Im Großstadtdschungel

Am 1. Mai zeigt sich Berlin von seiner chaotischsten Seite.

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Bild: Flickr, Andreas Lehner 2014

Bald ist wieder 1. Mai. Am 1. Mai herrscht Chaos in Berlin. Noch mehr Chaos als sonst. Der 1. Mai ist eine Mischung aus großem Volksfest und politischer Protestkundgebung. Am 1. Mai trifft sich ganz Berlin auf den Straßen Kreuzbergs – ein großes, schönes Durcheinander. Musik aus aller Welt, viele Stände mit kulinarischen Köstlichkeiten aus aller Welt, Menschen aus allen Ländern der Welt, die hier in Berlin gemeinsam leben und feiern. An jeder Ecke politische Aktivisten, die ihre politische Message kundtun: „Internationale Solidarität“ oder „Mindestlohn für alle“ oder „Freiheit für Kurdistan“ oder „Keine Bullen in Kreuzberg“. An einigen Ecken Randalierer, die sich mit der Polizei anlegen. Mancherorts Flaneure. Überall immer mehr 1.-Mai-Touristen, die sehen wollen, ob es irgendwo kracht, wo es kracht, wie sehr es kracht. Ein bisschen Revolution liegt in der Luft, oder zumindest das, was Provinzkinder, die nach Berlin gezogen sind und hier vom Taschengeld ihrer Eltern leben, dafür halten. Spätestens abends kracht es dann meistens tatsächlich. Dann gehen meistens irgendwo in Kreuzberg die Krawalle los. Ein paar Autos brennen, die Scheiben von ein paar Banken werden eingeschlagen. Der ganz normale 1.-Mai-Wahnsinn.

Der 1. Mai in Berlin. Ein bisschen Routine nach all den Jahren, ein bisschen langweilig geworden. Die, die ihn schon öfters erlebt haben, schlendern mit inszenierter Gleichgültigkeit an den Polizeisperren vorbei oder hauen ein paar Tage ab, fahren an die Ostsee oder nutzen das verlängerte Wochenende für eine Wanderung in den bayerischen Alpen. Wie sich das dreht nach ein paar Jahren: Als ich das erste Mal den 1. Mai in Berlin erlebt habe, war ich beeindruckt. Das ist die Großstadt! Das ist der Dschungel, Baby! Das Rattern der U-Bahn, die Menschenmengen, anything goes, all das, was man als Jugendlicher in der Provinz vermisst hat. Herbeigesehnt hat. All das, was nun geballt auf einen hereinbrach. Man hat ja ständig das Gefühl irgendetwas zu verpassen, als Jugendlicher, und nun lag es plötzlich alles da vor einem: die große, weite Welt, hier inmitten der Stadt, in der man jetzt lebte, hier in Berlin. 

Chaos statt Beschaulichkeit. Doch auch das Chaos wird beschaulich irgendwann. Man schlendert also durch Kreuzberg am 1. Mai. Fragt sich, wie so etwas funktionieren kann, so eine Großstadt mit so vielen Menschen, unterschiedlichen Menschen, mit Büromenschen, mit Yuppies, mit Punks, mit Altlinken, mit Kindern, mit Rentnern, mit Hartz-IV-Empfängern, mit Multimillionären, mit einem Bürgermeister, der es nicht hinbekommt, einen Flughafen fertig zu bauen. Alles gemeinsam auf so einem Raum. Das frage ich mich nach all den Jahren immer noch: Wie ist es möglich, dass in all dem Chaos doch irgendwie alles auf irgendeine Weise funktioniert? Das Rätsel der Gesellschaft. Unterwegs in Kreuzberg am 1. Mai. Man trinkt an dem einen Stand einen Caipirinha, geht kurz in den Görlitzer Park auf die Outdoor-Techno-Party und denkt sich nach zwei Stunden, ach wäre ich doch nur mit den anderen in die Alpen zum Wandern gefahren. Und dann kracht es tatsächlich wieder ein bisschen in Kreuzberg und dann ist der 1. Mai auch schon wieder vorbei und die Zeitungen schreiben am nächsten Tag darüber, ob es diesmal nicht ganz so heftig war wie das Jahr davor, oder doch etwas heftiger. Und man verspricht sich selbst, das nächstes Jahr ganz sicher mit den anderen mit an die Ostsee zu fahren – oder eben in die Alpen.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.

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