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Helga Jud im Porträt

Clownfrau sucht Lachen

Helga Jud ist Clownfrau, hauptberuflich und durch Zufall – aber nicht ohne guten Grund. Am 26. Mai tritt die gebürtige Innichnerin im Brunecker Stadttheater auf.

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Bild: Heinrich Hanuschka

Helga Jud hatte gerade ihre Lehramtsprüfung bestanden und hätte geradewegs auf ihr Dasein als Englischlehrerin zusteuern können. Doch als sie glücklich aus dem Prüfungszimmer lief, “so richtig stolz” auf sich, wie sie erzählt, passierte es: Sie verabschiedete sich von der Kommission und schwebte voller Freude Richtung Tür. Nur war die Tür nicht die Tür, die aus dem Raum hinaus führte, sondern in einen Schrank hinein. “Ich bin also in den Schrank hineingegangen.”

Tollpatschig, aber liebenswürdig: Helga Jud als Clown Mimi.

Bild: Helga Jud
Als junge Frau war ihr ihre selbstvergessene Tollpatschigkeit oft peinlich. “Einerseits freute ich mich darüber, ich dachte: Mindestens sehen mich die Menschen! Aber dass sie mich nicht ernst nahmen, dass sie über mich lachten, das hat mich verletzt”, erinnert sich Helga. Fiel es ihr damals noch schwer, das Lachen der anderen zu ertragen, so sucht sie es heute bewusst, wenn sie als Clownfrau auf der Theaterbühne oder für die Roten Nasen auf der Kinderstation steht.

In manchen Fällen, wie auf der Kinderonkologie, steht sie dabei nicht wirklich im Krankenzimmer: Corona-Schutzmaßnahmen. Sie steht zu Hause vor dem Bildschirm und wird so von den Krankenschwestern von Zimmer zu Zimmer getragen. Dann steht Helga für ein krankes Kind zuhause in ihrer Küche, ganz weit hinten im Bild, beim Staubsaugen. Saugt und saugt und putzt und saugt und zieht sich langsam, ganz langsam immer weiter in den Vordergrund. Mal ist nur der Sauger zu sehen, mal nur ein Bein, mal nur ein Arm. So lang, bis sie sich irgendwann vollständig ins Bild gesaugt hat.

Dann erst scheint sie das Kind zu bemerken, das ihr über den Bildschirm entgegenblickt. Die Stirn leicht gerunzelt und mit zusammengekniffenen Augen sitzt es halb aufgerichtet in einem Krankenhausbett. Die Clownfrau lässt ein Tuch in ihrem Ohr verschwinden und blickt scheu zurück; zeigt dem Kind ihre leeren Ohren, Nasenlöcher, Tränensäcke, den Mund. Dann zieht sie, ziiiiieeehht das Tuch – von irgendwo wieder hervor. Ein Zucken, beinahe ein Lachen, huscht über das blasse, viel zu groß wirkende Kindergesicht, dringt bis in die Fingerspitzen. Helga ergreift ihre Chance: Hallo-oh, i bin die Mimi und wer bisch duuu?, fragt sie – in einem Akzent, der irgendwo zwischen Innichen und Innsbruck zuhause ist.

“Die Kinder halten es nicht aus, dass wir nicht auf die Lösung kommen.”

Dabei ist Helga eher durch Zufall als durch Planung zur Cownfrau geworden. Nach einem Studentenjob bei den Roten Nasen und einigen Jahren als Englischlehrerin wirft sie ihre Festanstellung im Schulbetrieb hin und wird Clown. Hauptberuflich. “Meine Mama war schockiert”, erzählt Helga amüsiert. “Jetzt hat ihre Tochter, ihr schwarzes Schaf, eine Festanstellung in einem ordentlichen Beruf und dann wird sie Clown!” Für Helga selbst hat sich die Frage gar nicht gestellt – Clownfrau ja oder nein. “Ich wusste, dass es der richtige Weg für mich war.”

Das zeigt sie auch bei ihren Krankenhausauftritten mit den Roten Nasen. Erzählt Helga davon, klingt ihre Stimme ergriffen, fast verzaubert. Ganz so, als tauchte sie selbst für einen kurzen Moment in eine andere Welt; in jene Welt, in die sie auch die Kinder zu entführen sucht: Eine Welt in der es weder Operationen noch Verletzungen gibt, keinen Krebs, keine schlechten Nachrichten und keine Schmerzen. Und vor allem keinen Tod, dem die Clownfrau manchmal gemeinsam mit den Kindern entgegenläuft.

Im Clownkostüm weiß Helga ihre tollpatschige Seite zu nutzen. “Die Kinder halten das oft gar nicht aus!”, sagt Helga lachend. Dann zum Beispiel, wenn sie und ihr Clownpartner Herbert einen Koffer packen. Das geht nämlich immer über Umwege, nicht sofort von A nach B. Für Clowns total logisch. Am Ende landet Helga dann selbst im Koffer, weil der Herbert so mit dem Packen beschäftigt ist, dass er irgendwann gar nicht mehr bemerkt, was oder eben: wen er alles hineinsteckt. “Die Kinder halten es nicht aus, dass wir... dass wir nicht auf die Lösung kommen! Sie wollen uns so gerne helfen!”

Dabei gibt die Clownfrau auf der Bühne vor, ganz viel zu wissen. Sie erklärt Herbert dies oder jenes und schubst ihn dann, wenn sie handeln müsste, ganz verstohlen voraus. Sie beginnt fließend Spanisch zu sprechen, bis man merkt, dass sie eigentlich überhaupt kein Spanisch kann. Sie dreht und wendet sich in ihrem erdbeerroten Sommerkleid, ganz so, als ob… “man merkt schon, die perfekte Figur hat die Frau nicht!”. Sie fühlt sich wohl in ihrer Haut, wohler vielleicht als in ihrer privaten Helga-Haut.

Nicht trotz, sondern dank der eigenen Schwächen erfolgreich sein.

Die Schwäche, mehr wissen zu wollen, besser, größer, schöner oder intelligenter zu sein, als sie eigentlich ist, ist etwas, das Helga aus ihrem Privatleben kennt: Am liebsten würde Helga ganz viele Sprachen sprechen und wäre noch dazu wunderschön. Diesen eigenen, viel zu hohen Erwartungen kann sie als Privatperson nur schwer entsprechen. “Aber sie als Clownfrau auszuleben, mich so fühlen, als spräche ich fließend Spanisch oder als wäre ich tatsächlich wunderschön, das ist extrem befreiend.”

Inzwischen ist Helga auch in Innichen aufgetreten, aus dessen dörflichen Enge sie sich schon vor vielen Jahren befreit hat. Von manchen (darunter Helgas Mama) wird ihre Arbeit neugierig bewundert. Für andere bleibt sie schwammig, unverständlich. Trotzdem hat Helga den Schritt zurück in ihr Heimatdorf gewagt, hat diesen sogar gesucht. “Ich wollte, dass mich die Menschen im Dorf sehen”, sagt die Clownfrau langsam. Vielleicht, um zu beweisen, dass die tollpatschige, selbstvergessene Helga nicht trotz, sondern dank ihrer Schwächen erfolgreich ist. Oder vielleicht, weil sie soziale Erwartungen lieber strapaziert, als ihnen zu entsprechen.

Am 26. Mai tritt Helga Jud als “Mimi” im Stadttheater Bruneck auf.

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