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383 Freunde

Warum mit Anfang 30 eine Facebook-Pause gut tut.

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Bild: Flickr, Denis Dervisevic

Ich habe 383 Freunde. Sagt Facebook. Das kann gar nicht sein. Weiß ich. Freunde sind immer da, wenn man sie braucht. Sagt man. Mit Freunden trifft man sich regelmäßig. Freunden kann man auch mal sagen, dass sie einen nerven, wenn sie einen nerven. Ich scrolle meine Freunde-Liste bei Facebook durch. Ich wüsste nicht, wen ich da nerven sollte. Die meisten Gesichter kenne ich. Bei ein paar Phantasiebildern und Phantasienamen muss ich auf das Profil gehen und nach ein bisschen Rumgesuche ahne ich meistens, wer das sein könnte.

Freunde, richtige Freunde, hat man vielleicht ein halbes Dutzend im Leben. Wenn man Glück hat. Nicht 383. Das geht gar nicht. Das wäre viel zu anstrengend. Freundschaften muss man pflegen. Heißt es. Wie soll das gehen? Bei 383? Also erst einmal alles auf Eis legen. Eine Woche ohne Facebook. Nach einer Woche merke ich: eigentlich kein Problem. Ich bin ja schließlich keine 18 mehr. Ich verpasse nichts, wenn ich nicht auf Facebook bin. Was soll ich auch verpassen? Es ist ein bisschen Ruhe eingekehrt. In meinem Leben allgemein. Keine Partys mehr, zu denen ich unbedingt gehen muss. Und es ist noch ein bisschen mehr Ruhe eingekehrt. In dieser Woche ohne Facebook. Man ist ja so ein bisschen Smartphone-süchtig geworden in letzter Zeit. X schreibt gerade, dass er von München nach Berlin zieht. Y ist jetzt wieder Single. Z postet ein Selfie.

Das Smartphone ist die neue Zigarette. Und die neue Zeitung. Und der neue Game Boy. Und das neue Lexikon. Und das neue Brettspiel. Und der neue Otto-Katalog. Und das neue Briefpapier. Und die neue Landkarte. Und der neue Kompass. Und der neue Kalender. Und der neue Wetterdienst. Und der neue Wecker. Und der neue Timer fürs Dreiminutenei. Und die neue Stoppuhr beim Joggen. Und das neue Babyphone. Und der neue Notizblock. Und der neue Taschenrechner. Und das neue Adressbuch. Und das neue Aufnahmegerät für Interviews. Und der neue Fahrplan. Und der neue Fotoapparat. Und der neue Musiknerd, der einem sagt, was man unbedingt hören muss. Und der neue Bücherwurm, der einem sagt, was man lesen muss. Und der neue Feinschmecker, der einem sagt, wo man unbedingt essen soll. Und der neue Zeitschriftenkiosk. Und der neue beste Freund, der so tut, als würde er einem zuhören, auch wenn man nichts zu sagen hat. Und der neue Taxi-Dienst. Und die neue Stereoanlage. Und das neue Kicker-Bundesliga-Sonderheft. Und der neue Teletext. Und das neue Fax-Gerät. Und das neue Fremdwörterbuch. Und überhaupt der neue Duden. Und die neue Spanischlehrerin. Und die neue Videokamera. Und der neue Lauftrainer. Und die neue Fernbedienung. Und der neue Aktienberater. Ach ja, und telefonieren kann man damit auch.

Ich sitze in der U-Bahn in Berlin, das ist die Stadt, in der ich wohne. Ich mag das, in der U-Bahn zu sitzen. Ich scrolle in dieser Woche nicht gelangweilt Facebook rauf und runter. Ich schaue mir wieder die Gesichter der Menschen an, die mit mir im Waggon sind. So wie ich das früher geliebt habe, als ich noch kein Smartphone hatte. Die meisten Menschen starren auf ihre Smartphones. Besser so. So bemerken sie meinen Voyeurismus nicht. Ich finde es faszinierend, wie viele Menschen es gibt. Ich fahre jeden Tag zur gleichen Zeit mit dieser U-Bahn und doch habe ich noch keines dieser Gesichter jemals gesehen. Wahrscheinlich, weil ich auch jeden Tag auf mein Smartphone starrte.

Ich mag Facebook. Ich war in meinem Freundeskreis einer der ersten auf Facebook. Keine Ahnung, wie lange das jetzt her ist. Facebook war dazu da, Menschen wieder zu entdecken, mit denen man mal irgendwann irgendwo zu tun hatte. Mit denen man ein wenig Zeit verbracht hat. Spaß hatte. Irgendwo auf der Welt. Ich habe Menschen wieder gefunden, die ich mal in New York kennengelernt hatte. In Neuseeland. Das war die Zeit, bevor man sich noch am selben Abend auf Facebook „befreundet“ hatte. Früher hat man sich nicht „befreundet“. Früher war man einfach befreundet irgendwann oder man war es halt nicht. Früher hat man höchstens mal Handynummern ausgetauscht oder E-Mail-Adressen. E-Mail-Adressen, auch schon old school mittlerweile. Wer nutzt privat schon noch E-Mail-Adressen? Früher hatte man Freunde fürs Leben. Heute hat man Lebensabschnittsfreunde. Und die von Facebook.

Manchmal trifft man alte Freunde, mit denen man früher viel gemacht hat. Man begrüßt sich, fragt, wie es geht – und dann ist da plötzlich so eine Stille, eine unerträgliche, peinliche, eine Stille, die es hinausschreit: dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Und dann gibt es Freunde von früher, die man ewig nicht mehr gesehen hat, und dann trifft man sich mal zufällig wieder und es ist so, als ob nichts dazwischen gewesen wäre. Dann geht man spontan ein Bier trinken, nachmittags um halb drei, und es ist so, als ob alles wieder so wäre wie früher. Man vergisst das Smartphone in der Tasche. Man vergisst die Freunde-Liste. Man bestellt lieber noch zwei Bier, man lacht und erzählt sich gegenseitig die guten, alten Geschichten, die man sich schon früher gegenseitig erzählt hat.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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