Anzeige
Interview mit Naturschützer

Verlorenes Gleichgewicht

Klaus Graber setzt sich für Natur- und Artenschutz ein. Er erklärt, wie man gefundene Wildtierjunge richtig rettet und worauf es beim Vogelfutter ankommt.

dsc_2276.jpg

Schon die Kleinen lernen spielerisch Natur- und Umweltschutz.

Bild: Klaus Graber

„Wenn wir unsere Lebensweise nicht ändern, werden wir das Artensterben nicht mehr aufhalten können“, ist sich Klaus Graber, Präsident des Naturtreffs Eisvogel, sicher. Der ehrenamtliche Verein setzt sich seit über 21 Jahren für den Erhalt selten gewordener Lebensräume und für Artenschutz in allen Bereichen ein. Von Wildtieren bis zu Insekten, von allen möglichen Pflanzen bis zu Pilzen. Vor allem die Ahrauen im Tauferertal liegen dem Verein am Herzen. Dieses Naturschutzgebiet zählt heute zu einer der intaktesten und schönsten Flusslandschaften Südtirols.

Diese Schönheit zu erhalten und Leute für diese vielfältige Natur zu begeistern und zu sensibilisieren ist ein Hauptschwerpunkt der Vereinsarbeit. Dafür organisieren der Vorstand und seine 850 Mitglieder, darunter viele Jugendliche zwischen 17 und 25 Jahren, regelmäßig Vorträge, Exkursionen, sowie naturkundliche Wanderungen mit Experten für Naturfreunde und Interessierte. Ein Augenmerk ist das richtige Verhalten bei aufgefundenen Wildtieren. Ein Thema, das den Verein jedes Frühjahr aufs Neue beschäftigt.

Klaus, woher kommt deine Passion für Wildtiere, Pflanzen und Artenschutz?
Ganz einfach: Ich liebe das Leben. Und die Natur ist die beste Medizin für Kopf und Herz! Natur ist lebendig, sie ist faszinierend und sie ist wunderschön. Je besser es ihr geht, desto besser geht es schlussendlich uns allen. Das heißt aber auch umgekehrt, dass in einer kranken Welt auch wir Menschen nicht gesund bleiben können.

Klaus Graber, Präsident des Vereins Naturtreff Eisvogel , ist ein Mann, der die Natur liebt und der weiß, dass jetzt die Zeit zum Handeln ist.

Bild: Naturtreff Eisvogel

Ein Teil der Sensibilisierungskampagnen eures Vereins betrifft immer wieder Wildtiere. Jetzt im April beginnt die sensible Zeit – die Zeit der Jungtiere.
Südtirol ist leider nicht sehr gut organisiert, was dieses Thema anbelangt. Hierzulande fehlt einfach eine Wildtierstation an die sich die Leute wenden können wenn verletzte Tiere gefunden werden. Daher rufen uns jedes Jahr ganz viele Leute an, wenn sie einen Vogel oder ein anderes Wildtierjunges am Waldrand finden. Viele heben sie auf, weil sie meinen, sie sind verletzt oder wurden ausgestoßen und man müsse ihnen helfen. Dabei brauchen diese Tiere in über 90 % der Fälle gar keine Hilfe.

Wie soll man sich verhalten, wenn man beispielsweise ein Vogeljunges findet?
Wenn sich die Tiere auf der Straße, am Straßenrand oder an einem anderen Gefahrenpunkt befinden, sollte man sie natürlich in Sicherheit bringen und in ein Gebüsch in der Nähe legen. Ansonsten sollte man sie immer dort lassen, wo sie sind. In den allermeisten Fällen braucht das Tier gar keine menschliche Hilfe und es wird von den Eltern am Boden weiter gefüttert.

Ist es notwendig, die Jungvögel in Sicherheit zu bringen, nimmt man dazu am besten ein Büschel Gras und hebt sie vorsichtig auf und lässt sie in unmittelbarer Nähe wieder frei. Es ist aber nicht so, dass die Alttiere das Junge nicht mehr annehmen, wenn man es kurz angefasst hat.

