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Kommentar zur Quarantäne

Ich bin ein Kind, holt mich hier raus!

Wenn ein Kindergartenkind positiv ist, geht derzeit die ganze Gruppe in Quarantäne. Nicht infizierte Kinder müssen zehn Tage in Quarantäne bleiben und dürfen sich nicht freitesten lassen. Unsere Autorin Barbara Plagg über eine Gesellschaftsgruppe, die in der Pandemie schon zu oft vergessen wurde.

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Bild: qiangxuer/pixabay.com

Wenn Sie eine Mutter oder ein Vater mit einem kleinen Kind unter fünf Jahren sind und inzwischen nicht mehr wissen, was und wie und welche Quarantäneregeln noch oder wieder und für welches Familienmitglied gelten, dann halten Sie sich einfach an die Daumenregel: Je kleiner, desto länger. Das ist die Kurzformel für: Weil mal wieder keiner an Kinder unter fünf Jahren gedacht hat, sitzen sie (mal wieder) gerade zu Hunderten bis zum Sankt Nimmerleinstag negativ und symptomlos in einer negativen und symptomlosen Familie fest. Die Kleinen unter fünf Jahre sind aktuell nämlich zehn Tage in Quarantäne, wenn ein Kindergartenkollege oder eine Kindergartenkollegin positiv getestet wurde und selbst wenn sie sich nicht infizieren und immer negativ bleiben, können sie sich nicht — wie wir Erwachsenen — nach sieben Tagen „freitesten“ lassen.

Warum nur, mag sich nun der eine oder andere denken, sind diese kleinen Menschen irgendwie besonders infektiös, besonders gefährlich, verhält sich bei denen der Omikron-Inkubationszeitraum irgendwie anders, fallen wir alle tot um, wenn wir negative Kinder draußen spielen lassen? Ich kann Sie beruhigen: Dem ist nicht so. Die Zehn-Tage-Regel gilt für Kinder unter fünf Jahren deswegen, weil man damit eigentlich Ungeimpfte „bestrafen“ will. Und weil in Italien noch immer nur Autositze und nicht Politikersessel piepsen, wenn man die Kinder vergisst, ist mal wieder niemandem aufgefallen, wen man damit vor allem bestraft: kleine Kinder nämlich, denn unter Fünfjährige sind ja alle nicht geimpft. Und damit natürlich nicht nur die, denn zu jedem Kleinkind gehört eine Mami oder ein Papi und die jetzt vollgeboostert zuhause sitzen und deren schlechtes Gewissen gegenüber der Arbeitgeberin oder dem Arbeitgeber nur vom schlechten Gewissen gegenüber dem Kind, das man schon wieder vor Peppa Wutz parken muss, getoppt wird.

Und hier wird es jetzt besonders interessant: Gerade geimpfte Eltern sind im Vergleich zu ungeimpften blöderweise noch blöder dran, weil Geboosterte inzwischen nicht mal mehr die Quarantäne kriegen, um bei den Kids zu bleiben und ohne Quarantänebescheid keine Sonderelternzeit (die man sich mit 50 Prozent Einkommen auch erstmal leisten muss und auf die sowieso viele, wie zum Beispiel Selbstständige, kein „Anrecht“ haben). So sitzt Mami geboostert und gearscht mit ihren Kleinkindern dort, wo sie schon im April 2020 saß. Es gibt etwa pumperlegesunde Kindergartenkinder, die seit Weihnachten ganze fünf Tage im Kindergarten waren und dass der alte Marathon Homeoffice und Kinderbetreuung schlicht nicht machbar ist, dazu ist die Studienlage nach zwei Jahren wirklich eindeutig. Und eindeutig ist auch, dass immer dort, wo eine Präventivmaßnahme zwar theoretisch gut klingt, aber praktisch nicht umsetzbar ist, der Mensch das tut, was er bekanntlich häufig tut: Er schafft sekundäre Gefährdungssituationen.

Es gibt etwa pumperlegesunde Kindergartenkinder, die seit Weihnachten ganze fünf Tage im Kindergarten waren und dass der alte Marathon Homeoffice und Kinderbetreuung schlicht nicht machbar ist, dazu ist die Studienlage nach zwei Jahren wirklich eindeutig.

Sobald Bildungsinstitutionen geschlossen sind und Eltern sich selbst überlassen werden, müssen sie sich irgendetwas überlegen, um den Erhalt der eigenen Arbeit garantieren zu können und die Kinder nicht unbeaufsichtigt zu lassen und nicht alles davon ist eine gute Lösung und manches sogar eine ziemlich blöde Idee. Es häufen sich die Meldungen, dass Eltern insgeheim „hoffen“ und im schlimmsten Fall dezidiert riskieren, dass sich das eigene Kind ansteckt, damit es endlich wieder so krasse Sachen wie Fussballspielen mit Freunden, Rutschbahnfahren auf dem Spielplatz und in den Kindergarten gehen machen kann. Nun kann man beim besten Willen nicht dafür sein, dass man Kinder, nachdem man sie monatelang weggesperrt hat, jetzt auch noch aktiv durchseucht. Denn Long Covid ist gewiss kein Spass, weil viele Langzeitfolgen noch unklar sind und insgesamt ist das niemandem zu wünschen, aber dieser traurige Gedanke ist die direkte Konsequenz einer Gesundheitspolitik, die seit zwei Jahren zwar massive Sicherheitsbestreben zeigt, sich insgesamt aber ratlos präsentiert, wenn es um den Schutz von Kindern geht.

