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Kommentar zu den Parlamentswahlen

Das andere Italien der Giorgia Meloni

Die italienische Rechte und ihre Pläne für ein „neues“ anderes Italien - der Kommentar von Wolfgang Mayr.

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Lizenz: CC0
Bild: Vox España/flickr.com

Erhält das Rechts-Bündnis von und um Giorgia Meloni von den rechtsradikalen Fratelli d’Italia am 25. September die Parlamentsmehrheit, die Umfragen lassen es erahnen, werden die bisherigen Fundamente dieser Republik ausgetauscht.

Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi will die parlamentarische Demokratie abschaffen, er will sie umwandeln in eine Präsidialdemokratie. Nicht der vom Parlament gewählte Ministerpräsident ist der starke Mann, sondern der direkt vom „Volk“ gewählte Präsident. Alle Macht dem Präsidenten, nicht light, sondern die ganze Macht an Berlusconi. Er will damit diese Republik auf den Misthaufen der Geschichte entsorgen.

Die Frage, ob die Partner Fratelli und Lega bei diesen Gedanken-,  Machtspielen von Berlusconi mitspielen wollen. Das käme ihrer Entmachtung gleich.

Alle Macht dem Präsidenten, nicht light, sondern die ganze Macht an Berlusconi. Er will damit diese Republik auf den Misthaufen der Geschichte entsorgen.

Matteo Salvini von der Lega war einmal schon ein mächtiger Mann, Innenminister von Ministerpräsident Conte. Großes bekam Salvini nicht auf die Reihe. Er löste kurzerhand Integrationsmodelle auf, Flüchtlinge und Migranten wurden aus betreuten Strukturen geworfen, er führte einen juristischen Krieg gegen deutsche Seenot-Rettungs-NGOs im Mittelmeer. Tanto fumo, poco arrosto, so die Bilanz der Arbeit des ehemaligen Innenministers.

Im Netzwerk der europäischen Rechten forderte Salvini eine andere EU, die Auflösung ihrer heutigen Form, dazu gehört auch die Distanz zur NATO, also weniger übernationale Staatenbünde, mehr Nationalstaat. Salvini biedert sich dem ungarischen Ministerpräsidenten Orban und dessen Freund Putin an. Salvini suchte die Nähe zu den „Neofaschisten des 21. Jahrhunderts“, zu Casa Pound, seine Anhänger besuchten das Grabmal des faschistischen Diktators Mussolini in Predappio. Föderalismus ade, das alte Konzept, ab stramm nach rechts.

Auf dem Weg dorthin wurde Salvini von Meloni und ihren Fratelli überholt. Laut Umfragen pendeln die Fratelli zwischen 23 und 25 Prozent. Die politischen Enkel des alten Faschismus greifen nach der Macht. Man stelle sich vor, in Deutschland könnte die rechtsradikale AfD ähnliche Werte aufweisen.

Für Meloni hingegen wird ein Wahlsieg real. Obwohl – oder trotz – für sie Mussolini ein guter Politiker war (Berlusconi lobte einst Mussolini als zupackenden Staatsmann), der Faschismus – seine Bewegung – aber nicht die ihre, also kein Grund, sich zu distanzieren. Das ist auch eine Art, mit Geschichte umzugehen. Im Parteizeichen der Fratelli flackert die Trikolore, das Erbe des Movimento Sociale MSI, gegründet von ehemaligen faschistischen Hierarchen. Das schreckt Wählerinnnen und Wähler nicht ab, im Gegenteil, das scheint anzuziehen – eine Flamme, die italienische Holocaust-Überlebende fürchten.

Es darf aber auch angenommen werden, dass es genügend Südtirolerinnen und Südtiroler gibt, die die radikale Ausländerfeindlichkeit von Meloni begeistert teilen.

Ungeniert trat Meloni in Andalusien bei den spanischen Neofaschisten von der VOX auf, mit lauten Tönen wetterte sie gegen die liberale Gesellschaft und liberale Demokratie, 2015 forderte Meloni pro-österreichische Südtiroler auf, nach Österreich auszuwandern. Es darf aber auch angenommen werden, dass es genügend Südtirolerinnen und Südtiroler gibt, die die radikale Ausländerfeindlichkeit von Meloni begeistert teilen.

Da mag viel rechtsradikaler Theaterdonner dabei zu sein, aber, das autonome Südtirol wird sich nach dem 25. September warm anziehen müssen. Die rechte Allianz hat die besten Aussichten, mit einer Verfassungsmehrheit in das Parlament gewählt zu werden. Es ist die Chance, am Autonomiestatut – ein Verfassungsgesetz – Hand anzulegen. Denn es ist ein alter Wunsch der alten und neuen Faschisten. Ob Österreich als Schutzmacht mit seinen wenigen Panzern Südtirol zur Hilfe eilt: Selbstbestimmung für Südtirol?

