Mein Coming-out

Unser Autor ist queer. In seiner Schulzeit wollte er nicht „schwul“ sein, das galt als uncool. Erst als Erwachsener outete er sich. Was bedeutete das?

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Bild: Honey Fangs/unsplash.com

Ich wollte nicht „schwul“ sein. „Schwul“ galt damals in meiner Schulzeit als uncool – und das tut es leider auch heute noch teilweise. Buben, die Buben liebten, galten damals als uncool, als „nicht normal“. Ich wollte „normal“ sein und habe mich daher lange versteckt und verstellt – auch vor mir selbst. Nur nicht als „anders“ auffallen, dass war meine Devise. Ein Coming-out kam daher für mich sehr lange nicht in Frage.

Das Coming-out, wörtlich das „Herauskommen“, ist eines der sensibelsten Themen für queere Menschen. Der Begriff kommt aus der englischen Redewendung „Comig out of the closet“, also „Aus dem Wandschrank kommen“. In einer Gesellschaft, in der heterosexuelle Beziehungen und cis-geschlechtliche Identitäten die Regel sind, in der es also normal ist, dass es nur Frauen und Männer gibt, man als solche geboren wird, und Frauen Männer lieben und umgekehrt, ist es für Menschen, die nicht dieser Regel entsprechen, immer eine Herausforderung, sich selbst zu akzeptieren und auch nach außen zu sich selbst zu stehen.

Der gesellschaftliche Druck durch das eigene Umfeld, etwa in der Schule, auf der Arbeit oder im Sportverein kann für queere Menschen sehr groß sein. Ich habe es selbst immer wieder erlebt, dass homophobe Witze und Sprüche in der Schulklasse oder in der Clique erzählt wurden. Da überlegst du es dir natürlich zwei mal, darüber nach zu denken, ob du queer bist.

Ich habe es selbst immer wieder erlebt, dass homophobe Witze und Sprüche in der Schulklasse oder in der Clique erzählt wurden. Da überlegst du es dir natürlich zwei mal, darüber nachzudenken, ob du queer bist.

Beim Coming-out werden zwei verschiedene Prozesse unterschieden. Da gibt es zum Einen das sogenannte innere Coming-out, womit der Prozess beschrieben wird, die eigene queere Identität zu akzeptieren. Zum Anderen gibt es das „äußere Coming-out“, worunter das Bekanntmachen der eigenen queeren Identität gegenüber anderen Personen oder Institutionen gemeint ist. Wie so ein Coming-out abläuft, ist immer unterschiedlich. Genauso wie es auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden kann. Bei manchen findet es schon in der Pubertät statt, bei anderen Jahre oder gar Jahrzehnte später. Es hängt schließlich auch davon ab, welche Art von Identität man enthüllt (also ob es sich um eine sexuelle und/oder geschlechtliche Identität handelt) und in welchem Umfeld man aufwächst oder aufgewachsen ist.

Das innere Coming-out kann ein längerer Prozess sein. Es gibt hier keine allgemeingültigen Regeln, da es immer ein individueller Prozess ist. Am Anfang steht öfters auch die Ablehnung der eigenen queeren Identität. So war es auch bei mir. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, mir ehrlich eingestehen zu können, dass ich bisexuell bin. Gleichgeschlechtliche Liebe galt im Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, größtenteils als ungewöhnlich, wenn nicht sogar als nicht normal. Auch ich selbst habe mir sehr lange eingeredet, dass es nicht normal sei, als Bub auf Buben zu stehen. Damit habe ich es mir im Grunde auch selbst schwer gemacht, einen Teil meiner sexuellen Identität auszuleben.

Wie so ein Coming-out abläuft, ist immer unterschiedlich. Genauso wie es auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden kann.

