Anzeige
Interview mit Philosophin Lisz Hirn

Politik muss nicht böse sein

Unser politisches System gilt als korrupt. Philosophin Lisz Hirn plädiert dafür, trotzdem politisch aktiv zu sein und gibt moralische Richtlinien vor.

Macht Politik böse

Bild: Pixabay

Lisz Hirn ist Philosophin, Dozentin und Autorin, sie befasst sich vor allem mit Philosophie und Kunst im Alltag. 2022 erschien ihr Buch "Macht Politik böse? Zehn Trugschlüsse" (Leykam), einer Streitschrift, die auf die eigenen Vorurteile eingeht. 

Das Vertrauen in die Politik sinkt immer mehr. In deinem Buch „Macht Politik böse?“ schreibst du, dass diese Politikverdrossenheit gerade in Krisenzeiten gefährlich ist. Was macht sie so gefährlich?
Lisz Hirn:
Ich glaube den Politikerinnen und Politikern hat man auch früher selten vertraut. Aber dass man dem politischen System nicht mehr vertraut oder nicht mehr glaubt, dass die Demokratie unsere Probleme lösen kann, das halte ich für besorgniserregend.
Die Menschen sehen, dass es ein Korruptionsproblem gibt und sind immer weniger bereit, sich politisch zu engagieren. Sie denken, es kann ja eh nicht besser werden und man sollte sich deshalb gar nicht erst die Hände schmutzig machen. Aber wenn Politik nur mehr die Leute anzieht, die ohnehin keinen hohen moralischen Standard haben oder echte Veränderungen durchbringen wollen, dann haben wir ein Problem.

Kam dir deshalb die Idee zu dem Buch, weil in deinem Umfeld viele Menschen so denken und sagen: „Die da oben ändern ja sowieso nichts?”
Der ausschlaggebende Punkt für das Buch kam 2020, zu Beginn des Corona-Lockdowns. Da haben die Leute gesagt: „Da passiert ja wirklich was in der Politik, die Politikerinnen und Politiker können Entscheidungen treffen, die existenzverändernd sein können.“ Und trotzdem wollten sich die wenigsten an der Politik wirklich beteiligen. Das hat mich erstaunt, dass sie darin keinen Widerspruch sahen. Und das wollte ich mit dem Buch aufgreifen.

Titel & Urheber des Bildes: 
Nikolai Friedrich

Du warst selbst politisch aktiv. Ist dieser Eindruck der Menschen also falsch?
Ich war auf niederschwelliger Bezirksebene tätig. Mir ist dort aufgefallen, dass es oft sehr engagierte Menschen gibt, die wirklich viel Einsatz zeigen, obwohl sie nur eine kleine Aufwandsentschädigung kriegen, die nicht der Rede wert ist. Diese Menschen versuchen wirklich, Werte umzusetzen und ihre unmittelbare Umgebung zu verbessern. Aber trotzdem fallen sie unter dieses generelle Vorurteil rein. Sie müssen sich auch ständig dafür rechtfertigen, was ihre Partei macht und so weiter. Aber es ist ein großer Unterschied, ob du in deiner Gemeinde ansprechbar bist oder in der Bundespolitik oder gar Europapolitik tätig bist, wo eben diese Ansprechbarkeit nicht mehr da ist.

Was oft zum Vertrauensverlust führt, ist Korruption: in Österreich etwa die Ibiza-Affäre. Du sagst aber, es sei ein Denkfehler, von einer Fehlleistung eines Einzelnen auf alle Politikerinnen und Politiker zu schließen.
Was uns Sorge bereiten sollte, sind gar nicht so sehr die einzelnen Politiker, die mal danebenhauen, die bekommen wir durch Wahlen Gott sei Dank wieder weg. Aber die Frage ist, warum die politischen Kontrollinstanzen nicht gut genug greifen, um solche Fehlleistungen überhaupt zu verhindern? Da ist mehr Transparenz dringend notwendig, um dieses Vertrauen zurückzubekommen.

Der political correctness müssen politische und ökonomische Maßnahmen folgen, ansonsten bleibt es einfach nur Marketing.

