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Die falschen Biergärten

Es ist jener Ort auf Erden, der dem Paradies am nächsten kommt. Aber Biergarten darf sich nicht jeder nennen.

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Bild: Flickr, Peter Alfred Hess

Letzten Sommer an einem ungenannten Ort in Südtirol gingen wir in einen Biergarten. Jedenfalls stand „Biergarten” drüber. In einen sogenannten Biergarten also. Es kam ein Kellner, wies uns einen Tisch zu, brachte Speisekarten und fragte uns, ob er uns schon mal was zu trinken bringen könne. – Zwei Helle vom Fass? – Nur aus der Flasche. – Wir waren sprachlos! Und schlimmer noch: Eine nachfolgende Google-Recherche ergab, dass Südtirol nur so wimmelt von solchen falschen Biergärten. Diesem Missverständnis muss abgeholfen werden.

Ein Biergarten ist nämlich nicht einfach der begrünte Außenbereich einer Gastwirtschaft. Die amtlichen Erläuterungen zur Bayerischen Biergartenverordnung von 1999 stellen klar, dass zu einem Biergarten die Möglichkeit gehört, „dort auch die mitgebrachte, eigene Brotzeit unentgeltlich verzehren zu können, was ihn von sonstigen Außengaststätten unterscheidet”. So hat es sinngemäß schon König Maximilian I. anno 1812 verfügt.

Der Biergarten ist die vielleicht genialste Erfindung, die je in Oberbayern gemacht wurde. Man sitzt im Schatten von Kastanienbäumen, solange man mag. Es gibt Bier, und zwar frisch vom Fass und im Maßkrug. Man kann die Fressalien selbst mitbringen – großer Dank an seine Majestät. Zu einem vollwertigen Biergartenbesuch gehört der Korb mit dem selbstgemachten Obazdn oder Wurstsalat, oder wenigstens den Käseresten aus dem Kühlschrank. Kellner, vorgedeckte oder gar reservierte Tische, Speisekarten und Flaschenbier sind in einem Biergarten fehl am Platz.

Im Biergarten von heute gibt es auch was auf die Ohren, Blasmusik oder Jazz, und was für die Kinder, einen Spielplatz oder Schiffschaukeln. Man kann dort mit der Familie einen ganzen Sommernachmittag vertrödeln, ohne ein einziges „Darf’s noch was sein?” zu hören. Aus meiner Sicht ist der Biergarten jener Ort auf Erden, der dem Paradies am nächsten kommt.

Deshalb finde ich, dass die Bezeichnung „Biergarten” nicht missbraucht werden sollte, wie wir es letzten Sommer erlebt haben. Allerdings muss ich der Gerechtigkeit halber auch erwähnen, welches eines meiner Lieblingsbierlokale in Südtirol ist: das Rienzbräu in Bruneck. Der Braumeister soll sein Handwerk in Weihenstephan gelernt haben, der Brauerhochburg bei München. Laut seiner Webseite hat auch das Rienzbräu einen „Biergarten”. Das stimmt strenggenommen nicht. Aber man kann im Sommer schön draußen sitzen, und es gibt hervorragendes Bier in großen Krügen.

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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