt der vielen Kulturen und wo viele Kulturen sind, sind auch viele Religionsgemeinschaften. Man muss nur ein bisschen suchen, bis man sie findet. Man muss sich in die Moscheen reintrauen, mit den Muslimen sprechen. Man muss in den neubürgerlichen Ortsteil Prenzlauer Berg fahren, da beten sonntags in brechend vollen Kirchen junge Vater und Mütter, die irgendwann mal vor genau dem, was sie jetzt vorgeben zu sein, aus der Provinz geflohen sind. Es gibt sogar Krabbelgottesdienste. Das ist da en vogue jetzt.

Und dann gibt es noch diesen einen Hinterhof im Ortsteil Wedding, in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem viele Afrikaner wohnen. Da bin ich letztens hin, ich wollte sehen, wir dort der Gottesdienst gefeiert wird.

Holpriges Kopfsteinpflaster, Raucherkneipen, Glücksspielhöhlen, ein Spaziergänger mit Kampfhund, ein tiefergelegter Opel Kadett. Es ist Sonntagnachmittag, ein kleiner Gebetsraum, kurz vor 14 Uhr: Pastor Kingsley Arthur hat sich seinen traditionellen Umhang angezogen, ein goldgelbes Priesterkleid, bestickt mit silbernen Ornamenten. „Can I have a big Amen, when I say, the Lord is good?“, sagt er laut, schwingt mit den Hüften, reißt die Arme nach oben, schaut mit weit aufgerissenen Augen in den Raum. „Amen!“, schallt es zurück. „Yeah! Gooood!“, sagt er.

Ich erinnere mich an manche Kirchengänge in Südtirol: Der Pfarrer steht hinter dem Altar, murmelt etwas vor sich hin, die wenigen Gläubigen murmeln etwas zurück und starren auf den Boden. Alle dunkel gekleidet. Nach einer Dreiviertelstunde gehen alle raus, der Kopf immer noch zum Boden geneigt, kaum jemand redet.

Hier im Wedding ist alles anders. Kurz vor 15 Uhr: Alle stehen auf. Jetzt wird gesungen. Immer wieder kommen Gemeindemitglieder zur Tür herein. Eine Mutter kommt mit ihren vier Kindern. Sie trägt silberne Ohrringe, ein golden glänzendes Ed-Hardy-Oberteil, die Haare lila gefärbt. Die Kinder tragen goldene Turnschuhe, einer hat eine Baseballmütze auf, trägt sie schief, Rapperstyle. „Halleluja“, sagt der Pastor und umarmt sie alle. Dann setzt er sich ans Schlagzeug und gibt den Takt vor.

In den 1980ern, als Kingsley Arthur nach Berlin kam, gab es hier nur wenige Afrikaner. Er kam in eine graue Stadt, eine Mauer mit Stacheldraht und Scharfschützen durchzog sie. Die wenigen Afrikaner lebten in der ganzen Stadt verstreut, kannten sich kaum. Es war schwierig einen Job zu finden. „Er ist eigentlich qualifiziert, er hat die Kompetenz, aber er ist halt schwarz“, las Arthur Jahre später in den Akten einer Personalabteilung, die ihn damals ablehnte. Der Satz ging ihm nie wieder aus dem Kopf.

Als nach der Wende immer mehr Flüchtlinge nach Berlin kamen, gründete Pastor Arthur im Wedding die „International Christian Revival Church“. Die Ghanaer, Kameruner, Nigerianer, die von nun an nach Berlin kamen, zogen dorthin. Sie hatten davon gehört, dass die Stadt dort am afrikanischsten sei. Sie hatten gehört von einem Pastor, der dort predigt, nicht flüsternd, wie in den deutschen Kirchen, sondern laut und lebensfroh.

Und: Sie hatten gehört, dass im Wedding sogar die Straßennamen nach den Ländern ihrer Heimat benannt sind. Weil der Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck dort Ende des 19. Jahrhunderts einen „Kolonialpark“ errichten wollte, in dem afrikanische Menschen und Tiere ausgestellt werden sollten. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte das Vorhaben. Die Namen blieben: Togo-Straße, Kongo-Straße – Relikte aus der Kolonialzeit. Den Afrikanern im Wedding ist das egal – die Straßen klingen nach Heimat.

Der Gottesdienst dauert nun schon fast zwei Stunden. Der Raum ist mittlerweile voll, rund 50 Menschen sind da. Auftritt des Gospelchors, der aus Mitgliedern der Gemeinde besteht. Wieder stehen alle. Sie singen und klatschen. Oft eint die Afrikaner im Raum nur eins: die Hauptfarbe. Menschen aus Ruanda und aus dem Kongo kommen zum Gottesdienst. „In Afrika sind sie verfeindet, hier sind sie Freunde“, sagt Pastor Arthur. Weil sie ein gemeinsames Schicksal haben. Weil sie alle Fremde sind.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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