In deinem Buch geht es auch um Moral. Du sagst, bevor wir von unseren Politikern verlangen, moralisch einwandfrei zu handeln, müssen wir diesen Anspruch bis in seiner letzten Konsequenz denken. Und dazu gehören auch unangenehme Entscheidungen, die aber moralisch korrekt wären, wie etwa Vermögenssteuern für Reiche, weniger Flugverbindungen und kein Schnitzel mehr auf dem Teller. Das klingt für mich nach einer grün-linken Politik. Ist die moralisch korrekter?
Es geht darum, die richtigen, also die vernünftigen, Entscheidungen zu treffen und nicht nur die, von denen ich temporär einen Vorteil habe. Ich kann nicht sagen, grün-linke Politik an sich wäre moralischer. Aber ihr Ansatz zu sagen, wir müssen jetzt nachhaltige Entscheidungen treffen, wir haben Verantwortung auch im Hinblick auf zukünftige Generationen, halte ich auf jeden Fall für den vernünftigeren Zugang.

Nach welchen moralischen Maßstäben sollten wir unsere Politiker und Politikerinnen also bewerten?
Aus meiner Erfahrung ist es immer gut, wenn jemand bereit ist, sich Transparenzkriterien zu unterstellen. Auch muss man sich überlegen, wie man Politik betrachtet. Also wählt man taktisch, um zu versuchen, auf der Gewinnerseite zu landen? Dann geht es natürlich um Mehrheiten und um jede Stimme. Oder sieht man Politik als eine Repräsentation von Werten und Utopien? Ich würde immer empfehlen, sich für die Utopien zu entscheiden.

Titel & Urheber des Bildes: 
Leykam Verlag

In deinem Buch bezeichnest du political correctness als moralisch fragwürdig. Warum?
Ich finde es zwar wichtig, wie wir miteinander und übereinander reden. Aber das würde ich nicht als alleinigen Ansatzpunkt für die Beurteilung von Moralität hernehmen. Einfach deshalb, weil man das sehr gut missbrauchen kann. Der political correctness müssen politische und ökonomische Maßnahmen folgen, ansonsten bleibt es einfach nur Marketing.

Dein Fazit am Ende des Buchs: Die Politik ist nur so böse, wie wir Bürger sie sein lassen. Wie können wir uns als mündige Bürgerinnen und Bürger so beteiligen, dass die Politik weniger „böse“ ist?
Jemand, der in einem politisch interessierten Elternhaus aufwächst, das Nachrichten hört und so weiter, neigt eher dazu, selber wählen zu gehen oder sich überhaupt zu informieren. Das sehe ich bei verschiedenen Projekten mit jungen Leuten. Wir haben also eine Vorbildwirkung – nicht nur als Elternteil, sondern überhaupt im Bekanntenkreis.
Zu Leuten, die sagen: „Ich fühl mich eh nicht repräsentiert, ich gehe nicht wählen“, erwidere ich immer, dass auch eine weiße abgegebene Stimme zählt. In einer Demokratie geht uns Politik nun mal an, egal ob wir wollen oder nicht. Was auch helfen kann, aus dieser Haltung rauszukommen: Einfach mal zu einer öffentlichen Gemeindesitzung gehen und reinschnuppern, wie Politik so gemacht wird.

 

 

 

Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Podcast

„Wir müssen uns entkolonialisieren“

Tom Porter engagiert sich seit jeher für die Wiedergeburt der native americans. Ein langwieriges und schwieriges Unterfangen, sagt Porter in der zweiten Folge des Podcasts mit Wolfgang Mayr.
0    
Podcast

„Wir sagen danke“

Tom Porter ist ehemaliges Ratsmitglied und politischer Aktivist der Mohawk Nation. Im Podcast von Wolfgang Mayr spricht er über die Solidaritätsarbeit europäischer Menschenrechtsorganisationen für die first nations in Nordamerika.
0    
 | 
Kinderbetreuung

Die neuen Väter

Als Vollzeitpapa ist Simon Profanter in Südtirol fast schon ein bunter Hund. Freunde und Bekannte sehen ihn sogar als Superdad. Dabei leben seine Frau und er einfach nur in einer gleichberechtigten Beziehung.
0    
 | 
Interview mit Psychologin

Der Nachbar macht's ja auch nicht

Die Umweltpsychologin Isabella Uhl geht in einem Buch der Frage nach, warum wir trotz dem Wissen über den Klimawandel nicht ins Handeln kommen und was wir dagegen tun können.
0    
 | 
Podcast

Anerkannte Existenz

Ortsnamen in Minderheitensprachen sind Zeugnisse für das Vorhandensein von Anderen, sagt der Kärntner Geograph Peter Jordan im Podcast von Wolfgang Mayr.
0    
Anzeige
Anzeige