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Interview mit Gerichtsmediziner

Sterben geht leise

Während Covid-19 laut durch Medien wütet, bleiben die größten Risiken für den Menschen unbemerkt. Gerichtsmediziner Martin Grassberger hat darüber ein Buch geschrieben.

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Bild: Martin Grassberger

Woran sterben wir am häufigsten? An Alkohol? An Tabak? An Verkehrsunfällen? Falsch. Der größte Risikofaktor ist eine falsche Ernährung. Solche Tode sind jedoch unspektakulär und daher kaum in Medien präsent. Was stattdessen in Zeitungen steht, sind Flugzeugabstürze oder globale Pandemien. Wir vergessen deshalb, wie schleichend der Tod an unsere Tür klopft und dass in vielen Fällen das Risiko vermieden werden kann.

Um unseren Blick zurück auf das Wesentliche zu führen, hat Martin Grassberger ein Buch geschrieben, das 2020 in der Kategorie „Naturwissenschaft/Technik“ zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt wurde. In „Das leise Sterben“ beschreibt der Biologe und Facharzt für Gerichtsmedizin die großen Zusammenhänge unserer modernen Zivilisation. Er zeigt auf erschreckende und wachrüttelnde Weise, wie unsere moderne Landwirtschaft und Ernährung uns und unsere Umwelt krank machen.

„Verdeckt von dem Credo des technologischen Fortschrittes und des wirtschaftlichen Wachstums, hat sich der Mensch unbemerkt eine zunehmend lebensfeindliche Umgebung erschaffen, für die er mit seiner evolutionären Ausstattung kaum gewappnet ist“  (Aus: „Das Leise Sterben“)

In Ihrem Buch „Das leise Sterben“ beschreiben Sie sogenannte leise Epidemien als eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Damit meinen Sie wohl nicht die Corona-Pandemie, denn die war ja sehr laut.
Martin Grassberger:
Gemeint sind damit die chronischen Zivilisationserkrankungen: Übergewicht, Diabetes-Typ-II, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien, neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer, aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angsstörungen. Das "Leise" daran ist – die WHO spricht von "slow-motion-desaster" –,  dass es Entwicklungen im Zeitlupentempo sind, die erst bemerkt werden, wenn man größere Zeiträume vergleicht. Diese Erkrankungen nehmen seit den letzten Jahrzehnten alle massiv zu, nicht nur in den westlichen Industriestaaten, sondern auch in „Schwellenländern“ wie Indien und China, die unseren Lebensstil übernehmen.

Steigender Wohlstand, steigendes leises Sterben?
Das kann man so sehen, ja. Das Spannende bei China oder Indien ist, dass diese Länder die Entwicklung in viel kürzeren Zeiträumen durchmachen als wir, wo sie langsam nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hat. Das heißt: Dort kann man die Entwicklung aus medizinisch-epidemiologischer Sicht quasi in Echtzeit betrachten.

Als Gerichtsmediziner sind Sie täglich mit dem Tod konfrontiert. Haben Sie deshalb das leise Sterben erkannt, das anderen verschleiert bleibt?
In unserem Gesundheitssystem weiß man ja, dass immer mehr Leute an diesen Krankheiten leiden. Die volle Katastrophe hat sich aber erst jetzt durch das Zusammentreffen von zwei Pandemien gezeigt: auf der einen Seite zunehmendes Übergewicht und chronische Krankheiten, auf der anderen Seite Covid-19. Mittlerweile weiß man auch, dass gerade Menschen mit Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck etc. ein erhöhtes schweres Erkrankungs- und Sterberisiko beim Coronavirus aufweisen.

