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König Calcio

Zwischen Serie A und Bundesliga. Deutsch-italienische Fußballkultur – Teil 1.

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Bild: Flickr, cznr

Ich bin Inter-Mailand-Fan. Ungefähr seitdem ich acht bin. Meine beiden Cousins sind Juventus-Turin-Fan, der eine, und AC-Mailand-Fan, der andere. Ungefähr mit acht, als in der Schule die Aufkleber für die Serie-A-Stickeralben unter der Schulbank gehandelt wurden, musste man sich entscheiden. Ungefähr mit acht, kurz vor der Weltmeisterschaft in Italien, hielt die deutsche Fußballnationalmannschaft im Nachbardorf ihr letztes Trainingslager ab. Mein Onkel nahm mich mit zum Training, da standen dann Lothar Matthäus auf dem Platz, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann, drei Stars von Inter Mailand. Da war meine Entscheidung gefallen.

Mit der Bundesliga hatten wir damals überhaupt nichts am Hut. Vielleicht, weil die Bundesliga damals tatsächlich nicht so gut war, wie heute viele sagen, dass sie ist. Vielleicht, weil es damals noch kein Sky gab, noch nicht einmal Premiere, es gab nur die Sendung „90º minuto“ auf einem der Rai-Kanäle, die wir jeden Sonntagabend schauten. Es gab ein paar Bayern-Fans bei uns in der Klasse, aber die waren in der Minderheit. Später dann, als wir Jugendliche waren, war das schon anders. Da liefen die Bundesliga-Spiele in der Tennisbar. Wenn Bayern spielte, war die Bar voll, wenn Bayern, wie fast immer, Meister wurde, wurde da gefeiert. Die Serie A geriet in den Hintergrund.

Heute, in meinem Leben in Berlin, bin ich umgeben von Bayern-Fans. Und Dortmund-Fans und Köln-Fans und Bremen-Fans und Hertha-Fans und Union-Fans. Ich verfolge die italienische Liga kaum noch, nur wenn das Mailänder Derby ansteht, dann fahre ich mit der U-Bahn durch die halbe Stadt an den Wittenbergplatz, da gibt es eine italienische Fußballkneipe, da sitzen dann einige ältere Exil-Italiener, Milanisti und Interisti, sie trinken Espresso, bestellen Spaghetti Aglio e Olio, fachsimpeln und schimpfen dem Fernseher entgegen, freuen sich, ärgern sich und bestellen nach dem Abpfiff noch einen Grappa oder einen Montenegro. Ich gehöre da natürlich nicht richtig dazu. Sie denken ich bin ein Deutscher und fragen mich, warum um Gottes Willen ich eigentlich Inter-Fan bin.

Samstagnachmittag, 15.30 Uhr in Deutschland: Da sitzen jeden Samstag junge Berliner in den Fußballkneipen, die Freundinnen machen derweil ihre Kaffeekränzchen oder Freundinnenspaziergänge, in den Kneipen wird Bier getrunken oder wenn Freitagabend zuvor schon zu viel Bier getrunken wurde, dann hat ein Alster (so heißt Radler in Norddeutschland). Junge Deutsche in Kneipen schauen anders Fußball als alte Italiener in Bars: Sie trinken dabei mehr. Sie zeigen mehr Emotionen, verkehrte Welt. Sie wollen Tore sehen, Offensivfußball. Ein taktisch kluges Einszunull gefällt ihnen nicht. Noch ein Unterschied: Bei Champions-League-Spielen sind fast alle Deutschen immer für deutsche Mannschaften. Ein Bremen-Fan jubelt dann plötzlich emotionsgeladen, wenn Bayern ein Tor gegen irgendeinen Verein macht. Das kann ich bis heute nicht verstehen. Das kenne ich von meinen Serie-A-Freunden nicht. Viel wichtiger, als dass Inter die Champions League gewinnt, ist mir eigentlich, dass Milan oder Juve nicht gewinnen.

Auch im Stadion ist das Gefühl in Deutschland ganz anders als in Italien. Mit meinem Onkel und meinen beiden Cousins war ich in Verona zu ersten Mal im Stadion, Verona gegen Milan, da war ich wohl zehn oder so. Nach dem Spiel herrschte Krieg vor dem Stadion. Brennende Müllcontainer, Polizeisirenen, Tränengas. Als ich in Bologna studierte, schlichen wir uns rund zwanzig Minuten vor Spielende, als die Security die Tore bereits wieder geöffnet hatte, in die Kurve. Immer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, immer mit dem Gefühl, man bekommt jetzt gleich ordentlich eine verpasst.

Als ich als Student in Deutschland zum ersten Mal im Stadion war, das war in München damals, da trafen wir uns vorher im Biergarten. Da saßen dann die Bayern-Fans und die Fans der anderen Mannschaft, die ich vergessen habe, alle hatten eine Maß in der Hand und sangen sich ihre Schmählieder entgegen. Wir saßen mittendrin, es war ein Riesenspaß, Angst hatte ich da nicht. Auch im Stadion nicht.

Für wen ich eigentlich sei, werde ich auch samstags in den Kneipen unter Bundesliga-Fans gefragt. Für Inter Mailand, sage ich dann und muss erklären, warum das so ist. Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Ist das der Scheißverein, der dem Berlusconi gehört, fragen sie dann. Nein! Sind da auch alle Tifosi Rassisten, wie bei Lazio Rom? Nein, ich glaube, in keinem Verein sind alle Tifosi Rassisten. Ist da das Stadion auch immer leer? Oft ja, sage ich. Aber nicht beim Derby!

Letztens, schon ein paar Tage vor Weihnachten, war ich in Südtirol. Das Derby stand wieder an. Ich habe es zusammen mit Freunden bei einem alten Schulfreund zu Hause geschaut. Ein paar Interisti waren da, ein paar Milanisti. Der Gastgeber hat eine Pasta gekocht, wir haben eine Flasche Wein aufgemacht, ein grottenschlechtes Spiel, ein wunderschönes Hakentrick-Tor von Palacio irgendwann nach der 80. Minute. Derbysieg! Ein wunderschöner Abend. Erinnerung an Kindheit und Jugend.

Und dann ist da noch die Sache mit den Nationalmannschaften, aber das ist ein anderes Kapitel – eins fürs nächste Mal. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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