Es nützt nichts, neben dem Vogel zu warten, bis die Elterntiere zurückkommen. Im Gegenteil, erst wenn man weitgenug weg ist, werden sie zurückkehren – und das kann oft auch länger dauern, da sie meist Junge an mehreren Orten zu versorgen haben.

Artenerhebung und Artenschutz sind wichtige Punkte des Vereins.

Bild: Klaus Graber

Wie ist es mit anderen Tieren?
Junge Hasen oder Rehe sollte man auch einfach vor Ort lassen. Hundebesitzer sollten ihre Hunde vor allem in der Zeit von April bis Ende Juli – in Uferzonen auch bis Ende August – unbedingt an die Leine nehmen und auf den Wegen bleiben.

Junge Hasen werden häufig in einem Nest oder einer Erdmulde am Boden großgezogen. Dort können sie Hunde leicht aufspüren und stören oder sogar verletzen und töten. Hilflose Jungtiere sind eine leichte Beute.

In Naturschutzgebieten gilt ein Wege-Gebot. Besonders Bodenbrüter werden viel zu oft durch Freizeitsuchende bei der Aufzucht ihrer Jungen gestört.

Stichwort Vögel füttern. Sollte man sie auch im Frühjahr weiter versorgen?
Experten raten auch im Frühjahr weiter zu füttern. Der massive Insektenschwund wirkt sich auch direkt auf die Aufzucht der Vögel aus. Deswegen ist es förderlich, wenn man den Elterntieren durch Zufütterung hilft.

Worauf muss man beim Vogelfutter achten?
Einfache Faustregel: Besser weniger aber qualitativ gutes Futter und keine Speisereste. Also nichts Gesalzenes oder Gewürztes, kein Brot, keine Kekse ect. Am besten nur Samen oder Futter aus dem Fachhandel füttern. Dabei sollte man auf große Säcke mit Sonnenblumen oder Winterfutter verzichten. Dieses ist manchmal qualitativ sehr schlecht.

Das Futter muss trocken gelagert werden, sonst können sich Schimmelsporen bilden, die für die Tiere tödlich sein können.

 

„Das Gleichgewicht in der Natur stimmt schon lange nicht mehr und dies wird für uns Menschen viele negative Folgen mit sich bringen.“

2019 wurde ein Bericht zur globalen Artenvielfalt präsentiert mit erschreckenden Zahlen. Rund eine Millionen Arten drohen auszusterben. Als Verein macht ihr auch regelmäßig Artenerhebungen.
Genau. Durch die regelmäßigen Beobachtungen merkt man, wie vielfältig die Natur ist. Aber immer mehr Arten verschwinden für immer und mittlerweile hat dies ein Ausmaß angenommen, das sehr besorgniserregend ist.

Wenn wir jetzt nicht verstehen, dass sich etwas ändern muss, und wir nicht bereit sind, unsere Lebensweise zu ändern, werden wir das massive Artensterben nicht mehr aufhalten können. Das Insektensterben zeigt das Ausmaß der Katastrophe auf – hier reden wir von Einbrüchen in den vergangenen Jahren von bis zu 70 % Biomasse und 60 % der Arten.

Zusätzlich kommen immer mehr Schädlinge wie zum Beispiel die Zecke, die in den vergangenen Jahren sehr stark zugenommen hat. Sie ist nicht nur für den Menschen äußerst gefährlich, sondern auch für viele Tiere wie Igel, Rehe, Hasen oder Eichhörnchen. Auch sie können durch Zeckenbisse gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod erleiden. Das Gleichgewicht in der Natur stimmt schon lange nicht mehr und dies wird für uns Menschen viele negative Folgen mit sich bringen.

Der Verein ist jung und kümmert sich um alles rund um die Natur – auch um das Aufsammeln von altem Stacheldraht.