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen den "leisen Epidemien“ und der "lauten" Corona-Pandemie?
Aus medizinischer Sicht gibt es einen wichtigen gemeinsamen Nenner: das Mikrobiom – also die Bakterien, die in uns wohnen. Fast alle diese chronischen Krankheiten weisen eine Verbindung zu einem gestörten Mikrobiom auf. Bei der Covid-19 Pandemie kommt man jetzt auch darauf, dass sie mit einer Störung im Mikrobiom zusammenhängt, das ist aber noch nicht kausal bewiesen. Jedenfalls wird das Mikrobiom gefüttert durch das, was wir täglich essen. Und eine falsche Ernährung oder Umweltgifte wie Pestizide führen zu einem gestörten Mikrobiom, was wiederum zu chronischen Krankheiten führt und zu schwereren Corona-Verläufen. Das sind im Grunde Folgen unserer modernen Lebensweise.

Bild: Residenz Verlag

Was läuft bei unserer modernen Ernährung falsch?
Besonders wichtig für ein gesundes Mikrobiom ist eine pflanzliche Lebensmittelvielfalt. Von der Ernährungsmedizin wissen wir auch, dass man damit chronische Erkrankungen sogar behandeln kann. Uns wird aber eine Vielfalt der Lebensmittel durch bunte Verpackungen nur vorgegaukelt. Tatsächlich bestehen ungefähr 60 Prozent der Kalorien von Supermarktprodukten aus nur drei Getreidesorten: Weizen, Mais und Reis in irgendeiner Weise - meist die raffinierte Form. Dazu kommen noch Zusatzstoffe, die ebenso schlecht fürs Mikrobiom sind.

Und wo liegt das Problem in der Landwirtschaft?
Angebaut wird was leicht anzubauen geht und viel Ertrag bringt. Der Weizen etwa wird bei uns im Überschuss produziert und dann am Weltmarkt gehandelt. Aber die menschliche Natur braucht eigentlich ganz was anderes. Diese saisonale Vielfalt gibt es in den großen Betrieben kaum. Einerseits ist es eine wirtschaftliche Errungenschaft, dass wir mit intensiver Landwirtschaft und modernen Maschinen den Hektarertrag steigern konnten. Durch die intensive Landwirtschaft geht aber auch die Biodiversität extrem zurück.

Welche Errungenschaften der modernen Lebensweise spielen noch eine Rolle?
Die Urbanisierung führt zum Beispiel dazu, dass immer weniger Menschen Kontakt zum Boden und zur Natur haben. Das sind aber wichtige Quellen von Mikroorganismen. Studien zeigen: Je mehr Kinder im Dreck spielen und naturnah aufwachsen, umso besser entwickelt sich ihr Mikrobiom und umso weniger sind sie später anfällig für viele dieser chronischen Krankheiten.

Sie kritisiern in Ihrem Buch auch die Politik, die nichts am System ändert. Warum nicht?
In Handarbeit kleine Gemüsegärten zu betreiben ist natürlich arbeitsintensiv. Und davon will im Moment noch keiner etwas wissen. Als Politiker blickt man nun mal auf Umfragewerte, um wiedergewählt zu werden. Man will also ungern Dinge umsetzen, die die Leute nicht wollen.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Politik sehr wohl in der Lage ist, schnell Entscheidungen zu treffen, die gegen wirtschaftliche Interessen gehen. Gibt das Hoffnung, dass es zu einem Paradigmawechsel auch in der Landwirtschaft kommen kann?
Es stimmt, viele Menschen haben während der Pandemie umgedacht, sich regionalen Produzenten zugewandt und so weiter. Was aber auffällt ist, dass es den meisten Menschen jetzt schon reicht und sie wieder in ihr altes "Normal" zurückwollen. Ein Teil der Bevölkerung wird sicher eine Lektion aus der Pandemie gelernt haben, aber leider ein nicht zu unterschätzender Teil wird wieder in alte gewohnte Lebens- und Wirtschaftssturkturen zurückfallen. Und die sind ungesund.

Ein letzter Ratschlag an die einzelnen Konsumierenden?
Beschäftigen Sie sich vermehrt mit diesen ganzen Zusammenhängen. Dann werden Sie verstehen, dass es eben nicht egal ist, was der Einzelne tut.

 

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