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"Im Dauerkrisenmodus"

Ist die Generation Z eine entscheidungsunfähige, zukunftspessimistische und arbeitsverweigernde Generation? Jugendforscher Simon Schnetzer klärt auf.

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Bild: Pixabay

Simon Schnetzer ist Jugendforscher, Speaker und Futurist. Der Generationenforscher hat mit seinen Studien vor 13 Jahren begonnen, weil sich sein Einstieg in die Arbeitswelt „wie eine Zeitreise in die Vergangenheit“ angefühlt hat. Laut Simon tickt die Arbeitswelt, trotz neuer Bedürfnisse der jungen Generationen, immer noch gleich. Wieso ist das so? Wie geht’s der Jugend von heute? Was sind ihre Probleme? Was brauchen sie und was müsste Politik tun? Mit diesen Fragen hat sich der 43-Jährige für zwei Monate aufs Rad geschwungen und ist mittels Couch Surfing und Co. durch ganz Deutschland getourt, um junge Menschen zu deren Bedürfnissen zu befragen und an seiner Forschung zu beteiligen.

Simon, was waren die zentralen Erkenntnisse deiner Forschungs-Tour?
Das wohl häufigste Phänomen meiner Befragungen war, dass unglaublich viele junge Menschen, mit den exakt gleichen Problemen hadern, sich damit aber total allein fühlen. Probleme der Jugend werden häufig als individuelle und nicht als strukturelle Probleme wahrgenommen: Ich weiß nicht wohin mit mir, ich finde keinen passenden Jobeinstieg, ich bin unzufrieden, nicht gut genug usw. Sobald es mehreren Menschen einer bestimmten Altersgruppe aus gleichen Gründen schlecht geht, ist das ein Thema für die Politik.

Wie geht es aktuell den jungen Menschen?
Im Moment ist die psychische Gesundheit das zentrale Thema bei der Gen Z. Unsere Studie dazu „Die Jugend im Dauerkrisenmodus “ zeigt, dass über 27% Depressionserfahrungen teilen. Trotzdem haben die Leute, die zur Generation Z gehören, meist das Gefühl: Nur mir alleine geht’s schlecht.

Wer ist Teil der Gen Z und sind solche Abgrenzungen überhaupt sinnvoll?
Zur Gen Z gehören alle, die zwischen 1995-2010 geboren sind. Die Jahreszahlen sind dabei weniger bestimmend als die gesellschaftlichen und technologischen Errungenschaften und Themen. Die Wissenschaft macht solche Abgrenzungen schon lange und spricht dabei von Adoleszenten und wirft mit Fachbegriffen um sich. Ich bin froh, dass wir nun von X, Y, Z sprechen, weil die Jugendforschung dadurch populär und der Diskurs viel lauter geworden ist. Die Generationen werden also dadurch bestimmt, was in deiner Jugend – der prägendsten Zeit deines Lebens – als „normal“ gilt.

Was gilt heute als normal im Vergleich zu früher?
Das Kommunikationsverständnis. Bei früheren Generationen war es normal, einen Brief zu schreiben, ihn in den Briefkasten zu werfen und mehrere Wochen auf eine Antwort zu warten. Heute posten wir etwas und erwarten, innerhalb von drei Minuten eine Antwort. Auch die Familiengründung hat sich stark verändert: In der Nachkriegsgeneration gab es etwa keine Verhütungsmittel. Erst seit den 60er-Jahren sind Kinder eher Wunschkinder. Früher gab es Generationenhäuser, heute leben die meisten Generationen alleine. Ein weiteres Beispiel von früher wäre der große Respekt vor dem Alter, dem Wissen und der Erfahrung.

Simon Schnetzer

Bild: piomars

 

Ist die Generation Z respektlos?
Nein. Die Respektkultur hat sich einfach verändert. Man respektiert jemanden nicht mehr, weil er etwas auswendig weiß. Das kann sich heute jeder selbst innerhalb weniger Minuten auf Wikipedia abrufen. Wissen ist kein Garant für Respekt, wenn man mit Suchmaschinen aufwächst. Das war z.B. bei den Millennials noch anders.

Was sind die Unterschiede zwischen der Gen Z und den Millennials?
Der zentralste Unterschied ist wohl die Kommunikation und die Fragen: Wie kommuniziert man? Wie verabredet man sich? Heute können wir jederzeit spontan schreiben, Termine absagen, verschieben, usw. Für die Millennials war das alles Gesetz. Man hat sich zum Fußball und Tanzen verabredet, sich getroffen und wenn man keine Zeit hatte, ist man dort hingekommen und hat gesagt, dass man nicht kann. Als Übergangsgeneration, vergleichen die Millennials gerne alles mit früher und sind zum Beispiel bei Social Media wie Tik Tok viel vorsichtiger. Während für die Gen Z diese ganzen digitalen Medien einfach normal sind, hinterfragen und reflektieren die Millennials sie permanent mit großer Skepsis. Generation Zler sind sogenannte digital natives, also Menschen, die mit neuen Medien aufgewachsen sind.

Was für Folgen hat es, ein digital native zu sein?
Ja viele. Die Generation Z ist enorm den Online-Vergleichen ausgesetzt, weil sie sich aktuell in der Lebensphase der Orientierung befinden. Wo will ich hin im Leben? Was will ich tun? Wer möchte ich sein? In dieser Lebensphase ist man viel anfälliger, sich zu vergleichen. Das war logisch früher auch schon so, aber da hat man sich auf dem Schulhof mit echten Menschen verglichen. Jetzt vergleicht man sich international. Viele junge Menschen haben daher das Gefühl, nicht genug zu sein.