Mit ihrer wahrscheinlichen Verfassungsmehrheit erhalten die Fratelli d´Italia das Instrument in die Hand, die Südtirol-Autonomie einzudampfen. Dafür wird der Neo-Parlamentarier Alessandro Urzì sorgen, der für seine Fratelli in einem Wahlkreis „blindato“ kandidiert und dort deshalb auch gewählt wird. Urzì kann das Erbe seines Großvaters antreten, der nach dem Ersten Weltkrieg als Exekutor des italienischen Sieges über Österreich-Ungarn nach Südtirol kam.

Mit ihrer wahrscheinlichen Verfassungsmehrheit erhalten die Fratelli d´Italia das Instrument in die Hand, die Südtirol-Autonomie einzudampfen.

Wohin die italienische Reise mit Meloni gehen wird, darüber geben einige ihrer Gesetzesentwürfe von 2018 Aufschluss. Es sind Entwürfe, die auf darauf abzielen, die Verfassung abzuändern. So möchte Meloni die Artikel 97, 117 und 119 aus der Verfassung streichen: Artikel, die sich auf das Rechtssystem beziehen und auf die italienischen Verpflichtungen gegenüber der EU. Im Ausschuss der Verfassungsfragen der Abgeordnetenkammer erklärte Meloni am 11., 24. und 31. Oktober 2018 ihr Anliegen: die Wiederherstellung der angeblich eingeschränkten italienischen Souveränität.

Meloni schickte besänftigend und beruhigend voraus, dass sie nicht den Austritt Italiens aus der Europäischen Union anstrengt. Ihr geht es nur darum, für Italien die absolute Gleichberechtigung innerhalb der EU zu erreichen. Wer will das nicht, gleichberechtigtes Mitglied der Union zu sein? Die Stoßrichtung ist aber klar. Sie will den Artikel 117 kippen und die Verfassungsreform von 2001 säubern, besonders den Titel V, weil damit Italien sich der EU unterwarf, so ihre Darstellung.

Für Meloni sind die Verpflichtungen aus den EU-Verträgen für Italien unerträgliche Zwänge, die die nationale und staatliche Souveränität untergraben. Ein besonderer Horror für die radikale Zentralistin. Meloni wirft den pro-europäischen italienischen Politikern vor, sich freiwillig der EU unterworfen zu haben. Eine eigenwillige Interpretation der europäischen Verträge, die letztendlich die Nationalstaaten gestärkt haben, die zu einer Re-Nationalisierung geführt haben. Dafür sorgten in den auslaufenden 1990er-Jahren auch der sozialdemokratische Bundeskanzler Schröder.

Ihre Gesetzesentwürfe sehen vor, aus den Verfassungs-Artikeln 97, 117 und 119 den Verweis auf die Europäischen Union zu streichen.

Für Meloni sind die Verpflichtungen aus den EU-Verträgen für Italien unerträgliche Zwänge, die die nationale und staatliche Souveränität untergraben.

Nicht nur Europa nervt die künftige Ministerpräsidentin, auch die bisher praktizierte Familienpolitik. Diese wird laut Meloni auch ferngesteuert, aus Brüssel, mit der Anerkennung von lockeren Lebensgemeinschaften als Ehe, mit der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Für die europäische rechte Opposition, für die rechten Regierungen in Ungarn und Polen, ist das der Untergang des christlichen Abendlandes.

Meloni strebt deshalb eine Änderung des Artikels 11 der Verfassung an, zur Stärkung der traditionellen Familie, Mutterschaft und Kindheit. In dieser Frage soll das nationale Interesse, was immer das auch ist, vor Unionsrecht gehen. Künftig, unterstrich sie damals im Verfassungsausschuss, werden Europäische Verträge, die die Souveränität einschränken, dem Volk zur Abstimmung vorgelegt.

Ab dem 25. September kann Giorgia Meloni ihre 2018 abgelehnten Gesetzesentwürfe dem Verfassungsausschuss vorlegen lassen. Als Regierungschefin mit einer absoluten Mehrheit.

Für die europäische rechte Opposition, für die rechten Regierungen in Ungarn und Polen, ist das der Untergang des christlichen Abendlandes.

Und noch ein Puzzle der künftigen Regierungspolitik à la Meloni: Mit Sport will sie gegen gesellschaftliche Abweichungen vorgehen. Balilla für alle, die Frauen in die fasci femminili, die Arbeitslosen in den Arbeitsdienst?

Von 2008 bis 2011 war Giorgia Meloni „Jugend“-Ministerin in der Regierung Berlusconi. Gemacht hatte sie daraus nichts. Die Mitte-Rechts-Regierung von Silvio Berlusconi betrieb einen Kahlschlag des Sozialstaates, besonders des Bildungssektors, betroffen davon war vor allem die Jugend. Federführend mit dabei, Ministerin Meloni und ihre Mitstreiter*innen wie Ignazio Benito La Russa und Daniela Santanché. Ihr Team wird verstärkt von Giulio Tremonti, der als Finanzminister von Berlusconi der „Jugend“ den Geldhahn zugedreht hatte. Mit der Regierung Meloni wird Italien tatsächlich ganz anders werden.

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