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Interview mit Ötzis Leibarzt

„Ötzi hat mein Leben verändert“

Fast zwanzig Jahre lang war Eduard Egarter Vigl Ötzis Leibarzt. Der Pathologe über den Tod, den Ötzi-Hype und die Frage, wohin die Fingernägel der Gletschermumie verschwunden sind.

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Bild: Archäologiemuseum

Bis 2016 war Eduard Egarter Vigl Ötzis Leibarzt. Als die Gletschermumie 1998 nach Südtirol überstellt wurde, beauftragte man den Leiter der Pathologie am Bozner Krankenhaus mit der Konservierung der Gletscherleiche. Doch Egarter Vigl kümmerte sich nicht nur um Ötzis Gesundheit. Mit der Entdeckung der Pfeilspitze in Ötzis Rücken wurde der Pathologe auch zum Ermittler und suchte nach neuen Indizien in der Mordsache Ötzi.

Als Ötzis Leibarzt  wurde Eduard Egarter Vigl international bekannt. Der Pathologe ist aber auch Gerichtsmediziner für die Bozner Staatsanwaltschaft und war einer von drei Experten, die die Mumie Tutanchamuns untersuchten. Im Interview mit dem Südtiroler Journalisten Heinrich Schwazer lässt er seine Arbeit im neu erschienenen Buch „Ötzis Leibarzt“ Revue passieren.

Sie sind Pathologe. Ist dieser Beruf so spannend, wie er im Fernsehen dargestellt wird?
Eigentlich hat der Beruf des Pathologen wenig mit der Aufdeckung von Kriminalfällen zu tun. Dass wir in Bozen oder Italien trotzdem forensische Tätigkeiten ausüben, hängt mit der italienischen Gesetzgebung zusammen. In Deutschland, Österreich oder der Schweiz macht diesen Job der Gerichtsmediziner. In Südtirol gibt es keine medizinische Fakultät an der Universität. Fachleute müssen daher aus Innsbruck oder Verona nach Bozen geholt werden. Das ist zeitaufwändig und kostspielig. Deshalb arbeite ich seit 1986 mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Seither finden alle Autopsien im Krankenhaus Bozen statt. Diese Untersuchungen sind zum Teil Routine und langweilig, doch es gibt immer wieder kleine „Schmankerln“. Ich war an den meisten Kriminalfällen in Südtirol beteiligt.

Eduard Egarter Vigl und Michael Keitsch beim Interview.

Entwickelt man als Pathologe ein anderes Verhältnis zum Tod?
Absolut. Man wird damit ja täglich konfrontiert. Ich habe in der Früh immer die Todesanzeigen aufgeschlagen und gesagt: „Jetzt schauen wir einmal, welche Arbeit heute auf uns wartet.“ (schmunzelt) Außerdem verliert man im Lauf der Jahre die Scheu vor einem toten Körper und begreift ihn als Ergebnis eines biologischen Prozesses. Ich habe immer gesagt, dass nicht die Pathologen den starken Magen brauchen, sondern die Ärzte, die sich mit Patienten und deren Angehörigen beschäftigen.

Ötzi hat Sie international bekannt gemacht. Wie hat er Ihr Leben verändert?
In erster Linie beruflich, weil ich für meine eigentliche Tätigkeit als Pathologe und Gerichtsmediziner weniger Zeit hatte. Ötzi war vor allem in den ersten Jahren sehr zeitintensiv. Ich habe einige Nächte und Tage hier im Museum verbracht, um die Konservierungstechnologie auf den aktuellen Stand zu bringen. Persönlich hat mich Ötzi natürlich in Bereiche hinein katapultiert, die den wenigsten Medizinern zugänglich sind. Welcher Mediziner hat schon beruflich mit Archäologie und Anthropologie zu tun? Durch Ötzi haben sich mir viele Türen geöffnet – etwa zu den ägyptischen Mumien in Kairo oder zur Untersuchung der Kindermumien aus der Inka-Zeit in Argentinien. Außerdem hat mich Ötzi in den Medien bekannt gemacht. Das war nicht immer einfach und angenehm, aber unterm Strich auch ganz lustig.