Bild: Klaus Graber

Was kann jeder einzelne konkret beitragen, um die Natur zu schützen?
Jeder einzelne ist wichtig und kann zu positiven Veränderungen beitragen. Als Konsumenten haben wir die Macht, eine nachhaltigere Produktnachfrage zu gestalten. Weniger Chemie, kürzere Transportwege, weniger Fleisch und viel mehr regionale und nachhaltige Naturprodukte können aktiv dazu beitragen, unsere Natur zu schützen.

Was soll sich in Zukunft ändern?
Jeder sollte an sich selbst arbeiten, sozusagen vor der eigenen Haustür kehren. Wir haben in diesem Winter gesehen, dass beispielsweise sehr viele der Skitourengeher trotz Sensibilisierung querfeldein durch die Wälder abfährt. Dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, nutzt der Natur überhaupt nichts. Nur durch gezielter Besucherlenkungen in Naturschutzgebieten und ausgewiesenen Wildruhezonen sowie der Bereitschaft der Naturfreunde, auf etwas zu verzichten, können wir der Natur weiterhelfen.

Der Verein organisiert regelmäßig Führungen und Erkundungstouren.

Bild: Klaus Graber

Wie kann das funktionieren?
Dort wo der Mensch tabu ist, können sich Wildtiere frei entfalten und ihre Jungen in Ruhe aufziehen. Es ist natürlich immer schwierig, wenn man die Freiheiten des Menschen einschränkt, aber nur so können wir in dieser bewegten Welt unseren bedrohten Wildtieren ein Rückzugsgebiet schenken. Damit machen dann auch ausgewiesene Biotope, Naturparks und andere Naturschutzgebiete einen Sinn und sind nicht nur Werbemittel.

Besucher in Naturschutzgebieten und Sportaktivitäten kann man lenken. An den ausgewiesenen Wegen und Aussichtspunkten kann der Besucher dann sogar häufiger Wildtiere beobachten. Die Tiere begreifen nämlich schnell, dass die Menschen nur bis zu diesem Punkt und nicht weiter gehen und somit auch keine Gefahr mehr für sie bedeuten. Das ist doch toll oder?

Abschließend: Was sind deine persönlichen Wünsche für die Zukunft?
Mein Wunsch wäre es, dass sich viel mehr Menschen aktiv für die Natur einsetzen. Es geht schließlich um unsere Zukunft, um die Zukunft von Mensch und Tier. Konsequenter Naturschutz, Förderung der Artenvielfalt und nachhaltige Maßnahmen gegen die Erderwärmung sind zurzeit noch machbar, doch wahrscheinlich nicht mehr lange! Es ist höchste Zeit zu handeln!

Die aktuelle Pandemie ist der Preis, den wir für die Zerstörung der Erde zahlen. Trotz allem versuche, ich optimistisch zu bleiben und mit unserem Verein Naturtreff Eisvogel EO aufzuzeigen, wie schön und vielfältig unsere Natur ist.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Interview zum Islamismus

„Wir Muslime müssen Extremisten isolieren“

Ist der Islam eine Religion des Friedens? Oder eine Ideologie der Unterdrückung? Der Islamforscher Ahmad Milad Karimi plädiert für einen differenzierten Blick.
0    
Raiffeisenverband Südtirol

Selbst ist die Frau

Geld schafft finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit. Aber wie können sich Frauen diese aufbauen?
0    
Drahthaus ft. Aunty

Dopamine

Im neuen Song von Drahthaus ft. Aunty geht es um das Gefühl im Sommer 2020: Der Lockdown ist beendet, es wird wieder ausgiebig gefeiert, aber ein Stück Unwohlsein bleibt.
Rezepte und Geschichten

„Oma, i hon Hunger!“

Mit Mehl, Kartoffeln, Butter, Eiern, Milch und einer Handvoll Schnittlauch: Rezepte und Geschichten von Oma Marie aus dem Sarntal.
0    
 | 
Kommentar zur Mobilität

Bahnfahren ist wieder cool

Nachtzüge, niedrige Preise, Fernverbindungen: Die Eisenbahn erlebt ein unverhofftes Comeback. Eine Liebeserklärung an Gleis und Schlafabteil.
0    
Anzeige
Anzeige