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Maschggra und Alaaf

Bonner Jecken im Berliner Regierungsviertel – Heimatgefühle zur Faschingszeit.

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Bild: Flickr, HDvalentin

In meinem Südtiroler Heimatdorf wird jetzt Maschggra gefeiert. Maschggra ist so ziemlich das Wichtigste, was es in meinem Heimatdorf gibt. Wichtiger noch als Fußball. Und Fußball ist sehr, sehr wichtig dort. Ich bin mit Maschggra aufgewachsen. Ich weiß wie Maschggra riecht, wie es sich anhört. Es ist tief in mir drin. Auch wenn ich schon seit Jahren nicht mehr zur Maschggra-Zeit daheim war.

Maschggra ist hier in Berlin weit, weit weg. Ich schaue mir Fastnachtssitzungen in der ARD an: Das ist nicht mein Maschggra, nicht mein Fasching. Das ist für mich so eine Mischung aus Carmen Nebel, Fernsehgarten und Musikantenstadl. 

In München feiern sie Fasching. Im Rheinland fiebern alle dem Karnevalshöhepunkt entgegen. Die Berliner haben es nicht so mit dem Fasching. Ich laufe durch die Stadt: Keine Verkleideten in der U-Bahn. Nichts. Nur da, wo man es am wenigsten vermuten würde, gibt es eine kleine Karnevalsinsel: im Regierungsviertel. Da, wo sonst nichts los ist, wo sich sonst nur Politiker, Journalisten und Touristen tummeln, da huschen in diesen Tagen Clowns, Prinzessinnen, Piraten und Musketiere um die Ecken. 

Sie treffen sich in der Ständigen Vertretung. Die Ständige Vertretung ist ein Lokal gleich hinter dem Reichstag. Es ist die Stammkneipe der vielen Bonner, die im Berliner Regierungsviertel arbeiten. Sie sind 1999, als die Bundesregierung von der alten Hauptstadt in die neue Hauptstadt gezogen ist, mit nach Berlin gekommen. Hier in der Ständigen Vertretung haben sie sich ein kleines Stück Rheinland geschaffen. Das ganze Jahr über sitzen hier Touristen am Fenster und Politiker in den Hinterzimmern. Manchmal sitzt auch außerhalb der Karnevalszeit ein Verkleideter am Tresen, ein Schauspieler aus dem Berliner Ensemble, das gleich um die Ecke seine Bühne hat. Er trinkt noch schnell einen Schnaps, bevor er seinen Auftritt hat. 

Ein Freund aus Bonn hat mich nun mitgenommen. „Du bist ist auf der Suche nach Karneval? Den kann ich dir zeigen“, hat er gesagt. Hinter der Eingangstür der Ständigen Vertretung bin ich plötzlich in einer anderen Welt. Inmitten von Jecken, wie die Rheinländer sagen. 

Sie trinken Kölsch. Kölsch ist ein helles, obergäriges Vollbier. Die Kellner servieren es in kleinen Gläsern. Zwei, drei Schluck, dann ist es ausgetrunken, der Kellner serviert ein neues Kölsch und macht mit seinem Bleistift einen Strich auf den Bierdeckel. So funktioniert das.

Sie singen Karnevalslieder. Sie singen: „Nä, wat wor dat dann fröher en superjeile Zick, mit Träne in d'r Auge loor ich manchmol zurück. Bin ich hück op d'r Roll nur noch half su doll, doch hück Naach weiß ich nit wo dat enden soll.“

Ich verstehe kein Wort. Mein Kumpel hat Tränen in den Augen. Es wird geschunkelt und gebützt (so nennt man im Rheinland das, was wir busseln nennen). Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, so als ob ich bei Carmen Nebel wäre. Oder im Fernsehgarten. Oder beim Musikantenstadl. Nach dem zehnten Kölsch ist alles gut. Ich singe mit.

Das hier, dieses geballte Gefühl in der Ständigen Vertretung, ist das, was man Heimat nennt.  

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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