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Bier, Goethe und das Grundgesetz

Steht auf der Jacke des Piefke bald „Tirol, Stolz und Stärke“? Nachdenken über Nationalismen.

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Bild: Flickr, János Balázs

Neulich an der Linea gialla des Bahnhofs Bruneck traten zwei Halbwüchsige neben mich. Jeans, Leder, Aufnäher, Nieten, Wischmop-Frisuren – Typ Metaller gemäßigt. Noch kein Zug in Sicht, ich hatte Zeit, die Aufnäher zu lesen. „Motörhead“, „Enter the trash zone“ oder „Bang your head“, so etwas hätte ich erwartet. Aber da stand „Dein Blut, dein höchstes Gut“ und „Tirol, Stolz und Stärke“.

Nationalismus ist ein heikles Thema für Deutsche. Jedes Mal, wenn Deutschland in Nationalstolz verfällt, leidet die ganze Welt, das scheint ein historisches Gesetz zu sein. Daher finden viele Deutsche vorsichtshalber alles Nationale doof. Wer sich stolz auf sein Land gibt, landet stracks in der rechten Ecke. Wer mit einem Slogan wie „Deutschland, Stolz und Stärke“ auf der Jacke herumliefe, würde wahrscheinlich vom Verfassungsschutz beobachtet. In Umfragen zu Patriotismus und Nationalismus bekommen die Deutschen regelmäßig die rote Laterne.

Ich bin auch einer dieser Vaterlandslosen. Der Anblick der deutschen Fahne bewegt mich ungefähr so wie ein Brief vom Finanzamt. Die Nationalhymne habe ich noch nie gesungen. Wenn ich an Deutschland denke, fallen mir zwar einige Sachen ein, die mir gefallen – Bier, Goethe und das Grundgesetz –, aber nichts, worauf ich stolz sein sollte. Überhaupt fallen mir kaum Identifikationsmerkmale ein, die uns Deutsche verbinden würden, außer der Sprache, dem Reisepass und ein paar vorwiegend schlechten Angewohnheiten, die man „typisch deutsch“ nennen kann.

Das ist natürlich scheinheilig. Was wirklich in uns Deutschen schlummert, zeigt sich alle vier Jahre. Dann ist wieder Fußball-Weltmeisterschaft. Plötzlich sind fast alle Autos schwarz-rot-gold beflaggt, und ein Großteil der Menschen läuft mit Nationaltrikots und Bundesadler-Hütchen herum. Nur dann sehe ich Deutsche vor dem Fernseher aufspringen und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ singen. Und dann ist das Turnier vorbei, und der ganze Kram landet wieder im Schrank. Bis vier Jahre später der Kryptonationalismus wieder zutage kommt.

Was mir allerdings zu denken gibt: Diesen Effekt habe ich auch in Südtirol gesehen. Zur WM zeigen sich auch nicht wenige Südtiroler mit deutschen Trikots oder Fahnen. So etwas habe ich außerhalb Deutschlands sonst noch nie erlebt. Wenn man diese Logik auf den Kopf stellt, könnte ich mir auch einen markigen Tirol-Spruch auf die Jacke nähen. Es ist ja wirklich ein außergewöhnlich fesches Land.

Tobias Hürter

Tobias Hürter lebt zwischen München, Bruneck und Hamburg. Auf diese Städte sind seine Kinder und seine Arbeit verteilt.
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Der Piefke

Tobias Hürter ist eingefleischter Münchner, verbringt aber seit Jahren einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Südtirol. Er stolpert immer wieder über die manchmal feinen, manchmal eklatanten Kulturunterschiede und berichtet darüber jetzt regelmäßig auf BARFUSS.

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Mittlerweile sind es alle 2 Jahre...Jedoch ist dieses Phänomen alles andere als neu. Diese Sport-bezogene Argumentation ist bei den Haaren herbeigeholt und nicht jeder der ein italienisches Fußballtrikot trägt weiß wie man eine gute Pizza macht. Schwacher, un-kreativer Artikel, klar aus dem linken Flügel. Da wollte der Verfasser, mit offensichtlichem Hemingway-komplex, schlauer daherkommen als er es vermag.

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