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Bi ist nicht gleich Bi

Unser Autor fühlt sich nicht ständig zu Frauen und Männern gleichermaßen hingezogen. Deshalb fragt er sich: Was ist denn alles Bisexualität?

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Bild: Raphael Renter/unsplash.com

Wer sich zu Frauen und Männern hingezogen fühlt ist Bisexuell. Das ist zumindest die gängige Ansicht. Dass die ganze Sache dann doch etwas komplizierter ist, wurde mir selbst auch erst bewusst, als ich mich in meiner Findungsphase bewusster mit diesem Thema beschäftigt habe. Ich wollte besser verstehen, wie sich dieser „Zwischenraum“ zwischen der Homo- und der Heterosexualität besser beschreiben lässt. Vor allem, dass ich mich nicht ständig zu Frauen und Männern gleichermaßen hingezogen fühle, hat mich irgendwann irritiert. So habe ich angefangen zu recherchieren – in der Schule habe ich darüber ja leider nichts gelernt – und bin dann auf die Kinsey-Skala gestoßen.

Diese Skala zur Beschreibung und Einordnung der Sexualität wurde vom US-Amerikanischen Sexualforscher Alfred Charles Kinsey (1894-1956) entwickelt. Die Kinsey-Skala hat insgesamt acht Werte, wobei sexuelle Handlungen und psychische Erfahrungen, also etwa sexuellen Phantasien, abgefragt werden:

0 „Ausschließlich heterosexuell“

1 „Überwiegend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell“

2 „Überwiegend heterosexuell, aber mehr als gelegentlich homosexuell“

3 „Gleichermaßen heterosexuell wie homosexuell“

4 „Überwiegend homosexuell, aber mehr als gelegentlich heterosexuell“

5 „Überwiegend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell“

6 „Ausschließlich homosexuell“

X „Keine sexuellen Kontakte oder Reaktionen“

Die Werte 1 bis 5 bilden das bisexuelle Spektrum, X steht oft neben der eigentlichen Skala und wird verwendet um auch asexuelle Menschen abzubilden. Ich konnte mich anhand der Kinsey-Skala nun eindeutig dem bisexuellen Spektrum zuordnen.

 Dass die ganze Sache dann doch etwas komplizierter ist, wurde mir selbst auch erst bewusst, als ich mich in meiner Findungsphase bewusster mit diesem Thema beschäftigt habe.

Soweit so gut. Doch schon bald stieß ich darauf, dass innerhalb dieses Spektrums weitere sexuelle Identitäten, neben der Bisexualität unterschieden werden können, da wären etwa: Omnisexualität, Pansexualität oder auch die Polysexualität. Vermutlich geht es Ihnen jetzt beim Lesen dieses Textes, ähnlich wie mir bei meiner Recherche: die vielen Begriffe überfordern sie völlig. Um ein bisschen Ordnung in diese begriffliche Vielfalt zu bringen, hat man sich einen Überbegriff einfallen lassen, die Bi+sexualität. Sie beschreibt sexuelle Orientierungen bzw. Identitäten, bei denen Personen sich sexuell zu Menschen unterschiedlicher oder aller Geschlechter hingezogen fühlen. Anders gesagt, es wird das beschrieben, was bereits die Kinsey-Skala als bisexuelles Spektrum beschreibt, wobei die Definition um nichtbinäre Geschlechter erweitert wird. Innerhalb dieses Spektrums bewegen sich dann auch die genannten sexuellen Identitäten, wobei die Übergänge stets fließend sind, genau so, wie es zwischen dem bisexuellen Spektrum und den sexuellen Identitäten außerhalb dieses Spektrums fließende Übergänge gibt.

Omnisexualität beschreibt die sexuelle Anziehung eines Menschen zu Menschen aller Geschlechter oder ohne ein Geschlecht zu bevorzugen. Polysexualität hingegen beschreibt die sexuelle Anziehung zu mehreren aber nicht allen Geschlechtern, während unter Pansexualität die sexuelle Anziehung zu Menschen aller Geschlechter gemeint ist, wobei diese nicht auf dem Geschlecht der anderen Person basieren muss. Als Bisexualität, im engeren Sinne, ist die sexuelle Anziehung zu Menschen zweier oder mehrerer Geschlechter gemeint. Eine bisexuelle Person kann sich beispielsweise genauso gut von Frauen und nichtbinären Personen sexuell angezogen fühlen, wie von Frauen und Männern oder Männern, Agender-Personen und Frauen.

Sich ein Label zu geben, eine genauere Beschreibung für die eigenen sexuelle Identität zu haben, hilft vielen Menschen sich selbst besser zu verstehen und somit auch sich selbst akzeptieren zu können.

Sie werden sich jetzt vermutlich fragen, warum es diese unterschiedlichen Labels für sich überschneidende sexuelle Identitäten braucht. Die Antwort darauf ist eigentlich recht einfach: Sich ein Label zu geben, eine genauere Beschreibung für die eigenen sexuelle Identität zu haben, hilft vielen Menschen sich selbst besser zu verstehen und somit auch sich selbst akzeptieren zu können. Das heißt selbstverständlich nicht, dass alle Menschen, die sich in diesem Spektrum verorten – oder überhaupt – ihre sexuelle Identität genau definieren müssen. Mir hat es aber beispielsweise sehr geholfen, meine eigene sexuelle Identität besser verstehen und beschreiben zu können.

Am Ende gilt aber – wie bei allen Formen der Identität – dass die sexuelle Identität eines Menschen eine persönliche und damit subjektive Angelegenheit ist. Anders ausgedrückt: Es wird keine zwei Personen im bisexuellen Spektrum geben, die ihre sexuelle Identität gleich beschreiben würden.

So sagt etwa Lisa*: „Bisexualität ist für mich die Möglichkeit etwas für jemanden zu empfinden, ohne mich an von der Gesellschaft gesetzte Grenzen halten zu müssen. Ich steh auf die Person auf die ich stehe. Und ob das jetzt Mann oder Frau oder sonst wer ist, ist mir dabei prinzipiell egal. Wobei ich trotzdem irgendwie unterscheide. Also Mal steh ich mehr auf Männer und Mal steh ich mehr auf Frauen.“

Oder meine weitere Bekannte Sandra* sagt: „Bisexuell zu sein heißt für mich, mich romantisch und sexuell zu mehr als einem Geschlecht hingezogen zu fühlen. In meinem Fall sind das Frauen, Männer und nichtbinäre Menschen.“ wobei sie noch ergänzt: „Bisexualität muss sich auch nicht für alle Menschen und zu jedem Zeitpunkt gleich anfühlen - es ist ganz normal, Präferenzen zu haben, Anziehung in unterschiedlicher Weise zu spüren oder auch, dass das Geschlecht dabei keine wesentliche Rolle spielt.“

Das macht dieses Spektrum für mich auch so aufregend: es ist so bunt und so divers und wird leider von außen meist gar nicht oder nur am Rande wahrgenommen. Bisexuelle leben ihre sexuelle Identität auf unterschiedlichste Weise aus: in klassisch monogamen Beziehung, in polyamoren Beziehungen, offenen und geschlossenen Beziehungen. Diese „Biversität“, wie sie Julia Shaw in ihrem aktuellen Buch „Bi. Vielfältige Liebe entdecken“ nennt, verdient mehr Aufmerksamkeit.

* Namen von der Redaktion geändert.

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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Unser Autor Michael Keitsch beleuchtet in dieser Kolumne die vielfältigen Seiten der queeren Lebenswelten.

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