Bereits letztes Jahr im Lockdown im Februar sahen sich arbeitstätige Eltern gezwungen, trotz Verbot Angehörige und Bekannte „illegalerweise“ in die Kinderbetreuung zu involvieren, in den meisten Fällen war es die Hauptrisikogruppe der (damals noch ungeimpften) Großeltern — soviel zum Thema sekundäre Gefahrensituation. Und viel zu oft wurden Kinder unbeaufsichtigt gelassen und stundenlang vor Paw Patrol geparkt. Viel zu oft sind Kinder aus der Schule und ihrem Sozialgefüge rausgekippt. Viel zu oft waren viel zu viele Kinder mit Homeschooling überfordert. Viel zu lange sind die Jüngsten erst zum Schutze der Älteren eingesperrt worden und müssen jetzt — weil der Impfstoff nur für die Älteren entwickelt wurde — halt entweder eingesperrt bleiben oder durchseucht werden. Ist das jetzt ernsthaft die Lösung, die wir für die Kleinsten unserer Gesellschaft haben? Zwei Jahre sind nicht die Welt, das geht schon, denken Sie? Zwei Jahre sind für einen Vierjährigen genau die Hälfte seines Lebens und im Zeitgefühl eines Dreijährigen ist ein Winter eine Ewigkeit.

Viel zu lange sind die Jüngsten erst zum Schutze der Älteren eingesperrt worden und müssen jetzt — weil der Impfstoff nur für die Älteren entwickelt wurde — halt entweder eingesperrt bleiben oder durchseucht werden. Ist das jetzt ernsthaft die Lösung, die wir für die Kleinsten unserer Gesellschaft haben?

Ähnlich dämlich wird nun die eine oder andere denken, ob man jetzt sieben oder zehn Tage mit einem gesunden Kleinkind in der Stube sitzt, ist doch inzwischen auch schon wurscht und das wäre vielleicht im Mai 2020 noch ein nachvollziehbarer Gedanke gewesen, nicht aber im Januar 2022: Denn wenn nun in einem Kindergarten 120 Kindergartenkinder in Quarantäne sind, fehlen jeden Tag, an dem sich ihre gesunden Kinder nicht freitesten lassen dürfen, irgendwo 120 Mamis oder Papis. Und spätestens seit letzter Woche, als rund 50 Prozent aller Kindergartengruppen und damit hunderte von Kindern und Eltern in Quarantäne waren, rutscht die ganze Präventivmaschinerie zunehmend in einen Systemkarambolage, bei der hinten alles wegbricht, was man vorne zu stopfen versucht. Unabhängig davon ist es ja tatsächlich schon ein Unterschied, ob man im Juli noch 20 Tage oder nur mehr elf Tage Urlaub übrig hat — von den finanziellen Einbußen ganz zu schweigen.

Deswegen nein, es ist eben nicht wurscht, ob man sieben oder zehn Tage zuhause sitzt und es ist genauso wenig wurscht, ob die Verordnung, heute, nächste Woche oder Mitte Februar geändert wird: Jeder Tag zählt. Nicht aber für Rom, heißt es, weil man muss erst noch die Wahl des Staatspräsidenten abwarten und das ist doch mal eine Aussage, mit der unsere Kleinkinder leben können! Sorry, du bist zwar seit sieben Tagen negativ und gesund und wir Erwachsenen dürfen schon wieder draußen rumspringen, du aber darfst noch nicht auf den Spielplatz zu deinen Freunden, weil erst noch der Staatspräsident gewählt, der Nahostkonflikt gelöst und der Brennerbasistunnel fertiggebaut werden muss. Sollte ihr Dreijähriges dafür kein Verständnis haben, könnten Sie ihm ja anstatt eines Märchenbuches die gestrige Ausgabe der „Südtiroler Tageszeitung” vorlesen und ihm erklären, dass die andere Hypothese, warum er nach sieben Tage noch immer nicht mit seinen Freunden spielen darf, am parteiinternen Machtkampf liegt oder halt auf jeden Fall daran, dass man irgendwie auf Rom wartet oder vielleicht auch nicht, weil man auf jeden Fall ab Mittwoch dann von einem Extrem ins nächste schießt und Gruppen erst ab 50 Prozent Infizierter in die Quarantäne schickt.