Hat sich die Behandlung der Gletschermumie im Laufe der Jahre verändert?
An der Tatsache, dass es sich um eine 5.000 Jahre alte Mumie handelt, hat sich im Laufe der zwanzig Jahre natürlich nichts geändert. Mein Interesse an der Mumie hat sich verschoben: Am Anfang war es eher auf die Konservierung gerichtet, im Laufe der Zeit habe ich mich immer mehr für die Forschung interessiert.

Was fasziniert Sie so an Ötzi?
Faszinierend ist schon allein die Tatsache, dass wir einen 5.000 Jahre alten menschlichen Körper vor uns liegen haben, der so gut erhalten ist, als wäre er erst vor Kurzem gestorben. In seiner Funktionalität und Anatomie hat sich nichts geändert.

Wie bewerten Sie die Kommerzialisierung von Ötzi, diesen „Ötzi-Hype“, der entstanden ist?
Seine Kommerzialisierung ist nichts Schlechtes. Im Grunde drückt sie das Interesse der breiten Bevölkerung aus. Die Mumie wird dem Publikum in einer reservierten und ethisch akzeptablen Form präsentiert und das Museum fährt damit seine Spesen ein. Außerdem profitiert auch das Tourismusland Südtirol von Ötzi.

In Ihrem Buch „Ötzis Leibarzt“ erfährt man, dass Ötzi mehrere Rippenstücke fehlen. Zwei Forscher sollen sich einen Finger- und einen Zehennagel „unter den Nagel gerissen“ haben …
Dass Ötzi Rippenstücke fehlen, wurde vor mehr als zehn Jahren bekannt und hat damals für großes Aufsehen gesorgt. Forschungsinstitutionen haben sich gegenseitig die Schuld dafür gegeben. Bis heute ist das nicht geklärt, sie bleiben verschollen. Von den fehlenden Finger- und Zehennägel wissen wir sicher, dass sich zumindest einer davon an der Universität Chieti befindet. Er gehört eigentlich nach Bozen, bleibt aber in Chieti. (schmunzelt)

Der Zehennagel wurde vom Wiener Anthropologen Horst Seidel bei einer Dokumentation von Spiegel TV gezeigt und ist seither verschollen. Den Fingernagel hat der Anthropologe Luigi Capasso aus Chieti untersucht. Er hat ihn bis heute nicht zurückgegeben.

Sie haben neben Ötzi auch andere Mumien untersucht. Was war Ihr spannendster Fall?
Von den archäologischen Mumien war sicherlich die Untersuchung der Röntgenbilder des Pharaos Tutanchamun spannend. Da hatte ich das Weltkulturgut Tutanchamun vor mit und hatte die Möglichkeit, in diesen Körper hineinzuschauen – das war schon aufregend. Am Ende durften wir unser Untersuchungsergebnis der ägyptischen Regierung präsentieren. Das war doppelt schön.

Was ziehen Sie vor – die klassische Arbeit des Pathologen oder doch die Untersuchung von Mumien?
Das hängt von den einzelnen Fällen ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Ich habe einmal in Wien die sterblichen Überreste von Pietro Metastasio untersucht, einem Zeitgenossen von Mozart. Das war wenig befriedigend, weil von diesem Körper abgesehen von einzelnen Knochen nichts mehr übrig war. Genauso kann es interessant sein, die Ursache für den Tod eines Menschen herauszufinden, den die Ärzte sechs Monate lang behandelt haben, ohne zu wissen, an welcher Krankheit er litt.

 

Zum Buch: „Ötzis Leibarzt. Ötzi, Tutanchamun und andere Kriminalfälle. Heinrich Schwazer im Gespräch mit dem Pathologen.“ Erschienen in der Edition Raetia.

Bild: Edition Raetia

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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