Die „Entdeckung“, dass ich auch auf Jungs stehe, hat mich sehr verunsichert. Mit der Zeit habe ich übers Fernsehen und andere Medien mehr über queere Lebensrealitäten kennengelernt. Das hat mir sehr geholfen, auch mich selbst zu akzeptieren. Insgesamt habe ich Jahre gebraucht, mir ehrlich sagen zu können, dass ich bi bin. Der Gedanke, dass es vielleicht doch nicht stimmt, dass ich mir alles nur einbilde, war einfach viel zu stark. Das Gefühl, nicht zu wissen, wie ich denn damit umgehen sollte, auch Buben oder Männer zu lieben, war in mir lange sehr groß. Vor allem aber war da die Angst, dass ich durch meine Bisexualität vielleicht in meinem Umfeld negative Erfahrungen erleben könnte. Sie hat mich sehr lange daran gehindert, frei über meine sexuelle Identität nachzudenken.

Heute weiß ich: Solche Ängste zu überwinden ist nicht sehr einfach. Manchmal hilft ein Gespräch mit einer Vertrauensperson, die vielleicht selbst queer ist oder von der man weiß, dass sie mit queeren Menschen zu tun hat. Eventuell kann man sich auch an queere Vereine wenden. Eine große Hilfe sind sicher Medienbegriffe und Accounts auf Sozialen Medien, die sich mit queeren Themen beschäftigen.

Vor allem aber war da die Angst, dass ich durch meine Bisexualität vielleicht in meinem Umfeld negative Erfahrungen erleben könnte. Sie hat mich sehr lange daran gehindert frei über meine sexuelle Identität nachzudenken.

Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: Sich selbst mit dem inneren Coming-out unter Druck zu setzen, sollte man nicht tun. Das innere Coming-out kann so schon stressig genug sein. Hat man es aber einmal hinter sich gebracht und das eigene queer-sein akzeptiert, ist es eine große Erleichterung. Das Gefühl endlich die eigene sexuelle Identität zu kennen und zu akzeptieren, war für mich sehr befreiend. Es hat sich ein bisschen so angefühlt, wie einen schweren Rucksack nach einer längeren Wanderung abzulegen.

Mit dem äußeren Coming-out verhält es sich anders. Es findet nämlich jedes Mal statt, wenn man die eigene queere Identität anderen gegenüber preisgibt. Das kann sich dann auch wieder jedes Mal anders abspielen. In meinem Fall habe ich mich zuerst vor zwei damals sehr engen Freund*innen geoutet, was mich sehr viel Überwindung gekostet hat. Es war immer die Sorge vor negativen Reaktionen mit dabei. Zu meiner großen Erleichterung haben sie sehr verständnisvoll reagiert und mich sogar bestärkt, zu mir zu stehen. Über die Jahre habe ich mich einigen wenigen Leuten anvertraut, vor den meisten aber habe ich meine Bisexualität verheimlicht. Die Gründe dafür waren unterschiedlich und ich habe mir angewöhnt zu meinem Selbstschutz das Thema zu vermeiden.

Das Gefühl endlich die eigene sexuelle Identität zu kennen und zu akzeptieren, war für mich sehr befreiend. Es hat sich ein bisschen so angefühlt, wie einen schweren Rucksack nach einer längeren Wanderung abzulegen.

Inzwischen habe ich großteils ein anderes Umfeld und bin mit einigen queeren Menschen befreundet, mit denen ich mich über unsere Erfahrungen ausgetauscht habe. Das hat mich sehr bestärkt auch offen zu meiner Bisexualität zu stehen. So dass ich mich inzwischen auch in meiner Familie und in der Öffentlichkeit geoutet habe. Dennoch stehe ich, so wie viele andere queere Menschen immer wieder vor der Situation, ein Coming-out zu haben. Ich muss mich und meine sexuelle Identität immer wieder erklären. Hin und wieder endet das dann in einem Kurzvortrag über Bisexualität. Das ist dann manchmal wirklich ermüdend und es zeigt mir immer wieder, wo in unserer Gesellschaft Barrieren existieren, die viele einfach nicht sehen, weil sie nicht betroffen sind.


 

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.

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