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Kaffee und Caffè

Italienischer Espresso vs. deutsche Kaffeekultur – der Piefke weiß dies zu trennen.

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Bild: Flickr, Adrian Dreßler

Ich schreibe diese Zeilen in einem Café am Brunecker Graben. Es ist Nachmittag. Neben dem Laptop steht ein Cappuccino. Man hat ihn mir anstandslos gebracht, obwohl das ja nun überhaupt nicht geht, Cappuccino am Nachmittag. Kaffeedogmatiker trinken ihn nur zum Frühstück. Aber ich darf das, ich bin Piefke. Wir trinken Cappuccino sogar nach dem Abendessen. Pandämonium!

Dahinter stecken, so vermute ich, zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Bohnenheißgetränk. Der Italiener pflegt, wie aus Film und Fernsehen bekannt ist, zügig die Bar zu betreten, seinen Caffè im Stehen zu trinken, einen Euro fünfzig auf den Tresen zu legen und weiter seines Weges zu gehen. Für mich hingegen ist Kaffeetrinken eine gemächliche Angelegenheit: stundenlang zum Bücherlesen zum Beispiel, aus einer geräumigen Thermostasse von Starbucks. Mit einem Espresso würde ich nicht über das Inhaltsverzeichnis hinauskommen. Oder zum Bücherschreiben. Mein letztes Buch habe ich zum größten Teil im Café Marais in München geschrieben. In Südtirol habe ich noch nie jemanden im Café arbeiten gesehen, abgesehen vom Personal und von mir. 

Nirgends sonst ist Südtirol so einhellig italienisch wie beim Kaffee. Allenfalls für die „Gäschte” braut man schnell einen Nescafé, ansonsten herrschen Espresso & Co. vor. Kein Wunder, dass der BARFUSS-Berlinkorrespondent Lenz Koppelstätter in Sachen Kaffee von Heimweh geplagt wird. „Einfach schnell irgendwo einen Kaffee trinken, das geht hier nicht”, beklagt der Kollege. Schnell Kaffee trinken ist in Deutschland so no-no wie die (!) abendliche „Latte matschiato” in Italien.

Gleichzeitig aber möchte sich der deutsche Kaffeetrinker doch auch ein bisschen italienisch fühlen, und setzt sich dabei wieder mal zwischen die Stühle. In manchen Kaffeebars im angesagten Münchner Glockenbachviertel hat der „große Cappuccino” ein Volumen von einem halben Liter und enthält fünf Shots Espresso.

Bevor ich mir mit solchen Koffeinmonstern einen Flatterpuls antrinke, halte ich die beiden Kaffeekulturen lieber getrennt. In meiner Brunecker Wohnung steht die Bialetti am Herd. In München gieße ich grob gemahlenen Kaffee in der Cafetière auf und füge einen Schuss ungeschlagene Schlagsahne hinzu. Uncool. Aber köstlich. Probier’s doch mal, Kollege.

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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Wie immer treffend beobachtet und schön formuliert. Aber: 1,50€ für einen Espresso? Das muss entweder in Venedig am Markusplatz gewesen sein - oder in Deutschland.

Stimmt. Das war aus meiner deutschen Preisintuition heraus geschrieben. 1,50 für einen Espresso sind noch günstig in Deutschland. An der Hotelbar darfst du auch mal 3 oder 4 Euro hinlegen.

Na ja, hin und wieder ratschen und tratschen auch SüdtirolerInnen nicht ungern und durchaus ausgiebig bei einem Kaffee ... aber es stimmt schon, der arbeitende Mensch ist im Café dann doch eher die große Ausnahme. Schade, habe in Kaffeehäusern u. Ä. immer sehr produktiv getextet ...

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