Sorry, du bist zwar seit sieben Tagen negativ und gesund und wir Erwachsenen dürfen schon wieder draußen rumspringen, du aber darfst noch nicht auf den Spielplatz zu deinen Freunden, weil erst noch der Staatspräsident gewählt, der Nahostkonflikt gelöst und der Brennerbasistunnel fertiggebaut werden muss.

Über die Ausrede, dass man jetzt nicht irgendwelche Maßnahmen vorgreifen will, wenn es doch eh bald Lockerungen von Rom gibt, weil das dann für Chaos sorgen würde, kann man als Elternteil aktuell nur noch müde lächeln. Ist es nach der einen millionsten Covid-Verordnung wirklich zu viel verlangt, für Kinder erstmal eine mittelmäßige Erleichterung zu verordnen, bis eine umfassendere kommt? Ist da wirklich nicht mehr drin? Interessant natürlich, was sonst in der Pandemie alles so drin war: Sonderwege, Fussball-WM, Automobilgipfel, Fluglinienrettung in Millionenhöhe, öffnen der Gastronomie mitten in der dritten Welle und und und. Aber die Kinder, bei den Kindern ist das jetzt natürlich zu mühsam mit einer Zwischenerleichterung.

So warten wir auf Rom oder vielleicht doch nicht, krebsen weiter Tag für Tag mit sinnlosen Regelungen dahin, die dem Inkubationszeitraum, dem Wirkungsmuster und dem Verhalten Omikrons nicht mehr entsprechen und ein bisschen so wirken, als wäre man einerseits planlos und andererseits trotzig genug, um an der Planlosigkeit weiter festzuhalten. Ganz nebenbei gipfelt das Regelwerk dann in epidemiologischen Absurditäten, wenn etwa negative Kinder sich nicht freitesten, genesene Kinder aber selbst dann draußen rumspringen dürfen, wenn der Rest der Familie auf dem Sofa hochpositiv aus dem letzten Loch pfeift. Die letzthin geforderten und abgeschmetterten sieben Tage wären dabei noch immer ein ausgesprochen sicherheitsorientierter Kompromiss gewesen: Unsere Nachbarländer haben inzwischen für negative Kinder gar keine Quarantäne mehr oder nur wenige Tage, wenn mehrere positive Fälle gleichzeitig im Kindergarten und in der Kita auftreten.

Ganz nebenbei gipfelt das Regelwerk dann in epidemiologischen Absurditäten, wenn etwa negative Kinder sich nicht freitesten, genesene Kinder aber selbst dann draußen rumspringen dürfen, wenn der Rest der Familie auf dem Sofa hochpositiv aus dem letzten Loch pfeift. 

Nun ist die Pandemie ein Prozess und erfordert das flexible und möglichst unbürokratische Anpassen der Maßnahmen an neue wissenschaftliche Evidenz, die jeweilige Variante und das alles mit besonderer Beachtung vulnerabler Gruppen. Dabei ist auch einiges gelungen und nicht alles grundsätzlich zu verteufeln, denn apropos psychische Gesundheit: Weil inzwischen alle Seiten kindisch verhärtet sind und nur noch über Impfungen streiten und alles andere vergessen, kann man einzelne nicht-medikamentöse Präventivmaßnahmen, die nicht adäquat sind, nicht mehr sachlich kritisieren, ohne dass man nicht gleich eine Horde Trittbrettbrüller am Rockzipfel hängen hat. Das ist beides so nervig wie sinnlos, deswegen soll hier auch gesagt sein: Es gibt nicht „das System“, sondern nur Menschen im System, die am anderen Ende der Grünen Nummer, der Kindergartendirektion und der Sonderelternzulage sitzen und selbst keinen Bock mehr auf diese ganze Pandemie haben. Besonders in den Kindergärten sind die Leiterinnen und pädagogischen Mitarbeiterinnen seit zwei Jahren und unter großem persönlichen Einsatz bemüht, den Kleinsten unserer Gesellschaft eine kleine heile Welt in einer zunehmend absurden zu bieten.

In den unteren und mittleren Führungsebenen des Sanitäts- und Bildungsbetriebes hackeln viele Menschen seit Monaten weit über ihren Ressourcen, versuchen Lösungen zu finden, Maßnahmen individuell anzupassen, dem erhöhten Kommunikationsbedarf trotz mangelnder Ressourcen beizukommen und Vorschläge evidenzbasiert auszuarbeiten
 - allein, was nützt das alles, wenn ganz oben Staatspräsidenttombola und Machtkampfbingo gespielt wird und der Rest der Gesellschaft damit zu beschäftigt ist, sich im Kanon gegenseitig wahlweise als „Schwurbler“ und als „Diktatoren“ niederzubrüllen? Was bleibt ist die Sicherheit, dass es für Kinder bald Lockerungen geben wird. Nur eines muss klar sein und sagt beschämend viel über unser Gesellschafts- und (Sozial)politiksystem aus: Das hätte deutlich früher gehen müssen.


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