Diese sozialen Medien werden doch sowohl von der Gen Z als auch von den Millennials genutzt. Wieso sind Millennials weniger anfällig für den psychischen Druck?
Sie sind viel resistenter, weil sie sich nicht mehr so stark in den kritischen Lebensphasen der Orientierung befinden. Die Millennials nutzen zur Selbstdarstellung eher LinkedIn oder ganz typisch bei jungen Mamas der Mutti Content. Millennials wollen dann Bestätigung; wie lieb das Kind angezogen oder der Kuchen gebacken wurde, aber nicht so sehr zu ihrer Person selbst, wie die Generation Z.

Die Generation Z ist enorm den Online-Vergleichen ausgesetzt

Was sind die Werte der Gen Z?
Gesundheit, Freiheit und Freunde und Familie. Gesundheit bezog sich vor der Pandemie speziell auf den Healthy Lifestyle, Fitness, Beauty, Achtsamkeit, schickes Essen usw.

Gen Z: Die entscheidungsunfähigste Generation. Ist das wahr?
Ja (lacht). Die Gen Z hat viel mehr Probleme, Entscheidungen zu treffen, wegen der vielen und unendlichen Möglichkeiten. Bei der Generation Y war eine Entscheidung mehr wert. Bei der Gen Z ist sie viel eher eine Statusmeldung, die gleich wieder geändert werden kann. Gen Z will sich nicht entscheiden und muss es auch nicht. Amazon geht beispielsweise perfekt darauf ein: Du musst nichts suchen, hier hast du Angebote, probier alles aus, sollte es nicht passen, schick es zurück. Keine Verbindlichkeit liebt die Gen Z.

Sind die Resultate daraus, unverbindliche bspw. polygame Beziehungsmodelle?
Diese Entscheidungsunfähigkeit ist überall vorhanden, also ja. Daten ist doch heute viel schwieriger und anstrengender als früher! Du swipest tausende Gesichter durch, gehst dann auf ein Date und legst alles dieser Person auf die Waagschale, weil du noch viele Alternativen hast. Es kann immer sein, dass wer Anderes die bessere Entscheidung sein könnte.

Sind diese unendliche Möglichkeiten Segen oder Fluch?
Die Gen Z sagt vermutlich Segen. Ich sage Fluch. Wenn du Menschen der Nachkriegszeit befragst, sagen sie: „Wir hatten nichts und wir waren zufrieden.“ Zufriedenheit kommt nicht durch mehr Auswahl, sondern durch Entscheidung. Erst durch die Entscheidung kann man Positives darin erkennen. Solang man keine Entscheidungen trifft, bleibt man rast- und ruhelos.

Geht es der Gen Z deshalb psychisch oft schlecht?
Mental Health Issues sind ein ganz zentrales Thema der Generation. Die neuen Errungenschaften bergen hier oft viele Nachteile für junge Menschen in heiklen Entwicklungsphasen. Früher, wenn du nicht selbst an der Kriegsfront warst, hast du vielleicht Kriegspost bekommen oder im Radio einmal am Tag was dazu gehört. Heute wird man in Echtzeit mit unendlich vielen Bildern, Videos und Berichten zum Krieg, Amokläufen und allem Übel auf der Welt konfrontiert. In der Jugendphase belastet das einen viel mehr. Man ist theoretisch ohne Filter und In Real Life bei einem Amoklauf oder einer Bombenzündung dabei. Die Gen Z befindet sich in einem Dauerkrisenmodus.

Inwiefern?
Die aktuellen Krisen sind beständige Krisen. Die Flüchtlingskrise 2015 ist zum Beispiel nach einer Zeit wieder abgeebbt. Es gab ein Anfang und ein Ende. Die Gen Z ist von Krisen betroffen, die nicht weggehen; Klimakrise, Corona Pandemie, Inflation, gesellschaftliche Spaltung, Krieg. Die Krisen überlappen sich. Es ist nicht so, dass eine Krise aufhört und die andere beginnt, sondern sie exponentiell nur wachsen. So zeigen Studien, dass die Sorgen um die Klimakrise aktuell gleich hoch sind wie die vor dem Krieg.

„Die Jungen wollen alle nicht mehr arbeiten!“ Stimmt das? Ist die Gen Z arbeitsunfähig?
Junge Menschen sind genauso leistungs- und arbeitsbereit wie Menschen von früher. Allerdings wollen sie anders motiviert werden. Junge Menschen wollen Spaß, Sinn und Sicherheit und brauchen wahnsinnig viel Feedback. Die Gen Z ist mit der Social Media Feedbackkultur aufgewachsen: Ein Foto in der Umkleide, entscheidet über den Kauf von einem Kleid oder nicht: Abwarten, Rückmeldung, Entscheidung. Daraus entsteht extreme Abhängigkeit. Führungskräfte müssen sich dahingehend anpassen. Was stimmt ist, dass es durch die Merkmale der Gen Z es viel schwerer ist, solche Leute an ein Unternehmen zu binden. Kurzum wollen sie mehr verdienen und weniger arbeiten. Besonders wichtig ist ihnen die Work Life Balance.

Wie steht es um die Zukunft der Gen Z?
Ich wünsche ihr, dass die Politik endlich zuhört: Was brauchen junge Menschen? Wie erreichen wir das? Ein wichtiger und oft genannter Punkt ist zum Beispiel das Einbauen von Umgang mit Stress (Stressbewältigung, -resistenz usw.) und Finanzen in das Bildungssystem. Ich hoffe die Gen Z kann noch einmal Zuversicht gewinnen, dass es sich trotz Dauerkrisen lohnt für diese Welt zu leben und zu streben.

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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