Die Unwichtigkeit des Seins

Warum man mit Anfang 30 nicht alles so bierernst nehmen muss.

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Bild: Flickr, Robert Couse-Baker

Man ist jetzt Anfang 30. Man kann sich jetzt keine Jugendsünden mehr leisten. Man genießt jetzt keinen Welpenschutz mehr. Man ist jetzt mittendrin im richtigen Leben, mittendrin im Erwachsenen-Dasein, das man sich als Kind nicht so recht vorstellen konnte. Das man sich viel einfacher vorgestellt hat. Das man sich viel unendlicher vorgestellt hat. Das man als Jugendlicher und als ganz junger Erwachsener ausgeblendet hat. Man ist jetzt einer von diesen Erwachsenen und man versucht, sich nicht zu verlieren. Man versucht, manchmal den Kopf zu heben, in diesem Hamsterrad des alltäglichen Wahnsinns. Man hebt den Kopf und schaut, wie weit man bislang gekommen ist – und wohin das alles noch führen mag.

Man sollte viel Blödsinn gemacht haben bis Anfang 30. Man sollte versucht haben, ein paar Träume zu leben. Wenn das nicht geklappt hat – scheißt drauf! Viel, viel schlimmer wäre es, es gar nicht erst probiert zu haben. Mit Anfang 30 ist man also im Räderwerk drin, da hilft nur eins: das Räderwerk nicht so wichtig zu nehmen. Sich nicht so wichtig zu nehmen. Man hat jeden Tag eine Liste, die man abarbeiten muss. Der eine hat sie im Kopf, der andere auf einem Zettel stehen, ein dritter in seinem Smartphone gespeichert. Es tut gut, immer wieder einen Punkt der Liste zu streichen, aber die Liste wird nie zu Ende sein, es kommen immer wieder Punkte dazu. Eine Sisyphusarbeit. Das ist das Leben. Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen – das hat Albert Camus gesagt. Es ist ein schlauer Satz. Es ist nur so schwierig, die richtigen Konsequenzen aus diesem Satz zu ziehen.

Es klingt so einfach: Die wichtigen Dinge wichtig nehmen und die unwichtigen unwichtig. Auch sich selbst, das, was man tut. Das fällt einem schwer, doch wenn man sich vorstellt, wie unwichtig man selbst eigentlich ist, fällt es einem plötzlich wieder ganz leicht. Wenn man sich vorstellt, wie viele Menschen auf dieser Welt bereits gelebt haben (ungefähr 100 Milliarden), wie viele täglich sterben und geboren werden, wie klein man ist, wie groß die Welt, wie klein die Welt im Vergleich zur wahrscheinlichen Unendlichkeit des Universums.

Vielleicht sind wir ja auch nur winzig kleine Schneeflocken in einer Schneekugel mit der zwei Kinder von Außerirdischen spielen.

Mit diesem Text endet die Kolumne „Auch schon 30“ – über die Tücken des Erwachsenwerdens.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.

Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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