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Rosenkranz unter Schlafentzug

Tod und Trauer haben in Südtirol viel mehr Raum als in München.

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Bild: Flickr, Josef Simons

Vor einigen Monaten starb ein alter Mann, der in meiner Straße in St. Georgen wohnte. Es ist eine Sackgasse, an deren Eingang das Haus des Mannes steht. Meine Wohnung liegt weiter hinten. Drei Tage und zwei Nächte lang kam man mit dem Auto weder hinein noch hinaus. Während dieser Zeit war der Verstorbene in seinem Wohnzimmer aufgebahrt. Im Haus und davor auf der Straße wurde Rosenkranz gebetet, ununterbrochen, Tag und Nacht. Es war saukalt. 

Wie die Trauernden da standen, murmelnd und frierend im Kerzenschein, hat mich tief beeindruckt. Ich kam mir vor wie in ein vergangenes Jahrhundert versetzt. Rosenkranz beten, diese Sitte hat sich zwar auch bei mir daheim in Oberbayern gehalten. Aber nicht in dieser Intensität, und nicht in den eigenen vier Wänden. Ab und zu trifft sich dafür noch der harte Kern einer ländlichen Trauergemeinde vor der Beerdigung für eine knappe halbe Stunde in der Kirche.

Der Tod ist ein besonders wichtiges Thema für mich, so wichtig, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe. Darin kritisiere ich den heute üblichen Umgang mit dem Tod. Es ist ja eigentlich eher ein Nicht-Umgang. „In einer Stadt von der Größe meiner Heimatstadt München sterben täglich ungefähr 40 Menschen“, schrieb ich. „Doch man sieht so gut wie nichts davon. Man lebt, als würde nicht gestorben.“ Der Tod ist in abgeschlossene Reservate am Rand unserer Lebensräume verbannt: die Palliativstationen der Krankenhäuser, die Hospize, die Aussegnungshallen. Eine Aufbahrung zu Hause ist kaum noch üblich. So ausgiebig wie diese in St. Georgen wäre sie nur mit einer Sondergenehmigung des Gesundheitsamts erlaubt. Ein Menschenpulk, der eine öffentliche Straße blockiert, würde spätestens nach ein paar Stunden von der Polizei aufgelöst, Rosenkranz hin oder her.

Wenn ich an Beerdigungen in Südtirol und in München zurückdenke, dann fällt mir auf, wie viel mehr Raum so eine Veranstaltung in Südtirol hat. In München habe ich oft beeilte und unsichere Trauergäste beobachtet: kurz das Beileid bekunden und schnell wieder zurück in den Alltag. Die Riten der Kirchen sind vielen fremd und unangenehm. Oft werden sie nur am Rande abgewickelt. Aber neue Riten des Trauerns gibt es noch nicht.

Auf Beerdigungen in Südtirol habe ich dieses Unbehagen nicht erlebt. Tod und Trauer hatten viel mehr Raum. Das finde ich gut. Rosenkranz beten unter Schlafentzug wäre allerdings auch nicht meine Sache. Ich glaube, auch in Südtirol wäre es an der Zeit für neue Riten des Trauerns.

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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