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Hass, Hass, Hass

In Südtirols Online-Foren wird geschimpft und beleidigt was das Zeug hält. Warum bloß?

Im Internet kann jeder sein, was er will. Wer einen Streifzug durch Südtirols Online-Welt unternimmt, stellt fest, dass sich immer mehr Menschen dazu entscheiden in die Rolle des schimpfenden Grobians zu schlüpfen. Das führt dazu, dass sich wildfremde Menschen in den Kommentarspalten wie in einem Duell eines Westernstreifens gegenüberstehen. Nur feuern sie keine Kugeln ab, sondern ballern mit Anfeindungen, verbalen Attacken unter der Gürtellinie und Halbwahrheiten um sich. Besonders eindrucksvoll lässt sich dies bei kontroversen Themen wie Politik (Stichwort Ausländer), Heimat (Stichwort Südtirol-Identität) oder Musik (Stichwort Frei.Wild) beobachten.

Eigentlich ist die Kommentarfunktion bei Facebook, stol oder tageszeitung.it eine tolle Sache. Der User wird eingebunden, kann seine Meinung kundtun und im besten Fall entwickelt sich eine fruchtbare Diskussion mit Pro und Kontra-Argumenten. Warum ist das so selten der Fall? Warum schlägt eine Diskussion im Netz so häufig in Gehässigkeit um? Vielleicht liegt es an der Anonymität des Internets, dass die Menschen lieber Dampf ablassen, anstatt ihre Position mit sachlichen Argumenten zu untermauern. Wir müssen uns ja nicht alle liebevoll in die Arme fallen. Ich bin durchaus ein Freund von klaren Worten. Aber wenn ich zum hundertsten Mal in irgendeinem Kommentar lese, dass EU und Ausländer an der ganzen Misere Schuld sind und die Politik „ein einziger Saufhaufen” ist, dann bringt uns das auch nicht weiter.

Na gut, ich will die Situation jetzt nicht überdramatisieren. Natürlich gibt es auch aufmerksame User, die wichtige Informationen ergänzen, ein aufrichtiges Lob an der richtigen Stelle anbringen oder mit lustigen Kommentaren die Community zum Schmunzeln bringen. Es gibt darüber hinaus noch salto.bz und eine Reihe von Blogs, die sich das ehrenwerte Ziel gesteckt haben, eine anständige Diskussionskultur im Netz zu etablieren.

Trotzdem: Oft ist der Umgangston bei den Debatten rau oder verletzend. Differenzierte oder ausgewogene Ansichten sind selten. Gerade in sozialen Netzwerken gewöhnen wir uns immer mehr daran, nur noch in stumpfen Kategorien wie Fail, Win, Like oder What the fuck zu denken. Rechtschreib- und Grammatikregeln sind längst überflüssige Normen aus vergessenen Tagen geworden.

Niveaulose oder beleidigende Kommentare im Netz sind natürlich kein Phänomen, das sich auf Südtirol beschränkt. Der SPIEGEL-Redakteur Hasnain Kazim bekommt so viele Beschimpfungen zugeschickt, dass er es sich zum Hobby gemacht hat, die schrägsten Postings zu dokumentieren. Highlights seiner Sammlung sind verbale Schandtaten, wie „Hallo Hasnain, du bepimmelter Kackmuslim”. Gemeinsam mit anderen Journalisten, die ebenfalls vulgäre Mitteilungen zugeschickt bekommen, nahm er an einem Leseabend teil, um die Entgleisungen ihrer Lächerlichkeit preiszugeben. Hate Poetry nennt sich diese unkonventionelle Idee, den zugeschickten Hass zu verarbeiten.

Manchmal frage ich mich, wie sich die Personen, die in den Internetforen so wüst drauflos poltern, sich im echten Leben verhalten. Sind die da genauso unerschrocken? Wohl kaum. Leute, die sich online künstlich aufblasen, schrumpfen offline schnell wieder auf ihre natürliche Größe zurück. Vielleicht sollten wir uns auch deshalb wieder öfter im real life zum Diskutieren treffen. Im Dorfgasthaus zum Beispiel. Ganz wie früher. 

Es folgt eine Galerie des Grauens. Falls die Schrift zu klein sein sollte  einfach in der Bildergalerie oben rechts den Vollbildmodus aktivieren.

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.
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Dieser Artikel erinnert mich an einen Fall, der mich vor ein paar Jahren betroffen (gemacht) hat. Ich war wieder einmal kurzfristig für eine Deutschlehrerin eingesprungen, die wenige Wochen vor der Matura eine Klasse in desolatem Zustand hinterlassen hatte. Ich versuchte, den Schülern im Endspurt noch ein paar wesentliche Dinge mitzugeben und habe mich verständlicherweise nur unbeliebt damit gemacht. Wie unbeliebt, das durfte ich erfahren, nachdem die Matura abgeschlossen war. Die Schüler eröffneten eine Facebook-Gruppe mit dem Namen "Nie wieder *NamederSchule*". Dort wurde von den soeben für "reif" erklärten Erwachsenen abgefeiert, was sie fortan alles "nie wieder" zu ertragen hätten. Die Einstellungen, wer alles die Inhalte dieser Gruppe lesen darf, waren etwas schlampig eingerichtet, und so konnte ich, ebenso wie viele Lehrerkolleginnen und -kollegen, unseren ehemaligen Schützlingen beim Erwachsensein zusehen. Einer von ihnen fühlte sich bemüßigt, auch über mich ehemalige Supplentin herzuziehen und äußerte seine Genugtuung darüber, "nie wieder" mit mir zu tun haben zu müssen, da ich ja immer alles besser wisse. Eine derartige Äußerung von Hass und Verachtung nach so kurzer Zeit meines Unterrichts, das hat mich dann doch beeindruckt und, bei aller Abgebrühtheit, die man für so einen Job braucht, auch verletzt. Ich bin nie dazu gekommen, es diesem jungen Herrn persönlich zu sagen, obwohl ich mir oft die Gelegenheit zur Begegnung im "real Life", wie es im obigen Artikel heißt, gewünscht hätte.
Das Leben schlägt seltsame Kapriolen. Dieser Schüler ist nunmehr ein junger Mann, der sich mittlerweile selbst gern als Besserwisser aufspielt und anderen erklärt, was "differenzierte und ausgewogene Ansichten" sind. Aus berufenerem Munde könnten solche Worte kaum stammen, auch wenn den meisten wohl die Ironie an der Sache verborgen bleibt. Was soll's. Wir sitzen alle im Glashaus. Nur ist nicht allen klar, wie durchsichtig es ist.

Wir sitzen alle im Glashaus. Nur ist nicht allen klar, wie durchsichtig es ist - wie wahr! Es ist auch mir passiert, dass ich online unüberlegte Dinge verfasst habe, die ich offline in dieser Form nicht gesagt hätte. Der Angeklagte bekennt sich schuldig und gelobt Besserung.

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